Schweiz nimmt Corona-Lage mit Gelassenheit statt Panik

Passagiere mit Mund-Nasen-Schutz gehen am Bahnhof Locarno über den Bahnsteig. Seit Juli 2020 müssen landesweit aufgrund der Corona-Pandemie alle Passagiere in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maske tra... Foto: Samuel Golay/Keystone/ti-press/dpa
Passagiere mit Mund-Nasen-Schutz gehen am Bahnhof Locarno über den Bahnsteig. Seit Juli 2020 müssen landesweit aufgrund der Corona-Pandemie alle Passagiere in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maske tra... Foto: Samuel Golay/Keystone/ti-press/dpa

GENF: Man stelle sich vor, in Deutschland würden täglich doppelt so viele Corona-Infektionen gezählt und es wären mehr als doppelt so viele Menschen gestorben. Noch drastischere Maßnahmen wären wohl die Folge. Nicht so in der Schweiz. Dort ist Gelassenheit angesagt.

Die Corona-Lage in der Schweiz ist dramatisch. Pro 100.000 Einwohner gab es zuletzt innerhalb von sieben Tagen 351 Infektionen, in Deutschland unter 140. Seit Beginn der Pandemie sind pro 100.000 Einwohner in der Schweiz 41 Menschen gestorben, in Deutschland 16. Das sind Spitzenwerte im europäischen Vergleich - und dennoch geben sich Politik, Behörden und die Gesellschaft entspannt.

Am Montag meldete das Bundesamt für Gesundheit 9751 neue Infektionen innerhalb von drei Tagen. Vergleiche sind schwierig, zumal an Wochenenden oft weniger getestet wird. Bei aller Vorsicht und unter Berücksichtigung der Bevölkerungsgröße war das aber etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Ebenfalls gemessen an der Bevölkerungsgröße starben in den drei Tagen in der Schweiz vier mal so viele Menschen im Zusammenhang mit dem Virus wie in Deutschland.

Vielerorts sind Bars, Restaurants und Kinos geöffnet, auf Märkten herrscht reges Treiben, in Kasinos wird gezockt, in Fitnesscentern geschwitzt, und Bordelle sind auch geöffnet. Die Bundesregierung hob die Höchstzahl von 1000 Zuschauern bei Großveranstaltungen am 1. Oktober auf. Einkaufszentren landauf, landab haben mit dem Weihnachtsgeschäft begonnen, in einem Fall mit einem Gewinnspiel, bei dem sich Hunderte dicht gedrängt auf ein paar Lose stürzten.

«Die Schweiz stellt Sparsamkeit über das Leben», titelte die US-Zeitschrift «Foreign Policy» gerade. Der Autor Joseph de Weck, ein Schweizer Historiker, ist empört über einen Satz von Finanzminister Ueli Maurer, der meinte, die Schweiz könne sich keinen zweiten Lockdown leisten. «Er zeigt, dass es für die Schweiz vollkommen in Ordnung ist, eine Debatte über eine vermeintliche Güterabwägung zwischen Gesundheit und Geld zu führen», sagte er dem Sender SRF. Maurer steht dazu. Im Videointerview auf der Webseite seiner Partei, der rechten SVP, sagte er am 10. November, Wissenschaftler sähen nur die Gesundheit, aber man müsse schließlich auch Geld verdienen.

Eigentlich müssten die Kantone handeln. Föderalismus ist eine heilige Kuh in der Schweiz. Die Kantone verteidigen ihre Hoheiten mit Zähnen und Klauen. Nur zu Beginn der Corona-Pandemie hielten sie sich zurück. Im Frühjahr übernahm kurz die Bundesregierung das Zepter und schloss für vier Wochen alle Geschäfte, Clubs und Restaurants. Doch nach der ersten Entspannung löste der Krisenstab sich im Juni auf und überließ die Verantwortung wieder den Kantonen. Mit fatalen Folgen.

Im Oktober sind die Infektionszahlen explodiert, trotz wochenlanger Mahnungen der Wissenschaftler. Dutzende Ökonomen schrieben Anfang November einen offenen Brief: «So schwer es fällt und so schmerzhaft es sein wird, die Schweiz braucht einen zweiten Lockdown, gekoppelt mit umfassenden fiskalischen Unterstützungsmaßnahmen, um weiteren Schaden durch die Corona-Pandemie abzuwenden.»

Im Kanton Genf geriet die Lage fast außer Kontrolle, mit deutlich über 1000 Fällen pro 100.000 Einwohner. So schlimm war es in keiner anderen Region Europas. Anfang November reagierte die Kantonsregierung mit einem Lockdown: Sämtliche Geschäfte, Dienstleister und Restaurants wurden geschlossen. Mit dem Ergebnis, dass die Genfer sich teils noch mehr bewegen, etwa, um im Nachbarkanton Waadt zum Friseur zu gehen. Viel zu spät zogen auch andere Kantone die Zügel an. Erst diese Woche schließen auch in der Stadt Basel Restaurants, Bars, Cafés, Fitnesscenter, Kunsteisbahnen, Hallenbäder und Kasinos.

Das Bundesamt für Gesundheit bleibt entspannt: «Die Entwicklung stimmt mich tatsächlich vorsichtig optimistisch, es sieht nach einer Trendwende aus», sagte die Chefin Anne Lévy dem «Sonntagsblick». Die Sieben-Tage-Inzidenz ist von mehr als 450 pro 100.000 (vom 9. bis 15 November) auf zuletzt rund 350 Neuinfektionen binnen einer Woche gefallen. Auf 14 Tage berechnet liegt die Schweiz in Westeuropa damit aber mit an der Spitze, vor Italien, Großbritannien und Frankreich. Lévy macht daraus: «Wir stehen nicht wesentlich schlechter da als das europäische Ausland.»

David Nabarro, der Covid-Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die ihren Sitz in Genf hat, kann es nicht glauben. «Es überrascht mich, dass es nicht als nationaler Notstand behandelt wird», sagt er den Zeitungen des Medienunternehmens CH-Media.

Doch die «Neue Zürcher Zeitung» zollt der Schweizer Strategie Respekt: «Kein Lockdown, keine Panik - der Bundesrat behält im Corona-Stress die Nerven. Das verdient Respekt», schreibt sie in einem Kommentar. «Wenn der Großteil der Bevölkerung dieselbe Gelassenheit aufbringt wie der Bundesrat, dann kommt es gut.»

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OTTO ULLMANN 25.11.20 00:04
Aktuell: Fallzahlen halbieren sich alle 2 Wochen !
Martin Ackermann, Präsident der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes, sieht die Schweiz bei der Eindämmung des Coronavirus auf dem richtigen Weg. Momentan halbierten sich die Fallzahlen alle zwei Wochen.

"Das erste Etappenziel ist erreicht", sagte Ackermann am Dienstag vor den Bundeshausmedien. Es sei grossartig, wie viele Menschen dazu beitrügen. Wenn die Entwicklung so weitergehe, erreiche man viel: "Wir bekommen mehr Luft, die Kapazitäten beim Contact Tracing, in den Spitälern, aber auch für die Unternehmen werden grösser."

Aktuell verzeichnet die Romandie den tiefste Reproduktionszahl. Ackermann erklärt das mit den strengen Massnahmen, die in den Westschweizer Kantonen seit Wochen in Kraft sind.
Peter Brechbühl 24.11.20 18:10
Kein Grund zur Panik
Im Vergleich zum letzten Jahr ist die gesamte Sterblichkeit in der Schweiz gesunken. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres sind in der Schweiz 50 524 Menschen gestorben - im gleichen Zeitraum dieses Jahres waren es "nur" 49 979. Deshalb sehe ich keinen Grund zur übertriebener Panik. Zudem weiss jeder selber wie er sich wirkungsvoll schützen kann. Bleibt gesund :-)
Rainer Stutz 24.11.20 16:07
Berichtigung
Die Schweiz nimmt Corona wahrscheinlich ernster, als die Notbremsen-Politiker mit lockdown-syndrom. Dieser Artikel strotzt von Unkenntnis über die Massnahmen seitens der schweiz. Zudem auch die Daten sind klarer darzustellen. D.h., wir haben am Wochenende knapp 10.000, wie geschrieben, hatten aber vor 2 Wochen 10.000 am Tag ! (und nicht in 3 Tagen). Bereits der Rückgang von 10k auf 3k sollte jedem der nur ein Minimum von Reproduktionsrate versteht, einleuchten. Dem Schreiber des Artikel wohl nicht. Es geht hier auch nicht um ein Gesundheit/Wirschafts-Ping Pong (siehe Sylten), Gesundheit/Wirtschaft, es braucht ein gemeinsame Lösung, egal, was wir persönlich für eine Ansicht haben. Tatsache ist, das seit März 2020 die "Risiko-Gruppe" weder registriert wird, noch gezielte Massnahmen getroffen werden zum Schutz, ausser, dass man die Alterszentrum mit "Besuchsverbot" belegt und "hofft". Es ist einfacher "Volksquarantänen" durchzuführen, Talk-Shows zu veranstalten statt wirklich die Risikogruppe zu schützen. Wann werden die Menschen begreifen, dass alles vom eigenen Verhalten, Distanz, Masken tragen, usw. abhängt ?!
Thomas Sylten 24.11.20 13:21
Man könnte es natürlich auch so formulieren:
Gute Wirtschaftspolitik auf Kosten der Gesundheit der Bevölkerung.

In Vor-Corona-Zeiten waren wir uns mal einig, dass Gesundheit das höchste Gut ist, welches man sich zu einschlägigen Anlässen (Geburtstagen, Weihnachten etc) wünscht.