Sargträger gesucht

Fürs letzte Geleit ist das Personal knapp

Bestatter Michael Wasch und sein Sohn und Sargträger Patrice heben einen Sarg aus einem Leichenwagen. Foto: Bernd Thissen/Dpa
Bestatter Michael Wasch und sein Sohn und Sargträger Patrice heben einen Sarg aus einem Leichenwagen. Foto: Bernd Thissen/Dpa

DORTMUND (dpa) - Jeder kennt das Bild. Herren in Schwarz, die einen Sarg schweigend von der Kapelle zur Grabstätte tragen. Weniger bekannt: Für dieses letzte Geleit fehlen die Träger. Oft sind es Rentner, die die Lücke als Mini-Jobber schließen.

Wenn sie gerufen werden, ist der Anlass immer traurig. Und ob die Sonne knallt, es stürmt oder schneit - es soll würdevoll aussehen, wenn sie den Sarg zur Grabstätte tragen. Aber für das letzte Geleit fehlen die Sargträger. Und viele von ihnen sind längst im Rentenalter. «Wenn von sechs Trägern zwei schon über 80 sind, kann es schwierig werden. Die Leute sind heute schwerer, man kommt mit Sarg und Blumengesteck schnell auf ein Gewicht von 200 Kilogramm», sagt Michael Wasch vom Dortmunder Bestattungshaus Weber. Bis vor zwei Jahren hat er als Träger gearbeitet.

«Man muss Anstand mitbringen und einen respektvollen Umgang - und vor allem pünktlich und zuverlässig sein», erklärt Wasch. Die Träger stehen vor der Kapelle oder Kirche, tragen den Sarg zum Grab oder führen ihn auf einen Rollwagen dorthin und senken ihn dann möglichst gleichmäßig ab. «Es sind immer sechs Träger. Die in der Mitte sind wegen des Ausgleichs die wichtigsten.» Es sei nicht einfach, an Personal zu kommen, vor allem an jüngeres. «Es ist ja kein Vollzeitjob, man kommt nur auf einen kleinen Nebenverdienst.»

Das Personalproblem ist spürbar, berichtet auch Christian Jäger, Geschäftsführer des Bestatterverbands NRW. «Es gibt merklich weniger Menschen, die bereit sind, diesen verantwortungsvollen Job zu übernehmen.» Noch vor ein, zwei Generationen habe das private Umfeld dieses Ehrenamt übernommen - Angehörige, Nachbarn, Vereinskameraden. Aber das schwindet. «Die Gesellschaft hat sich verändert. Familienmitglieder sind oft weit verstreut in Deutschland oder im Ausland, es können nicht alle pünktlich zur Beerdigung kommen.» Vor allem in den Großstädten herrscht oft Anonymität.

Und die Menschen werden älter. «Langjährige Weggefährten oder frühere Kollegen sind schon verstorben oder zu gebrechlich, um den Sarg zu tragen», schildert Jäger. Daher brauche es bezahltes Personal. Für die Bestatter rechnet es sich aber nicht, eigene Trägerteams bereitzuhalten. Denn Feuerbestattungen nehmen stark zu und machen inzwischen bundesweit einen Anteil von fast 70 Prozent aus. Die Urne trägt dann oft ein Angehöriger oder der Pfarrer. Trotzdem: Steht eine Erdbestattung an, müssen ausreichend Sargträger kurzfristig parat stehen.

Manchmal zieht sich der Einsatz für sie über Stunden. «Die Tätigkeit besteht aus viel Warten, das Tragen selbst dauert nur einige Minuten», berichtet Wasch (49). Manche würden pro Auftrag bezahlt - häufig bis zu 25 Euro. Dass man regelmäßig eingesetzt werde, sei aber naturgemäß nicht garantiert - und damit auch der Verdienst nicht planbar. In dem Trägerjob sind viele Senioren als geringfügig Beschäftigte tätig, verdienen sich als Mini-Jobber ein kleines Zubrot zur Rente.

Um den Personalmangel aufzufangen, gründen sich zunehmend Service-Gesellschaften, die den Bestattungsunternehmen aus ihrem Pool Sargträger bereitstellen. «Wir hatten gehört, dass es immer schwieriger wird, Sargträger zu finden und haben reagiert», sagt André Schilling vom Trägerservice NRW. Seit zwei Jahren arbeiten sie dafür mit unbefristeten Aushilfen, die nach Stunden bezahlt werden, Mindestlohn erhalten. Der Service vom Niederrhein sei stark gefragt, erzählt Schilling. «Der Bedarf wird immer größer.» Manchmal springt er auch selbst ein.

Die Tätigkeit ist körperlich sehr anstrengend. Ein gepflegtes Äußeres sei wichtig, pietätvolles Auftreten, weiß Schilling. Es gibt Schulungen: «Wir üben die Vorgänge regelmäßig. Jeder Handgriff muss sitzen.» Die Sargträger kommen im dunklen Anzug oder tragen einen schwarzen Umhang, weiße Handschuhe, manchmal einen Zylinder. Oft sind sie einheitlich gekleidet, dafür stellen dann das Serviceunternehmen oder der Bestatter das Nötige.

«Es handelt sich nicht um einen technischen Transport, sondern um das Geleit auf dem letzten Weg und einen Dienst, den man den Hinterbliebenen erweist», betont Jäger. «Das Sargtragen als Nebenjob mag erst mal eher fernliegend erschienen. Aber es ist eine ehrenvolle Tätigkeit.» Für die nicht allerdings jeder geeignet sei, ergänzt Elke Herrnberger vom Bundesverband Deutscher Bestatter. «Es reicht nicht, sich einfach ein paar kräftige Jungs zu holen, die sich dann nicht korrekt benehmen können.» Die Bestatter prüften Benehmen und äußeres Erscheinungsbild.

Weibliche Sargträger sind eher selten. «Aber wir hatten Frauen dabei, die manchmal besser angepackt haben als die Männer», meint Wasch. Besondere Körperkraft könne bei Sozialbestattungen gefragt sein. «Dann müssen vier Träger ausreichen. Das Sozialamt bezahlt nicht mehr.»

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