Russland plant erste Corona-Impfungen im Herbst

Der russische Präsident Wladimir Putin (R). Foto: epa
Der russische Präsident Wladimir Putin (R). Foto: epa

NISCHNI NOWGOROD: Weltweit gibt es einen Wettlauf um einen Corona-Impfstoff. Russland will nach eigenen Angaben demnächst ein Präparat zulassen - aber erst ab Oktober die Bevölkerung impfen. Die Ankündigungen der Regierung werfen viele Fragen auf.

Im Kampf gegen das Coronavirus will Russland im Herbst mit Impfungen beginnen. Dies sei für Oktober geplant, sagte Gesundheitsminister Michail Muraschko der Staatsagentur Tass zufolge am Samstag in Nischni Nowgorod. Zunächst sollten dann Ärzte und Lehrer geimpft werden, dann schrittweise der Rest der Bevölkerung. Die klinischen Tests des in Russland entwickelten Impfstoffes seien mittlerweile abgeschlossen, sagte Muraschko. Allerdings hatte der Gesundheitsminister am 23. Juli der Agentur Interfax zufolge erst den Start einer Phase-3-Studie mit 800 Teilnehmern angekündigt. Phase-3-Studien prüfen die Wirksamkeit eines Präparats, zielen auf die Zulassung ab und beinhalten gewöhnlich deutlich mehr Teilnehmer.

Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamalaja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Die Zulassung sei in Vorbereitung, sagte der Minister. Ein Datum nannte er nicht. Zuletzt war der 10. August als Termin im Gespräch. Russland wäre damit das erste Land, das einen Impfstoff zulässt.

Weltweit suchen mehr als 170 Projekte nach Corona-Impfstoffen - und mehrere Forscherteams haben vielversprechende Zwischenergebnisse veröffentlicht. Allerdings rechnen Experten generell mit einem marktfähigen Impfstoff erst im kommenden Jahr. Laut einer Liste der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Freitag sind derzeit fünf Impfstoff-Kandidaten in einer Phase-3-Studie - russische Präparate zählen nicht dazu.

Russland hat bislang auch keine wissenschaftlichen Daten zu seinem Impfstoff für eine unabhängige Bewertung veröffentlicht. Kremlchef Wladimir Putin hatte schon früh Druck bei der Entwicklung gemacht. Nach Angaben von Muraschko wird derzeit ein zweiter Impfstoff gegen das Virus Sars-CoV-2 klinisch getestet. Weitere sollen folgen.

Das Gamalaja-Institut hatte bereits im Mai mitgeteilt, einen Impfstoff entwickelt zu haben. Nach eigener Darstellung liefen die Tests erfolgreich. Die Impfung habe eine Immunität gegen die Krankheit Covid-19 erzeugt - ohne negative Nebenwirkungen, hieß es. Das Präparat wurde demnach an 50 Soldaten getestet, die sich freiwillig gemeldet hätten. Die Wissenschaftler hatten es zuvor auch teils an sich selbst erprobt.

Das Tempo, mit dem Russland einen Corona-Impfstoff entwickelt haben will, wirft die Frage auf, wie sicher und wirksam das Präparat ist. Nach früheren Angaben des Gesundheitsministers soll die Produktion schon während der Phase-3-Studie beginnen. Außerdem würden dann bereits freiwillige Impfungen für besonders gefährdete Berufsgruppen angeboten.

Muraschko betonte am Sonntag im Staatsfernsehen, die Impfung werde kostenlos und freiwillig sein. «Wir sehen aber, dass das Interesse der Bevölkerung daran sehr hoch ist.» Derzeit lägen 3100 Patienten wegen Covid-19 auf Intensivstationen.

Bislang sind die Russen angehalten, sich mit Masken und Abstand zu schützen. Nach Angaben des Wissenschaftsministeriums gilt an den Universitäten im Wintersemester eine Maskenpflicht. Ausgenommen seien nur diejenigen, die mit einem Antikörpertest nachweisen könnten, dass sie bereits eine Infektion hatten.

Russland hat nach offizieller Statistik landesweit mehr als 850.000 Corona-Infektionen verzeichnet. Täglich kommen mehr als 5000 neue Infektionen hinzu. Bis Sonntag starben nach offiziellen Angaben mehr als 14.100 Menschen mit dem Virus, mehr als 646.000 galten als genesen. Die meisten Infektionen gibt es in Moskau.

In der Hauptstadt öffneten am Samstag nach monatelanger Schließung wieder Kinos, Theater und Konzertsäle - allerdings muss jeder zweite Platz frei bleiben. Seit Mitte März hatte es keine Vorstellungen mehr gegeben. Auch einige internationale Flüge wurden wieder aufgenommen. Offen war zunächst, wann es wieder Direktflüge nach Deutschland gibt.

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Jürgen Franke 03.08.20 23:47
Herr Hajek, Ihre Forderung wird von vielen
Menschen vertreten, da es grundsätzlich die Aufgabe aller Länder sein müßte, die Finanzierung der WHO sichzustellen. Derzeit bestimmen Bill und Melinda Gates, was mit ihren Geldern in der WHO gemacht wird. Bekanntlich war der deutsche Gesundheitsminister vor seiner Tätigkeit, in der Pharmaindustrie tätig. Grundsätzlich sollte es auch nicht erforderlich sein, dass Frau Merkel und ihr Mann oder sogar die Charite auf Gelder der Gatesstiftung angewiesen sein müssen.
Hermann Auer 03.08.20 21:22
Leichtsinn
Eine solche absolute Neuentwicklung bedarf eines langjährigen Vorlaufs, um unerwünschte Langzeitwirkungen auszuschließen. Sonst nimmt man ernsthafte Gesundheitsstörungen an einzelnen Individuen oder den noch ungezeugten oder ungeborenen Nachkommen zumindest billigend in Kauf.
Ich erinnere in diesem Fall an Contergan, bei dem man ja auch erst nach einem Jahr nach der Einführung festgestellt hatte, dass es zu schlimmen Missbildungen bei Neugeborenen kam.
Die witzige Entschädigung durch den Pharmakonzern ist ein krasses Beispiel dafür, wie sich die Privatwirtschaft aus solchen Katastrophen herauswindet.
Ehrlich gesagt: ich werde mich, wenn ich es irgendwie einrichten kann, nicht gegen diese Grippe in der vorgesehenen Weise impfen lassen. Da lasse ich mich auch nicht durch die aktuell dargebotene Propaganda überzeugen.
In meinen Augen ist die HolterDiePolter-Entwicklung eines Corona-Impfstoffes im höchsten Maße verantwortungslos.