Russisches Militär kann Front nicht stabilisieren

Liana, eine Freiwillige, posiert mit der ukrainischen Flagge, während sie im logistischen Hauptquartier für die ukrainische Armee, den Zivilschutz und die Flüchtlingshilfe in der Region Dnipro arbeitet. Foto: epa/Nuno Veiga
Liana, eine Freiwillige, posiert mit der ukrainischen Flagge, während sie im logistischen Hauptquartier für die ukrainische Armee, den Zivilschutz und die Flüchtlingshilfe in der Region Dnipro arbeitet. Foto: epa/Nuno Veiga

MOSKAU/KIEW: Nach der Niederlage im Gebiet Charkiw bröckelt die russische Front in der Ukraine weiter. Sowohl im Süden als auch im Nordosten des Landes sind russische Truppen auf dem Rückzug. Es mangelt an Personal und Kommunikation. Moskau hofft nun auf General Winter.

Rückzug auf breiter Front: Die russischen Truppen mussten im Süden der Ukraine am Dnipro ein riesiges Gebiet räumen, nachdem zuvor ukrainische Truppen entlang des Flusses gut 30 Kilometer hinter die russischen Linien vorgedrungen waren. Die russischen Einheiten bedrohten dort monatelang die Großstadt Krywyj Rih, den Geburtsort von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Doch durch den schnellen Vorstoß der Ukrainer waren sie auf einmal selbst in Gefahr, eingekesselt zu werden.

Nach dem eiligen Rückzug verläuft die Front nun keine 50 Kilometer mehr von der strategisch wichtigen Stadt Nowa Kachowka am Südende des Dnipro-Stausees entfernt. Auch der Druck auf die Gebietshauptstadt Cherson nimmt weiter zu, weil nun die ukrainischen Truppen nicht nur von Westen, sondern auch von Norden her auf den Schwarzmeerhafen zumarschieren.

Russische Militärblogger sprechen von einer «tiefen operativen Krise» und ziehen Parallelen zur Niederlage der eigenen Armee im Gebiet Charkiw im Nordosten der Ukraine. Dort durchbrachen ukrainische Truppen Anfang September ebenfalls durch schnelle Manöver die Schwachstellen der Front. Sie drangen tief in den russischen Rückraum ein und zwangen somit Moskau zu einem schmählichen Rückzug.

Russlands Problem: Auch an diesem Frontabschnitt gelingt es nicht, die Lage zu stabilisieren. Das Vorhaben der russischen Armee, sich nach dem weitgehenden Abzug aus dem Gebiet Charkiw entlang der Flüsse Oskil und Siwerskyj Donez festzusetzen, gilt als komplett gescheitert. Nach der Rückeroberung von Kupjansk und Lyman im Donezker Gebiet kontrollieren die ukrainischen Streitkräfte das östliche Ufer der Flüsse bald vollständig.

Als neue Ziele des ukrainischen Vorgehens sind bereits die Städte Swatowe und Kreminna im Visier. Die liegen im von Moskau eigentlich bereits komplett als erobert gemeldeten Gebiet Luhansk. Swatowe gilt als wichtiger Verkehrsknoten, der für die Versorgung der russischen Truppen in der Region wichtig ist.

Das Ende des ukrainischen Vormarsches scheint aktuell dabei weniger von den Entscheidungen der russischen Armeeführung als vom Wetter, den Reserven, dem Nachschub und dem Siegeswillen der ukrainischen Truppen abzuhängen. Insbesondere die herbstlichen Wetterverhältnisse mit zunehmendem Regen und damit der berüchtigten Schlammperiode könnten die ukrainische Offensive zumindest verlangsamen.

Die russische Armee hingegen hat dem Vormarsch derzeit aus zwei Gründen wenig entgegen zu setzen. Ihr mangelt es an Personal und an Kommunikation. Über mehr als 1000 Kilometer erstreckt sich die Front. Für die bisher dort eingesetzte professionelle Armee bedeutet dies selbst mit den Separatistenmilizen und Söldnern etwa der Wagner-Gruppe eine Überdehnung. Die eingesetzten Soldaten reichen einfach nicht aus, um überall präsent zu sein. Kiew hingegen hatte laut Präsident Selenskyj nach mehreren Mobilisierungswellen bereits Ende Mai 700.000 Mann unter Waffen.

Das Ungleichgewicht nutzen die Ukrainer. Sie haben mit Luft- und Bodenaufklärung Lücken gefunden und attackieren sie nun geschickt. Statt mit großer Artillerievorbereitung und Frontalangriffen vorzustoßen, testen die mit Geländewagen ausgerüsteten hochmobilen ukrainischen Einheiten Schwachstellen der dünnen russischen Frontlinie aus. In kleinen Gruppen brechen sie dann durch, um plötzlich im Rücken der russischen Positionen aufzutauchen. Begünstigt wird dieses Vorgehen durch moderne Satellitenaufklärung.

Stolz zeigte die Gegenpropaganda der ukrainischen Streitkräfte in einem Video ein «interaktives Display» mit Livedaten westlicher Satelliten. «Während die Besatzer sowjetische Autokarten nutzen, sieht die ukrainische Armee jede Position der Russen online», kommentierte das Kommunikationszentrum das Video süffisant. Bei ihren Gegenangriffen wollen die ukrainischen Truppen regelmäßig von den russischen Soldaten zurückgelassene papierne Straßenkarten teils aus den 1970er Jahren erbeutet haben.

Tatsächlich wirkt Moskaus Kriegsführung veraltet. Befehlsketten sind lang und starr. Russische Militärbeobachter beklagen, dass es viel zu lange dauert, ehe einzelne Truppenteile so reagieren. Die Artillerie schieße oft erst dann, wenn die Ukrainer schon wieder weg seien, lautet ihre Kritik. Reserven würden herangeführt, wenn die Schlacht geschlagen sei. Immer öfter richtet sich die Kritik dabei auch an die höchsten Entscheidungsstellen im Generalstab und Verteidigungsministerium. Dort werden dem Vernehmen nach nur Erfolgsmeldungen verkündet und somit die wahre Lage an der Front verschleiert.

Womöglich hat auch das zu der sehr späten Reaktion des Kremls auf die einen Monat anhaltende Niederlagenserie geführt. Erst vor zwei Wochen hat Präsident Wladimir Putin die Teilmobilmachung angeordnet. Die 300.000 Reservisten werden aber noch eine Weile brauchen, ehe sie an der Front sind. Bis dahin muss sich Russland auf weitere Rückzugsgefechte einstellen.

Nach Experteneinschätzung reicht die Zahl der Reservisten nicht aus, um das Kräfteverhältnis völlig umzukehren. Allerdings kann Moskau damit die Lücken stopfen, die sich derzeit auftun. Und dann setzt die russische Führung auf einen bewährten Verbündeten - auf General Winter. An der Front soll er den Vormarsch der Ukrainer stoppen. In der Zeit könnte Russland neue Kräfte und Reservisten sammeln. Auch die russische Rüstungswirtschaft, die inzwischen mobilisiert wurde, soll bis dahin ihren Ausstoß erhöhen.

Zudem hofft der Kreml, dass die Kälte in Europa bei den gleichzeitig hohen Energiepreisen für Unzufriedenheit bei der Bevölkerung sorgt. Damit glaube Putin, wieder ein Druckmittel gegen den Westen in der Hand zu haben, erklärt der Politologe Abbas Galljamow. Russisches Gas wäre dann nur gegen Zugeständnisse in der Ukraine zu haben, erläutert Galljamow die Denkweise des Kremlchefs.

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