Deutschland sieht sich bei Rückgaben von Benin-Bronzen als Vorreiter

Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Gruetters . Foto: epa/Thomas Lohnes
Die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Gruetters . Foto: epa/Thomas Lohnes

BERLIN: Die als Raubgut geltenden Benin-Bronzen zeigen, wie sich Museen und Verantwortliche lange Zeit vor umfassenden Rückgaben drückten. Nach jüngsten Restitutionsplänen sieht sich Deutschland ganz vorn.

Mit den angekündigten Rückgaben von Kunstschätzen der als Raubgut geltenden Benin-Bronzen an Nigeria nimmt Deutschland aus Sicht der Bundesregierung international eine Vorreiterrolle ein. Angesichts der für das nächste Jahr vorgesehenen Restitutionen könne Deutschland das erste Land sein, das tatsächlich Bronzen zurückgebe, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Freitag dem Sender RBB Kultur.

«Wir stellen uns der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands, koloniale Vergangenheit ans Licht zu holen und aufzuarbeiten», hatte die CDU-Politikerin am Donnerstagabend nach der von ihr einberufenen informellen Runde gesagt. «Der Umgang mit den Benin-Bronzen ist dafür ein Prüfstein.» Neben größtmöglicher Transparenz werden laut Grütters «vor allem substanzielle Rückgaben angestrebt». Bis zum 15. Juni solle eine Aufstellung aller im Besitz der Museen befindlichen Benin-Bronzen veröffentlicht werden.

Bronzen aus dem Königspalast des damaligen Königreichs Benin sind in zahlreichen deutschen Museen zu finden. Auch im Berliner Humboldt Forum sollen nach bisherigen Plänen solche wertvollen Kunstschätze ausgestellt werden. Das Ethnologische Museum verfügt über rund 530 historische Objekte aus dem Königreich Benin, darunter etwa 440 Bronzen. Die Objekte stammen größtenteils aus den britischen Plünderungen des Jahres 1897.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer knüpft Bedingungen an weitere Ausstellungen in Deutschland. «Eine Präsentation von Benin-Bronzen etwa im Humboldt Forum kann ich mir nur vorstellen, wenn zuvor die umfassende rechtliche Restitution der Bronzen erfolgt ist», sagte der Linke-Politiker am Freitag in Berlin. «Für Leihgaben, die es ermöglichen könnten, diese Meisterwerke auch in Berlin erleben zu können, müssten wir außerordentlich dankbar sein.»

Deutsche Museen sollen im nächsten Jahr erste Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben. Darauf verständigte sich eine Runde von Museumsexperten und politisch Verantwortlichen in einer Online-Schalte. Bis zu diesem Sommer sollen konkrete Handlungsschritte und ein Fahrplan für die Frage der Rückführung von Benin-Bronzen» entwickelt werden.

«Das ist ein historischer Schritt», sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, der Deutschen Presse-Agentur. «Wir hoffen, dass wir schon 2022 mit Rückgaben beginnen können.» Laut Parzinger sind mit den nigerianischen Partnern «Gespräche über substanzielle Rückgaben und künftige Kooperationen» vorgesehen. Dabei soll auch geklärt werden, «unter welchen Bedingungen in deutschen Museen auch weiterhin Benin-Bronzen gezeigt werden können».

Ein nächster Schritt ist am 29. Juni die Sitzung des Stiftungsrates in Berlin, in dem Bund und Länder sitzen. «Wir werden dann sicher noch nicht über einzelne Objekte entscheiden, das muss mit Nigeria besprochen werden. Aber es wird, davon gehe ich jetzt mal aus, einen richtungsweisenden Beschluss geben», sagte Parzinger.

Vor dem Treffen hatte Baden-Württembergs Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne) mit einem zeitlich getakteten Fahrplan zusätzlich Druck gemacht. «Wir haben uns gut verständigen können», sagte Bauer der dpa nach der Runde. «In der Angelegenheit ist die nötige Dynamik enthalten. Wir haben uns verständigt auf ein Vorgehen, mit dem wir die nächsten Meilensteine gesetzt haben.»

Die Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, Barbara Plankensteiner, setzt auf schnelles Handeln. «Nun ist es wichtig, die Gespräche mit Nigeria zu intensivieren», sagte sie am Freitag. Plankensteiner soll gemeinsam mit Parzinger das Vorgehen der 20 deutschen Museen koordinieren, die Benin-Bronzen in ihren Beständen haben. Zudem ist sie Sprecherin der Benin Dialogue Group, in der seit 2010 Museen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Schweden mit nigerianischen Partnern zusammenarbeiten.

Die Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums, Inés de Castro, sieht große Chancen für einen öffentlichen Dialog. «Das ist eine sehr gute Gelegenheit, die Gesellschaft für Themen wie den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit zu öffnen und zu sensibilisieren», sagte die Ethnologin am Freitag der dpa. «Wir müssen die Debatte in die Gesellschaft bringen und deutlich machen, dass die Kolonialzeit Kontinuitäten wie den Rassismus hervorgebracht hat, die teilweise bis heute existieren.» Das Linden-Museum hat insgesamt 64 Benin-Bronzen in seiner Sammlung.

Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer kritisierte die Einigung. «So erfreulich das einmütige Bekenntnis zur substanziellen Restitution ist, so enttäuschend ist das Ergebnis des Benin-Gipfels insgesamt», sagte der Professor an der Universität Hamburg am Freitag. Statt «bedingungsloser Verpflichtung zur Rückgabe von Raubkunst» sei nur vage von einem «substanziellen Teil» die Rede.

«Die Beteiligten streben an, kurzfristig gemeinsam zu umsetzbaren Ergebnissen zu gelangen», heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Das soll begleitet werden von Gesprächen mit der nigerianischen Seite. Dabei soll mit den nigerianischen Partnern auch erörtert werden, «ob und wie Benin-Bronzen als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit künftig ebenfalls in Deutschland gezeigt werden können».

Neben Gesprächen zum Aufbau eines in Benin-City geplanten Museums und den Rückführungen soll zudem die Zusammenarbeit zwischen deutschen und nigerianischen Museen und Einrichtungen weiter vorangebracht werden. Hierzu zählen etwa die Ausbildung zukünftiger Kuratorinnen und Kuratoren, Museumsmanagerinnen und Museumsmanager sowie der Aufbau kultureller Infrastrukturen. Dabei soll die Agentur für internationale Museumskooperationen des Auswärtigen Amtes eine wichtige Rolle spielen.

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