Polizisten schildern Brutalität bei Sturm auf US-Kapitol

Foto: Jim Lo Scalzo/dpa
Foto: Jim Lo Scalzo/dpa

WASHINGTON: Die Szenen des Gewaltausbruches vom US-Kapitol haben sich in das amerikanische Gedächtnis eingebrannt. In einem Untersuchungsgremium im Repräsentantenhaus berichten nun mehrere Polizisten, was sie in jenen Stunden am 6. Januar durchgemacht haben.

Schläge, Tritte, Todesangst: Bei der ersten Anhörung des Untersuchungsausschusses zum Angriff auf das US-Kapitol vom 6. Januar haben mehrere Polizisten eindringlich ihre Erlebnisse jener brutalen Attacke geschildert. Einer der Beamten, Aquilino Gonell, sagte am Dienstag bei der Ausschusssitzung im Repräsentantenhaus, er habe an jenem Januar-Tag gedacht, er würde sterben. Er beschrieb den Gewaltausbruch «wie etwas aus einer mittelalterlichen Schlacht». Die Beamten hätten sich mit ihren Händen Zentimeter für Zentimeter gegen den gewalttätigen Mob verteidigen müssen. Er und seine Kollegen seien geschlagen und getreten, mit Hämmern und Stöcken malträtiert und Chemikalien besprüht worden.

Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump hatten am 6. Januar den Sitz des US-Kongresses in Washington erstürmt. Dabei kamen fünf Menschen ums Leben, darunter ein Polizist. Die beispiellose Attacke auf das Herzstück der amerikanischen Demokratie löste damals national wie international einen Schock aus. Trump musste sich wegen des Angriffs einem Amtsenthebungsverfahren stellen, weil er seine Anhänger zuvor in einer Rede aufgestachelt hatte. Am Ende des Verfahrens wurde der Republikaner jedoch freigesprochen. Der Ausschuss im Kongress soll die Hintergründe des Angriffs untersuchen.

Gonell berichtete bei der Anhörung, er sei früher für das US-Militär im Irak-Krieg gewesen. Doch an jenem 6. Januar habe er mehr Angst gehabt als während seines gesamten Irak-Einsatzes. Er habe bei der Attacke auf das Kapitol diverse körperliche Verletzungen davongetragen und werde immer noch behandelt. «Mehr als sechs Monate später versuche ich immer noch, mich von meinen Verletzungen zu erholen», sagte der Beamte der Kapitol-Polizei, dem während seiner Aussage mehrfach die Tränen kamen. Hinzu komme die seelische Belastung. «Für die meisten Leute hat der 6. Januar ein paar Stunden gedauert, aber für diejenigen von uns, die mittendrin waren, hat es nie aufgehört.» Die Attacke habe ein bleibendes Trauma ausgelöst.

Der Polizist Michael Fanone, sagte bei der Sitzung, er sei gepackt, geschlagen, mit einem Elektroschocker malträtiert und gleichzeitig als Verräter beschimpft worden. Er habe in jenem Moment gedacht, die Wahrscheinlichkeit sei groß, «dass ich auseinandergerissen oder mit meiner eigenen Waffe erschossen werde», sagte der Beamte der Hauptstadt-Polizei. «Ich dachte an meine vier Töchter, die ihren Vater verlieren könnten.»

Der schwarze Beamte Harry Dunn von der Kapitol-Polizei beschrieb ebenfalls, wie die Angreifer alle möglichen Waffen - auch Fahnenstangen oder Teile von Metall-Fahrradständern - gegen Polizisten eingesetzt und diese blutig geschlagen hätten. Er selbst sei mehrfach auch mit dem N-Wort beschimpft worden. Nie zuvor sei ihm das in einer Uniform in der Kapitol-Polizei passiert. Mit dem Begriff «N-Wort» wird heute eine früher gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben.

«Diese Randalierer waren organisiert. Sie waren bereit für einen Kampf. Und sie waren kurz davor, erfolgreich zu sein», sagte der Vorsitzende des Ausschusses und demokratische Parlamentarier Bennie Thompson. Bei der Anhörung wurde auch mehrfach Videomaterial von den Gewalt-Szenen am Kapitol gezeigt, unter anderem von Körperkameras der Polizisten.

Die Einrichtung des Untersuchungsausschusses war Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Demokraten. Republikaner hatten sich gegen die Einsetzung eines solchen Gremiums gewehrt und argumentiert, es gebe an anderer Stelle genug Aufarbeitung der Attacke. Sie warfen den Demokraten vor, vor allem parteipolitische Motive bei der Untersuchung zu verfolgen.

Im Mai hatten die Republikaner im Senat zunächst die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission zu dem Angriff verhindert. Die Demokraten entschieden daraufhin, aus eigener Kraft ein Untersuchungsgremium im Repräsentantenhaus zu installieren, wo sie die Mehrheit haben. Die demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, verärgerte die Republikaner-Führung damit, dass sie selbst zwei republikanische Abgeordnete - nämlich ausgewiesene Trump-Kritiker - in das Gremium holte und zugleich zwei Trump-getreuen republikanischen Parlamentariern einen Sitz in dem Ausschuss verweigerte.

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Ingo Kerp 28.07.21 14:50
Schade, einige kurze Jahre konnte man sich von Trump und den Seinen mit deren geäußerten Unsinnsreden unterhalten lassen. Der 6.1. sollte jedem gezeigt haben, wessen Geistes Kind Trump und seine Mannen sind. Über den Spruch "...es war Liebe dabei..." kann man nur noch traurig den Kopf schütteln und nicht mehr lachen.
Robert Ott 28.07.21 13:52
5 Tote, darunter ein Polizist
Der Polizist kam wahrscheinlich durch den "Mob" ums Leben.
Wie kamen die anderen 4 ums Leben? Ich habe bis heute noch keine Informations darüber.
Waren das Leute aus dem "Mob"?
Warum kam Hilfe so spät?
Warum lies man den Mob erst so nahe kommen?
Warum nur 150 Polizisten, wenn 10000 vom "Mob" draußen stehen?
Wollte man das bewußt eskalieren lassen?

Fragen über Fragen

Ich hoffe, der Ausschuß wird alle meine Fragen klären
Volker Picard 28.07.21 10:10
Schon erstaunlich,
wie dieses demokratische Land, gefördert von den Republikanern, so eine Gewaltaktion, die nun wirklich nichts mit einer Demokratie zu tun hat, in den Auswirkungen versucht herunterzuspielen.