Wege zum Schutz schmelzender Ökosysteme

Der französische Präsident Emmanuel Macron (C) während des One Planet Polar Summit im Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris. Foto: epa/Yoan Valat / Pool
Der französische Präsident Emmanuel Macron (C) während des One Planet Polar Summit im Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris. Foto: epa/Yoan Valat / Pool

PARIS: Die Eisregionen des Planeten schrumpfen in beunruhigendem Tempo. Auf einem Polargipfel in Paris beraten Wissenschaftler und Politiker über den Schutz der schmelzenden Ökosysteme. Umweltverbände pochen auf konkretes Handeln und nicht bloß schöne Worte.

Das Schmelzen der Gletscher und des Meereises geschieht schleichend, der vom Klimawandel angetriebene Rückzug der Eisregionen des Planeten aber hat sich zuletzt beschleunigt. Über den Schutz der Gletscher und der Polargebiete haben Politiker und Fachleute am Freitag auf einer internationalen Konferenz in Paris beraten, im Anlauf zum COP28-Klima-Gipfeltreffen Anfang Dezember in Dubai. Auf dem Treffen verabschiedet wurde ein Pariser Aufruf zum Schutz der Arktis, der Antarktis und der Gletscher.

Der Polargipfel war Teil einer «One Planet»-Gipfel-Reihe, die Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf der UN-Klimakonferenz in Bonn 2017 ins Leben gerufen hatte. Für Deutschland nahm Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) an dem Gipfel teil. Umweltschützer pochen darauf, dass konkrete Schutzmaßnahmen für die schmelzenden Ökosysteme auch umgesetzt werden - und warnen vor katastrophalen Folgen, wenn dies nicht gelingt.

Das Auftauen des Permafrostes könne zur Freisetzung von Treibhausgasen führen, und das Verschwinden der Gletscher sei eine immense Herausforderung, die die gesamte Menschheit betreffe, erklärte Macron anlässlich des Gipfels. Der erste weltweite Gipfel zum Thema Polargebiete und Gletscher sei eine Gelegenheit, die wissenschaftliche Zusammenarbeit und den Schutz der Ökosysteme zu verbessern sowie sich auf die Konsequenzen der Eisschmelze einzurichten, die bereits begonnen habe, sagte Macron.

In einem von 31 Staaten - darunter Deutschland - unterzeichneten «Pariser Appell für Gletscher und Pole» wurde zum Abschluss der Konferenz zu einem verstärkten Schutz der Eisregionen aufgerufen. Emissionen von Treibhausgasen müssten schneller reduziert und höchste Nachhaltigkeitsstandards bei allen Aktivitäten angewendet werden, die sich auf Gletscher und Meereis auswirken. Außerdem forderten die Unterzeichnerstaaten eine vertiefte wissenschaftliche Erforschung der weltweiten Eisregionen.

«Unsere Gletscher und Pole sind einzigartig und enorm wichtige Ökosysteme», sagte Bundesumweltministerin Lemke. «Sie geraten immer mehr unter Druck: Die Klimakrise lässt Polkappen und Gletscher schmelzen, die Biodiversität schwindet und die Verschmutzung wie durch Plastikmüll setzt den Ökosystemen zusätzlich zu.» Da Pole und Gletscher eine fundamentale Rolle im globalen Klimasystem und für den Erhalt der Biodiversität spielten, habe die Entwicklung weltweite Konsequenzen. Nötig sei ein starker Umweltschutz in den polaren Gebieten sowie ein Netzwerk von Schutzgebieten.

Wie dringlich die Lage ist, wird unter anderem in der Antarktis sichtbar. Im September wurde bekannt, dass die Ausdehnung des Meereises rund um den Kontinent einen neuen Tiefststand erreicht hat, der deutlich geringer ist als in den vergangenen Jahren im antarktischen Winter. Auch den Tod Tausender Kaiserpinguin-Küken rechnen Experten dem Meereisverlust zu. Satellitenbilder zeigten nach einer Studie des British Antarctic Survey, dass die von den Pinguinen als Brutstätten verwendeten Eisflächen komplett verschwunden waren, bevor die Küken ihr wasserdichtes Gefieder ausgebildet hatten.

Auch die Gletscher Grönlands schmelzen einer Studie zufolge mit erhöhtem Tempo. Die Geschwindigkeit habe sich in den vergangenen 20 Jahren stellenweise verfünffacht, wie aus einer Studie von Forschern der Universität Kopenhagen im Fachblatt «Nature Climate Change» hervorgeht. Vor der Jahrtausendwende sei das Gletschereis im Südwesten Grönlands um etwa fünf Meter pro Jahr zurückgegangen, derzeit seien es 25 Meter. Das sei eine dramatische Zunahme.

Die Umweltschutzorganisation WWF warnte, dass der Verlust von Eis und Schnee bei den derzeitigen Temperaturen alarmierend sei und frühere Prognosen übertreffe. Um katastrophale Folgen wie einen kräftigen Anstieg des Meeresspiegels, die Erschöpfung der Wasserressourcen in den Gebirgen, den Verlust der Artenvielfalt in den Polarregionen und die unumkehrbare Freisetzung von Treibhausgasen zu verhindern, dürfe die globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 1,5 Grad nicht überschreiten. Emissionsreduzierungen, der Schutz der Ökosysteme und der Ausbau wissenschaftlicher Forschung sei nötig, um eine klimaresistente nachhaltige Entwicklung in der Arktis und Antarktis zu unterstützen.

In einer gemeinsamen Erklärung riefen mehrere Umweltverbände die politischen Verantwortlichen bei dem Pariser Polargipfel zu entschlossenem Handeln auf. Dem «Pariser Appell für Gletscher und Pole» müssten konkrete Aktionen folgen, deren Umsetzung auch überprüft werden müsse. Unter anderem gehe es darum, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. In den Polarregionen müssten Meeresschutzgebiete eingerichtet und strengere Regeln für Schifffahrt und Tourismus etabliert werden. Außerdem müssten wissenschaftliche Empfehlungen in politisches Handeln einfließen.

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