Pete who?

Schwuler US-Präsidentschaftskandidat mischt Rennen auf

Foto: epa/Justin Lane
Foto: epa/Justin Lane

WASHINGTON (dpa) - Bis vor kurzem war Pete Buttigieg noch weitgehend unbekannt. Nun steht der 37 Jahre alte Bürgermeister aus Indiana sehr im Fokus. Er ist ein Mann vieler Talente und will ins Weiße Haus. Sollte er das schaffen, wäre das in vielerlei Hinsicht eine Premiere.

Bu-ti-dschidsch. Im Internet gibt es diverse Anleitungen, wie der Name Buttigieg richtig auszusprechen ist. Pete Buttigieg hat sich als Teenager gefragt, ob sein Nachname ein Stolperstein sein würde für sein Fortkommen in der Welt. Bislang lief es trotz der Artikulations-Herausforderung ganz gut für ihn. Pete Buttigieg mischt derzeit das Rennen der Demokraten für die US-Präsidentschaftswahl 2020 auf. Bis vor ein paar Wochen war der 37-Jährige auf nationaler Ebene in den USA noch weitgehend unbekannt, doch plötzlich bekommt der Demokrat enorm viel Aufmerksamkeit und hat in einer Umfrage zuletzt fast alle anderen Präsidentschaftsanwärter aus der eigenen Partei überholt. Wer ist dieser Mann?

Seit gut sieben Jahren ist Buttigieg Bürgermeister von South Bend, einer 100.000-Einwohner-Stadt im US-Bundesstaat Indiana. Einem Staat also, den US-Präsident Donald Trump 2016 klar gewonnen hat. Buttigieg hat einen Vorzeige-Lebenslauf. Er studierte an besonders renommierten Universitäten: erst in Harvard, später - mit dem hochbegehrten Rhodes-Stipendium - in Oxford. Danach arbeitete er als Unternehmensberater bei McKinsey, bevor er in die Politik wechselte.

Buttigieg war bei der Navy. 2014 legte er für einen siebenmonatigen Einsatz in Afghanistan eine Pause bei seinem Bürgermeisterjob ein. Er hat ein Buch geschrieben, seine - zugegebenermaßen ziemlich frühen - Memoiren, die es auf Bestsellerlisten schafften. Er spielt Klavier und Gitarre, spricht neben Englisch sieben weitere Sprachen: Französisch, Spanisch, Italienisch, Maltesisch, Norwegisch, Dari und Arabisch. Oder zumindest kann er in diesen Sprachen ein Sandwich bestellen, wie er selbst von sich sagt. Sein Vater stammte aus Malta - daher Maltesisch. Ein bisschen Dari hat Buttigieg in Afghanistan aufgeschnappt. Und Norwegisch hat er gelernt, weil er mehr von einem norwegischen Autoren lesen wollte, von dem es ein einziges Buch in englischer Übersetzung gab und den Rest nur im Original.

Im Internet kursieren diverse Videos, wie Buttigieg - «Bürgermeister Pete» - Journalistenfragen auf Französisch, Spanisch, Italienisch oder eben Norwegisch beantwortet. Wie er ein Livekonzert am Flügel begleitet oder ein paar Akkorde von Jimi Hendrix auf der Gitarre klampft. In der Welt der sozialen Medien sorgt sowas für Verzückung.

Würde Buttigieg gewählt, wäre er nicht nur der jüngste Präsident in der Geschichte der USA, sondern auch der erste bekennende schwule Regierungschef des Landes. Es ist gar nicht allzu lange her, dass Buttigieg seine Homosexualität publik machte. 2015 veröffentlichte er einen Gastbeitrag in der Lokalzeitung seiner Heimatstadt South Bend. Er habe erst als Erwachsener - nach Jahren des Mit-sich-Ringens - verstanden und akzeptiert, dass er schwul sei und dass dies einfach ein Teil seiner selbst sei, schrieb er damals. Kurz darauf lernte er seinen Partner Chasten kennen, den er im vergangenen Jahr heiratete.

Die beiden geben viel Einblick in ihr Privatleben und bedienen die sozialen Medien auf Hochtouren. Von ihrer Hochzeit gab es einen Livestream. In Interviews haben sie verraten, wie sie sich kennengelernt haben - per Online-Dating. Bei Instagram posten sie Bilder aus ihrer Küche oder ihrem Wohnzimmer (in dem übrigens ein Flügel steht). Ihre zwei Hunde - Truman und Buddy - haben einen eigenen Twitter-Account (als «First Dogs» von South Bend).

Buttigieg erwähnt seinen Mann Chasten in Reden oft und beschreibt seine Ehe zu ihm als größten Ausdruck von Freiheit. Eine Freiheit, die er in einem Amerika unter Präsident Trump in Gefahr sieht.

Alle demokratischen Präsidentschaftsbewerber sind quasi Gegenmodelle zu Trump. Aber Buttigieg ist es in besonderem Maße. Er bedient viele Facetten: Er ist der bodenständige Bürgermeister und gleichzeitig der feingeistige Intellektuelle. Der kriegserfahrene Navy-Veteran und gleichzeitig - schon jetzt - eine Art Ikone für viele Schwule und Lesben. Er ist der heimatverbundene Mann aus dem Mittleren Westen, der gleichzeitig eine elitäre internationale Ausbildung hinter sich hat. Der moderne Liberale und gleichzeitig der strenggläubige Christ.

Inhaltlich gehört Buttigieg unter den Demokraten zu den gemäßigten Kandidaten. Er tritt eher moderat auf, nicht radikal.

Der frühere US-Präsident Barack Obama nannte Buttigieg 2016 in einer Auflistung demokratischer Hoffnungsträger. Auch Obamas ehemaliger Berater, David Axelrod, schwärmt seit längerem öffentlich in höchsten Tönen von Buttigieg. Doch erst in den vergangenen Wochen machte der sich auf der nationalen politischen Bühne einen Namen - mit einer Serie von Interviews und Auftritten, mit langen Porträts in den großen US-Zeitungen und maximaler Präsenz in den sozialen Medien.

In Umfragen und bei Einsammeln von Spenden machte Buttigieg zuletzt einen riesigen Sprung und überrundete einige seiner prominenten Parteikollegen, die zum Teil seit Jahrzehnten im Geschäft sind. Als Schüler schrieb Buttigieg im Jahr 2000 einen Aufsatz über den unabhängigen Senator Bernie Sanders, der als einer der fast 20 demokratischen Anwärter derzeit einen zweiten Anlauf im Präsidentschaftsrennen macht und in den Umfragen bislang führt. Der Teenager Buttigieg lobte damals die Energie, Überzeugungskraft und Konsequenz von Sanders - und bekam einen Preis für den Essay. 19 Jahre später scheint er nun zu einer ernsten Konkurrenz für Sanders zu werden.

Ob Buttigieg es schafft, seinen aktuellen Höhenflug auszubauen, oder ob das Interesse an ihm schnell wieder verpufft, muss sich zeigen. So oder so schärft er derzeit sein politisches Profil. Für viele ist eine Präsidentschaftskandidatur vor allem eine Mission, um die eigene Bekanntheit zu steigern. Das ist Buttigieg schon jetzt gelungen.

Auch Trump ist schon auf ihn aufmerksam geworden. Er könne sich auch vorstellen, gegen «den Bürgermeister aus Indiana» anzutreten, sagte der Präsident kürzlich in einem Interview, ohne Buttigiegs Namen zu nennen. Womöglich hat Trump die Aussprache noch nicht verinnerlicht.

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