Pavel Kohout wird 90

​Ein Zeuge des 20. Jahrhunderts

Der tschechische Autor und Dramatiker Pavel Kohout. Foto: epa/Hendrik Schmidt
Der tschechische Autor und Dramatiker Pavel Kohout. Foto: epa/Hendrik Schmidt

PRAG (dpa) - Pavel Kohout war erst Kommunist, dann einer der führenden Dissidenten der Tschechoslowakei. Dass die Kommunisten im Jahr seines 90. Geburtstags in Tschechien wieder als Partner akzeptiert werden, beunruhigt den Schriftsteller und Dramatiker.

In einem Anflug jugendlichen Leichtsinns klettert der später weltberühmte Dramatiker Pavel Kohout einmal auf eine Ski-Sprungschanze. «Ein Sprung kam ihm wahnsinnig vor, aber noch viel riskanter und zudem peinlicher schien es ihm, die vereisten Stufen wieder hinabzuklettern», erzählt der Tscheche in seiner Autobiografie. Er wählt den freien Fall - handelt sich aber zum Glück nur ein paar blaue Flecken ein.

In der Tat stürzte sich der tschechische Dichter, Dramatiker und langjährige Bürgerrechtler immer mit vollem Elan und Schwung in jede neue Herausforderung. Am 20. Juli wird Kohout 90 Jahre alt. Seine Theaterstücke wie die Zirkus-Groteske «August, August, August» oder sein «Armer Mörder» haben über die Jahrzehnte Bühnen von Moskau über Wien bis hin zum Broadway erobert.

Als junger Mann in der Tschechoslowakei hatte sich Kohout für den Kommunismus begeistert. Es war auch eine Reaktion auf den Nationalsozialismus - sein Vater war im Widerstand gegen die deutschen Besatzer aktiv gewesen. Der junge Kohout schrieb Gedichte über Traktoristen und Lobeshymnen auf Stalin. Viele Dichter seiner Generation hätten sich zu nützlichen Idioten, wenn nicht gar Gehilfen von Verbrechern gemacht, blickte er einmal selbstkritisch zurück.

Später engagierte er sich für das Reformprogramm des Prager Frühlings, für einen menschlichen Sozialismus. Die Enttäuschung über den blutigen Einmarsch der Warschauer-Pakt-Panzer im August 1968 verarbeitete Kohout in seinem «Tagebuch eines Konterrevolutionärs». Zugleich begründete er damit eine Prosa-Kategorie, die er schließlich «Memoirroman» taufte - eine ihm eigene Mischung aus Autobiografie und Fiktionalität.

Die heutige Entwicklung in seinem Heimatland Tschechien sieht Kohout kritisch. «Die Kommunisten als Unterstützer der neuen Regierung sind eine Schande», sagt er. Gemeint ist die KSCM, die erstmals wieder bei der Regierungsbeteiligung mitredet und das neue Minderheitskabinett des Populisten Andrej Babis toleriert. Es ist die unreformierte Nachfolgepartei der KSC, die bis zur demokratischen Wende 1989 die Zügel fest in der Hand hielt.

Als größte Gefahr für das politische System sieht Kohout die Sehnsucht nicht nur der Kommunisten, sondern auch der extremen Rechten nach nationalen Referenden. «Ein Austritt der Tschechischen Republik aus EU und NATO wäre ein Selbstmord und darf nicht stattfinden», warnt der Schriftsteller. Er könne nur hoffen, dass die Tschechen einen solchen Schritt nicht zulassen würden.

Seinen 90. Geburtstag wird Kohout mit seinen Liebsten, den Kindern und den Freunden, wie er sagt, in seinem Sommerhaus feiern. Doch an Ruhestand ist bei ihm noch lange nicht zu denken. Mit einem Schuss schwarzen Humors sagt er: «Früher war ich mir sicher: Ich werde so sterben, dass ich auf meine Schreibmaschine falle. Heute weiß ich: Ich falle auf meinen PC.» Die Familientradition führt seine Tochter Tereza Bouckova fort. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt «Das Jahr des Hahns» - eine versteckte Referenz, denn der Hahn heißt auf Tschechisch «Kohout».

Kohouts Sommerhaus am Sazava-Fluss bei Prag dürfte seinen treuen Lesern bekannt vorkommen. Denn in seinem Roman «Wo der Hund begraben liegt» von 1987 verübt die tschechoslowakische Staatssicherheit eben dort einen Mordanschlag auf den Familiendackel. Der Autor selbst wurde Ende der 1970er Jahre tatsächlich schikaniert und ins Exil gezwungen - man verweigerte ihm die Rückreise aus Österreich. Die Bürgerrechtsbewegung Charta 77 und seinen engen Freund Vaclav Havel unterstützte er fortan tatkräftig von Wien aus.

Als es 1990 an der Sazava ein Wiedersehens-Treffen gibt, ist der Dramatiker Vaclav Havel (1936-2011) bereits erster frei gewählter Präsident der Tschechoslowakei. All dies hat Kohout auch in seiner Autobiografie «Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel» erzählt. In diesem Jahr ist seine humorvolle Lebensbilanz in einer tschechischen Neuauflage erschienen. Der Titel der tschechischen Originalausgabe ist mit zwei Fragezeichen versehen, voller Staunen darüber, ob ihm und seinen Freunden das wirklich alles so zugestoßen ist: «To byl muj zivot??» - «Das war mein Leben??»

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