Not big IQ in the brain

Was wäre das Paradies ohne Schlange? Ein Paradies, das gar keine Gefährdung kennt und aus dem man auch nicht vertrieben werden kann, wäre keines. Was bedroht ist, schätzt man doppelt. Es macht mir bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, in Thailand ein nahezu sorgenloses Rentnerdasein genießen zu dürfen. „Glück und Glas – wie leicht bricht das“, sagt der Volksmund.

Warten, bis die Seele eintrifft

Aber zur Sache: Wir waren eben zurück von unserem Aufenthalt in Europa und kurierten den Jetlag aus. Der Jetlag ist jener Zustand, in welchem der Körper zwar hier ist, aber noch warten muss, bis die Seele eintrifft. Das ist natürlich bei jedem anders, es gibt auch welche, bei denen gar nichts eintreffen kann, weil nicht vorhanden.

Ich döste also seelenlos vor mich hin und wartete, als jemand am Gartentor klingelte. Es war nicht meine Seele, die klingelt nie, wenn sie eintrifft, das habe ich ihr abgewöhnt. Ich erhob mich ächzend und ächzte noch ein bisschen mehr als ich unseren Nachbarn, einen hünenhaften Skandinavier sah, der gerne mit nacktem Oberkörper durch das Resort tigert wie damals Tarzan im Busch. Allerdings gerät sein Erscheinungsbild durch den beträchtlichen Hüftspeck ein wenig aus den Fugen.

Tarzan wartete am Gartentor, den Ellbogen auf das Gitter gestützt, das Spielbein leicht angewinkelt und blinzelte in die Sonne. Schweißtropfen suchten ihren Weg über den mächtigen Bauch und verschwanden in seinen rosa Boxershorts. In diesem Moment erinnerte er mich eher an Bacchus, den römischen Gott des Weines als an den König des Dschungels.

Nun gut, eines musste man Tarzan lassen: Er kam immer gleich zur Sache: „Hallo… ähm... we have a problem, von der Wiese hinter unseren Häusern wachsen die Büsche über die Gartenmauern, wir sollten sie mähen lassen, auch wegen der Schlangen...“

Ich: „Schlangen?“

T: „Yes, bei meinem Nachbarn auf der anderen Seite, beim Finnen, lag eine große Schlange auf dem Balkontisch, sicher mehr als zwei Meter fünfzig lang...“

Ich schluckte leer.

Sechs gegen eine

T: „Es brauchte sechs Mann, um sie zu bändigen!“

Ich schluckte noch leerer und fragte dann: „Sechs Mann? Du meinst, um sie zu fangen?“

T: „Fangen? No, they killed it… was glaubst du denn... zweifünfzig... und sie war grün!“

Ich dachte bloß: Sechs gegen eine, das ist schon ein bisschen unfair, aber vielleicht war das nötig, weil sie grün war, oder hätten sie bei einer gelben Schlange gleich die Thai-Armee geschickt?

Tarzan schien meine Gedanken erraten zu haben. In seinen Augen hatte ich offenbar den Ernst der Sache noch nicht begriffen.

Tarzan: „Wir müssen jetzt handeln, die angrenzenden Sträucher und Bäume zurückschneiden, sonst wimmelt es hier bald von Schlangen, der Finne ist derselben Ansicht. Wir sollten einen Gärtner bestellen und die Kosten aufteilen.“

Es schien hier angebracht, einverstanden zu sein, ich wollte aber den Finnen persönlich aufsuchen, weil man nur von seinem Balkon aus die Wiese mit dem Wildwuchs überblicken konnte.

Wir gingen also hin. Ein freundlicher, älterer Herr öffnete und führte uns zu einer Veranda hinter dem Haus.

Finnischer Realitätssinn

Tarzan zeigt auf eine Tischplatte aus Stein und sagte: „Hier lag sie, genau hier...!“

„Zweimeterfünfzig?“ fragte ich und schaute den Finnen an.

Er grinste, breitete die Arme aus und sagte: „Etwa so...“

Das war ein knapper Meter. Geteilt durch sechs. Da hat jeder Mann etwa sechzehn Zentimeter Schlange erschlagen.

Als ich am Abend meiner Frau die Geschichte erzählte, meinte sie liebevoll diplomatisch und gleichzeitig abgründig poetisch: „Tarzan maybe not big IQ in the brain.“

P.S.: Tarzan ist schon ein paar Monate fort. Vielleicht ist er in den Dschungel zurückgekehrt, um später von riesengroßen Kobras zu berichten, die er eigenhändig erledigt hat. Oder er sucht dort Nachbarn, mit welchen er den Busch rodet und die er dazu überreden kann, sich an den Unkosten zu beteiligen.

Tarzan hat aber einen würdigen Nachfolger gefunden: Ein Expat, der mit einem riesigen Stock in der Hand auf einem Velo einhändig durch das Resort balanciert. Niemand weiß, was er mit dem Stock bezweckt. Sieht er sich als moderner Don Quichotte, der ein Ziel im Visier hat, das nur in seiner Vorstellung existiert? Windmühlen habe ich noch keine gesehen, aber was ist es dann?

Wenn ich es herausgefunden habe, schreibe ich eine Kolumne, aber vielleicht hat er einfach „Not big IQ in the brain.“


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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See You 24.07.20 13:22
Immer wieder erfrischend ....
wie Sie hier Ihre abenteuerlichen Erlebnisse beschreiben! Ich denke, dass so einige Farangs hier in meiner näheren Umgebung wohl Verwandte von Tarzan sein müssen. Mache es aber wie Sie - nehme es, solange es nicht allzu krass wird, einfach mit Humor! Bin schon auf Ihre neue Kolumne gespannt, nachdem Sie die Hintergründe über den neuen Expat herausgefunden haben. Bin mir ganz sicher - mit Ihrem Humor schaffen Sie das mit links!
Herbert Kröll 24.07.20 09:37
wie so oft.......
ist der benachbarte Falang gefährlicher als alle Thais rundherum......