Nordkorea testet mutmaßliche Interkontinentalrakete

Abschuss von zwei angeblichen ballistischen Kurzstreckenraketen durch Nordkorea in die Ostsee am Bahnhof von Seoul. Foto: epa/Yonhap
Abschuss von zwei angeblichen ballistischen Kurzstreckenraketen durch Nordkorea in die Ostsee am Bahnhof von Seoul. Foto: epa/Yonhap

SEOUL: Trotz Verbots und internationaler Sanktionen testet Nordkorea weiter atomwaffenfähige Raketen. Beim jüngsten Test könnte die Rakete eine Reichweite von tausenden von Kilometern gehabt haben.

Nordkorea hat möglicherweise seinen bisher größten Test einer Langstreckenrakete unternommen und damit die USA und ihre ostasiatischen Alliierten herausgefordert. Nach Angaben Südkoreas und Japans feuerte Nordkorea am Donnerstag eine atomwaffenfähige Interkontinentalrakete (ICBM) ab. Südkoreas Präsident Moon Jae In warf dem isolierten Nachbarn vor, den selbst auferlegten Teststopp für ICBM vollends durchbrochen und gegen UN-Resolutionen verstoßen zu haben. Die US-Regierung verurteilte den Start der mutmaßlichen ICBM, die auch US-Territorium erreichen könnte, aufs Schärfste. Die Tür zur Diplomatie sei dennoch weiter geöffnet.

In diesem Jahr hatte Nordkorea bereits mehrfach Raketen getestet. Dabei hatte das Land nach Einschätzung der USA und Südkoreas Ende Februar und Anfang März auch Tests unternommen, die im Zusammenhang mit der Arbeit an einem neuartigen Interkontinentalraketen-System standen. Nordkorea selbst sprach von wichtigen Tests in der Entwicklung eines Erdbeobachtungssatelliten. Experten erwarteten daher, dass das Land schon bald eine «Weltraumrakete» starten könnte. Die Raumfahrtraketen und militärischen Langstreckenraketen beruhen weitgehend auf derselben Technik.

Nordkorea hatte zuletzt 2017 drei Tests mit einer ICBM durchgeführt. Bei seinem jetzigen Waffentest feuerte Nordkorea die Rakete laut Angaben des südkoreanischen Militärs am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) in der Nähe der Hauptstadt Pjöngjang ab. Demnach stieg der Flugkörper auf eine Höhe von bis zu 6200 Kilometern, bevor sie 1080 Kilometer vom Startpunkt entfernt ins Japanische Meer (koreanisch: Ostmeer) stürzte. Militärs gingen dabei von einem Abschusswinkel aus, von dem die Rakete zunächst steil nach oben steigen sollte. Sie erreichte damit eine größere Höhe und flog weiter als bei den Tests vor fünf Jahren. Zu ICBM werden Raketen gezählt, die eine Reichweite von mehr als 5500 Kilometern haben.

Nordkorea habe die hohe Flugbahn bewusst gewählt, schrieb der Experte Ankit Panda auf Twitter: «Nordkorea macht das, um den vollständigen Flug der Rakete besser zu beobachten und um zu verhindern, über Japan zu fliegen.»

Wie der japanische Sender NHK World unter Berufung auf Regierungsbeamte berichtete, landete die Rakete nach über einer Stunde Flugzeit etwa 170 Kilometer von der nördlichen Präfektur Aomori entfernt noch innerhalb der «exklusiven Wirtschaftszone» Japans ins Wasser. Nach Angaben des stellvertretenden Verteidigungsministers Makoto Oniki handelte es sich vermutlich um eine neuartige Interkontinentalrakete. Premierminister Fumio Kishida verurteilte Nordkoreas Vorgehen als «rücksichtslos» und «inakzeptabel».

Die südkoreanischen Streitkräfte reagierten auf den Waffentest des Nachbarlands mit eigenen Raketenstarts, um Stärke zu demonstrieren. Dabei wurden eigenen Angaben zufolge Raketen vom Boden, vom Wasser und aus der Luft abgeschossen.

Auch die Sprecherin des Weißen Hauses in Washington, Jen Psaki, sprach von einem dreisten Verstoß Nordkoreas gegen mehrere Resolutionen des UN-Sicherheitsrats. Mit dem Test erhöhe das Land die Spannungen unnötig. Für einen Dialog müsse es seine destabilisierenden Handlungen unverzüglich einstellen. «Diese Aktion zeigt, dass Nordkorea seinen Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketenprogrammen weiterhin Vorrang vor dem Wohlergehen ihrer Bevölkerung einräumt», so Psaki.

UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Test scharf. Damit würde ein bedeutender Anstieg von Spannungen riskiert, sagte Guterres laut Mitteilung am Donnerstag in New York. Der UN-Chef rief Nordkorea auf, weitere derartige «kontraproduktive Handlungen» zu unterlassen und sich gemeinsam mit allen Beteiligten um eine friedliche Lösung zu bemühen.

Die Verhandlungen der USA mit Nordkorea über dessen Atomwaffenprogramm kommen seit mehr als drei Jahren nicht mehr voran. Experten vermuten daher, dass Nordkorea auch versuchen könnte, mit seinen jüngsten Raketentest mehr Druck auf die US-Regierung auszuüben, damit sie konkrete Vorschläge vorlegt.

UN-Resolutionen verbieten Nordkorea die Erprobung von ICBM und anderer ballistischer Raketen. Das sind in der Regel Boden-Boden-Raketen, die mit einem oder mehreren Atomsprengköpfen bestückt werden können. Machthaber Kim Jong Un hatte im April 2018 erklärt, Atomtests sowie Versuche mit Mittelstrecken- und Langstreckenraketen seien vorerst nicht nötig. In einem Beschluss des Zentralkomitees der Arbeiterpartei war später dann nur noch von einem Moratorium für ICBM-Tests die Rede.

Angesichts der Kritik an seinen Raketentests beansprucht Nordkorea für sich, damit unter anderem sein Recht auf Selbstverteidigung auszuüben.

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