Bundesliga-Rückkehr gelungen

Bundesliga-Neustart weltweit im Fokus

Der Moenchengladbacher Marcus Thuram traegt die Eckfahne nach dem Bundesligaspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Moenchengladbach in Frankfurt. Foto: epa/Michael Probst
Der Moenchengladbacher Marcus Thuram traegt die Eckfahne nach dem Bundesligaspiel zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Moenchengladbach in Frankfurt. Foto: epa/Michael Probst

BERLIN: Der Neustart ist der Bundesliga gelungen. Größere Zwischenfälle bleiben aus, auch wenn die Geisterspiele gewöhnungsbedürftig sind. Sportlich glänzen die Bayern-Jäger aus Dortmund und Mönchengladbach.

Nach wochenlangen Debatten hat die Fußball-Bundesliga die Rückkehr geschafft. Zum Neustart führte der deutsche Profifußball am Samstag in zehn Stadien ein Geister-Schauspiel vor leeren Rängen auf. Fast überall hielten sich die Hauptdarsteller an die Vorgaben der Deutschen Fußball Liga für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, strenge Beobachter verzeichneten nur kleinere Verstöße gegen die Hygiene-Regeln. «Ein historischer Tag, da guckt die ganze Welt, die ganze Sportwelt drauf», sagte Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic und sprach von einer «Riesenchance» für die Liga.

Der Auftakt war der 2. Liga vorbehalten, ehe zur gewohnten Anstoßzeit um 15.30 Uhr das Oberhaus wieder den Ball rollen ließ. Betreuer, Ordner und Medienvertreter mit Masken, viel Abstand auf den Ersatzbänken und oft nur gedämpfter Jubel mit Faustkontakt - so sieht die neue Realität in der Entertainment-Bude Fußball aus.

Die Fans konnten das Geschehen nur am Fernseher verfolgen, Rechteinhaber Sky zeigte die Bundesliga-Konferenz diesmal frei empfangbar. Die von Polizei und einigen Politikern befürchteten Fan-Ansammlungen rund um die Arenen blieben aus, selbst beim Revierderby in Dortmund. Das Duell mit dem FC Schalke 04, das für gewöhnlich die Massen im Pott elektrisiert und mehr als 80.000 Menschen ins dampfende Stadion des BVB lockt, kam diesmal in Testspiel-Atmosphäre daher.

Deutlich besser als die Schalker kamen damit die Dortmunder zurecht, die mit ihrem 4:0-Sieg eine klare Ansage an Titelrivale FC Bayern machten. Die Münchner Tabellenführer wollen am Sonntag (18.00 Uhr/Sky) im Gastspiel beim 1. FC Union Berlin nachlegen. «Natürlich freuen wir uns, dass wir spielen können. Aber die Umstände würden wir uns anders wünschen», sagte Bayern-Kapitän Manuel Neuer. Im ersten Sonntagsspiel (15.30 Uhr) begegnen sich der 1. FC Köln und der FSV Mainz 05.

Dann wird auch wieder genau hingeschaut, wie sich die Profis auf dem Platz an die Ratschläge der Deutschen Fußball Liga halten. In einem «Organisations-Rundschreiben Sonderspielbetrieb» hatte die DFL empfohlen, auf den gemeinsamen Torjubel mit engem Körperkontakt zu verzichten. Die meisten Spieler bekamen das am Samstag hin. Gladbachs Marcus Thuram allerdings bejubelte seinen Treffer beim 3:1 in Frankfurt Wange an Wange mit Ramy Bensebaini. Und die Profis von Hertha BSC sorgten mit ausgiebigem gemeinsamem Torjubel beim 3:0 bei der TSG 1899 Hoffenheim für Aufsehen. Strafen drohen dafür nicht.

Die Berliner allerdings hätten es nach dem Wirbel um das Skandalvideo von Salomon Kalou besser wissen können. Der Torjäger hatte in der Hertha-Kabine feixend Verstöße gegen Hygiene- und Abstandsgebote gefilmt und damit sogar den Liga-Neustart gefährdet. Für die erneute Leichtsinnigkeit bat der neue Hertha-Trainer Bruno Labbadia um  Nachsicht. «Ich sehe das meinem Team auf jeden Fall nach. Ich hoffe einfach, dass die Menschen draußen Verständnis haben», sagte der Coach nach seinem gelungenen Einstand.

Schief ging es dagegen für Augsburgs neuen Trainer Heiko Herrlich. Wegen seines Einkaufs in einem Supermarkt während der Team-Quarantäne verzichtete der 48-Jährige auf sein Bank-Debüt und verfolgte die Partie gegen Wolfsburg aus einer Loge. In der Nachspielzeit unterlag der FCA dem VfL mit 1:2 - Herrlich hat viel nachzuarbeiten.

Und was war sonst? RB Leipzig verlor durch ein 1:1 gegen Freiburg Platz drei an Gladbach. Fortuna Düsseldorf und der SC Paderborn trennten sich torlos und stecken weiter im tiefsten Tabellenkeller fest. Sportliche Ergebnisse allerdings schienen am ersten Spieltag nach der Corona-Pause irgendwie nebensächlich.


«Fußball zum Leben erweckt» - Bundesliga-Neustart weltweit im Fokus
Von: Thomas Eßer (dpa)

BERLIN: «Präzedenzfall», «Geschichte» - aber auch «kalt und seelenlos»: die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Fußball-Bundesliga ist auch im Ausland auf enormes Interesse gestoßen und wird ausgiebig kommentiert. Ein deutscher Ex-Nationalspieler ist stolz.

Der Bundesliga-Neustart ließ in Italien gar Erinnerungen an die Mondlandung aufkommen. «Der erste Schritt von Neil Armstrong ist noch mal etwas anderes, aber das Tor des Norwegers ist Geschichte», schrieb die «Gazzetta dello Sport» zu Erling Haalands Premierentor nach der Corona-Pause zum 1:0 seiner Dortmunder gegen den FC Schalke 04. «Hätten wir für die Menschheit einen Fußballer wählen müssen, nur um diesem Bastard eines Virus ins Gesicht zu schlagen, hätten wir uns für Erling Haaland entschieden.»

Mit dem ersten Anpfiff 66 Tage nach dem zuvor letzten Bundesligaspiel präsentierte sich die Eliteklasse des deutschen Fußballs am Wochenende auf der ganz großen Bühne. In Zeiten, in denen der Ball in allen großen Ligen wegen der Coronavirus-Pandemie ruht, war die Saisonfortsetzung in über 200 FIFA-Mitgliedsländern zu sehen. Rund um den Globus wurde das Neustart-Experiment neugierig beobachtet - und medial sowie von Profis überwiegend positiv bewertet.

«Erstes Fazit nach 90 Minuten: wie erwartet sehr merkwürdig ohne Fans. Trotzdem macht es Spaß, endlich wieder Fußball zu sehen nach so langer Zeit», schrieb der deutsche Nationalspieler in Diensten von Manchester City, Ilkay Gündogan, bei Twitter. AC-Mailand-Star Zlatan Ibrahimovic freute sich ebenfalls und dankte der Liga für ihre Rückkehr. Lukas Podolski machte das ungewohnte Schauspiel stolz: «Wir als Bundesliga, wir als Deutsche haben mal wieder bewiesen, dass wir es drauf haben. In puncto Disziplin, Organisation, Zusammenhalt», sagte der Weltmeister von 2014 am Samstag bei «Bild TV».

Der frühere Bayern-Verteidiger Bixente Lizarazu nutzte das Geschehen in den leeren deutschen Stadien zur Kritik am Vorgehen in seiner französischen Heimat. «Die Deutschen haben sehr schnell ein funktionsfähiges System erstellt, während wir noch immer diskutiert haben», sagte der 50-Jährige der französischen Sportzeitung «L'Équipe», die am Sonntag von einer «kraftvollen Wiederaufnahme» und einer «Hürde, die gefallen ist» schrieb. In Frankreich war die Saison der Ligue 1 Ende April abgebrochen und Paris Saint-Germain mit dem deutschen Trainer Thomas Tuchel zum Meister erklärt worden.

Soweit ist es in den anderen großen europäischen Spielklassen wie der Premier League oder der Serie A noch nicht. Die Umsetzung des Liga-Hygienekonzepts und der größtenteils unfallfreie Neustart des Fußball-Spektakels hierzulande geben dort auch Anlass zur Hoffnung. «Die Bundesliga hat den Fußball nach Monaten des Todes und der Angst wieder zum Leben erweckt, hat die Weichen für die anderen gestellt, die immer noch nach Mut und Protokollen suchen», schrieb die «Gazzetta dello Sport». In den drei großen italienischen Sporttageszeitungen prangte der BVB-Sieg im Geister-Revierderby gegen Schalke am Sonntag groß auf dem Titel.

Der britische «Independent» stimmte den italienischen Kollegen zu: «Die Bundesliga hat gezeigt, wie es geht. Sie hat für diesen Sport einen Präzedenzfall geschaffen. Das wird helfen, das Denken zu verändern.» Etwas nüchterner kommentierte der «Telegraph» das Geschehen: «Die Rückkehr der Bundesliga fühlte sich funktional, kalt und seelenlos an - aber das ist alles, was wir im Augenblick haben.»

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