Neulich, am Strand: Musikgenuss

Heute möchte ich meinen Tag damit krönen, mit mir alleine zu sein. Von meinem Freund habe ich vor Tagen einige Musikdateien bekommen, die ich für mich aufbereitet habe. Schon den ganzen Tag fühle ich die Vorfreude abends das Ergebnis mittels Kopfhörer zu genießen und gleichzeitig inmitten der Passanten herumzulungern.

Einfach nur ich in meiner Glückseligkeit auf meiner Insel, während um mich der Trubel seinen steten Lauf nimmt. So mache ich mich nach dem Abendessen auf, mit meinem Player in der Tasche und den Kopfhörern in den Ohren, ein geeignetes Plätzchen zu suchen. Bald schon treffe ich am Promenadenplatz in Jomtien ein, lasse mich nieder und widme mich den Klängen. Mein Freund hatte Recht gehabt: Es ist wirklich super Musik, obwohl ich die meisten Interpreten schon lange kenne. Es gibt halt immer wieder etwas Neues zu entde­cken. Verzückt lausche ich den Klängen. Da schwirrt mir eine Fliege um den Kopf. Ich scheuche sie weg, doch diese lässt sich auf meiner Glatze nieder. Zwei weitere Exemplare umkurven meine Beine, hocken auf meinem Knie oder der Wade, krabbeln in der Beinbehaarung herum. Ich fuchtle die Viecher weg - erfolglos. Die Plagegeister machen sich einen Spaß daraus, mir um das Gesicht zu fliegen, um sich gleich wieder irgendwo auf mir niederzulassen und mich mit meiner Körperbehaarung zu kitzeln. Mein Opa hat mir vor langer Zeit erklärt: „Die suchen einen Kuhfladen zum fressen“. Genau deswegen ärgere ich mich. Wie kann man mich mit einem Kuhfladen verwechseln? Frechheit! Nun gesellen sich auch noch einige kleine Käfer hinzu, die ich aber erwische und erschlage. Vermutlich werden die Insekten vom grellen Licht angezogen, denke ich. So wechsle ich meinen Platz in eine dunklere Ecke. Da ist es wirklich besser! Keine Fliegen. Nur Mücken. Aber das merke ich erst nach einigen Minuten, als mir die Füße und Schienbeine zu jucken beginnen. Ich stehe auf und gehe ein paar Meter weiter bis zu einer Treppe, die mir einladend genug erscheint. Ich hocke mich hin. Die letzten Musikstücke konnte ich gar nicht genießen, also stelle ich einige Stücke zurück und beginne sie noch einmal zu hören. Kaum habe ich meine Augen geschlossen, wippe mit dem Fuß im Takt des Blues und will mich dem Genuss voll und ganz hingeben, bemerke ich einen fauligen Geruch. Erst nur leicht, doch immer intensiver. Der Wind hat auf ablandig gedreht. Ich bemerke, dass zu meinem Pech am Straßenrand einige überquellend volle Abfallcontainer stehen. Klar, dass die eine eigene Geschmacksnote verbreiten, nachdem sie den ganzen Tag in der prallen Sonne gestanden haben. Das hält ja keine Sau aus. Ich kapituliere zum dritten Male innert weniger Minuten und verlasse auch diesen nur halb perfekten Platz. So schlendere ich geistesabwesend die Promenade entlang.

Das ist der Rhythmus, wo man mit muss!

Mit dem Kopf wippe ich im Rhythmus des sündhaft guten Rock und Blues. Den entgegenkommenden Passanten muss ich mit meinen verdrehten Augen einen eigenartigen Eindruck machen. „Was hat denn der für ein Gift gefressen?“, scheinen sich einige zu fragen. Die Thai-Begleitung eines Farang wechselt verängs­tigt auf die andere Seite ihres Begleiters, um nicht zu nahe an diesen Spinner herankommen zu müssen. „Bist du noch in der Pubertät?“, scheinen andere mit ihrem Blick sagen zu wollen. Na ja, eigentlich haben sie Recht. Ich mache mich hier nur zum Affen mit meinen Zuckungen, als ob ich Veitstanz hätte. Und bevor ich als Behinderter klassifiziert werde, setze ich mich auf die Mauer und lasse den Leuten den Vortritt. Es fehlt jetzt nur noch, dass wieder jemand auftaucht und mir seine Krankengeschichte auftischt. Das würde meinem Kulturabend den letzten Rest geben.

Einige Thais neben mir feiern ein wenig. Salate, Grillhühnchen, „Mekong“ und gute Stimmung, alles da. Sie bemerken meine Tätigkeit und machen sich zuerst einmal über mich lustig. Doch dann steht ein Jüngling auf, geht zu seinem Pick-up der gleich dasteht und imponiert nun seiner ganzen Truppe, was für eine gewaltige Musikanlage er in den Wagen eingebaut hat. Die Bässe dröhnen so laut, dass die Whiskyflasche umzufallen droht. Wenn der Kerl wenigstens so etwas wie Musik laufen ließe, ginge es noch, ärgere ich mich. Doch das Techno-Bass-Gewumme kann ich beim besten Willen nicht mit Musik in Verbindung bringen. Der Discowagen dröhnt so laut, dass die letzten paar hundert Meter Strand, die noch verblieben wären, für mich nicht mehr in Frage kommen. So packe ich konsterniert meine Kopfhörer ein, stecke den Player weg und mache mich auf den Heimweg. Es ist schon deprimierend, auf gut 2 Kilometer Strand keinen Platz finden zu können, ohne von Viechern gefressen zu werden oder im Gestank von Mülltonnen alle 50 Meter zu hocken und auch nicht von dröhnenden Privatdiscos beehrt zu werden. Der einzige ruhige und insektenfreie Ort, der mir spontan in den Sinn kommt, wäre der Pratumnak-Park. Doch da braucht man als Hetero eine Eisenplatte vorm Hintern in der Hose. Da schauen dich die Thai-Boys nämlich aus anderen Gründen eigenartig an… Also lass ich auch das. Morgen werde ich am Swimmingpool meine Ruhe haben, da kann ich alles nachholen, hoffentlich. „Na, hast du dich erholt?“, fragt mich meine Frau, als ich zur Türe hereinkomme.

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