Äthiopien will Untersuchungsbericht vorlegen

Foto: epa/Stringer
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ADDIS ABEBA/CHICAGO (dpa) - Nach zwei Flugzeugabstürzen mit insgesamt 346 Todesopfern steht der US-Hersteller Boeing massiv unter Druck. Nun soll der erste Ermittlungsbericht zum jüngsten Crash in Äthiopien veröffentlicht werden. Besonders im Fokus steht dabei eine umstrittene Software.

Knapp einen Monat nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 in Äthiopien will das ostafrikanische Land einen ersten Bericht zur Ursache des Unglücks vorlegen. Die vorläufigen Untersuchungsergebnisse sollen an diesem Donnerstag um 9.30 Uhr veröffentlicht werden, sagte ein Sprecher des äthiopischen Verkehrsministeriums der Deutschen Presse-Agentur.

Der Absturz unweit von Addis Abeba, bei dem am 10. März alle 157 Menschen an Bord ums Leben kamen, hat den Flugzeughersteller Boeing und die US-Luftfahrtbehörde FAA stark unter Druck gebracht. Im Fokus steht vor allem eine umstrittene Steuerungssoftware, die bereits beim Crash einer baugleichen Boeing in Indonesien als eine mögliche Ursache gilt, bei dem Ende Oktober 189 Menschen starben.

Äthiopiens vorläufiger Untersuchungsbericht wird sich auf die Daten der Flugschreiber stützen. Diese waren kurz nach dem Absturz der Ethiopian-Airlines-Maschine von Experten in Frankreich ausgelesen worden. Die sogenannten Blackboxes, die sich zur Unfalldiagnose an Bord aller größeren Verkehrsflugzeuge befinden, zeichnen alle Flugdaten sowie alle Stimmen und Geräusche im Cockpit auf.

Die äthiopische Regierung hatte bereits erklärt, dass die Abstürze «klare Ähnlichkeiten» aufweisen. Unfallermittler gingen beim Crash in Indonesien davon aus, dass die eigens von Boeing für die neue Flugzeugreihe 737 Max entwickelte Steuerungssoftware MCAS ein wichtiger Auslöser des Unglücks gewesen sein könnte. Der Bordcomputer soll die Nase der Lion-Air-Maschine automatisch immer wieder nach unten gedrückt haben, während die Crew gegenzusteuern versuchte.

Experten warten daher gespannt darauf, ob die erste Untersuchung des Absturzes in Äthiopien ebenfalls auf Probleme mit dem Programm schließen lässt. Boeing steckt ohnehin schon in Erklärungsnöten und würde weiter unter Druck geraten, sollte beim zweiten Crash ebenfalls ein Software-Fehler als eine mögliche Ursache festgestellt werden.

Ethiopian-Airlines-Chef Tewolde GebreMariam hatte bereits erklärt, dass das Steuerungsprogramm aktiviert gewesen sein dürfte. Das MCAS-System sei «nach unserem besten Wissen» eingeschaltet gewesen, sagte er vergangene Woche dem «Wall Street Journal». Boeing hatte schon nach dem Absturz in Indonesien eine Überarbeitung des Programms versprochen, das Update zieht sich jedoch weiter hin.

Am Mittwoch teilte Boeing mit, dass Konzernchef Dennis Muilenburg mit Piloten einen Demo-Flug an Bord einer 737 Max 7 absolviert habe, bei dem die aktualisierte Software wie vorgesehen funktioniert habe. An der Hängepartie ändert das jedoch nichts - der Konzern will weitere Tests machen, und das Update erst der FAA vorlegen, wenn diese Arbeit «in den kommenden Wochen» abgeschlossen sei. Die US-Luftfahrtbehörde hatte bereits eine «rigorose Sicherheitsprüfung» angekündigt.

Nicht nur Boeing, auch die FAA steht nach den beiden Abstürzen massiv in der Kritik. Die Behörde wird verdächtigt, bei der Zertifizierung der 737 Max ein Auge zugedrückt zu haben, wichtige Teile der Sicherheitsprüfungen wurden dem Konzern selbst überlassen. Der Fall wird vom Verkehrsministerium untersucht, auch Justizministerium und FBI sollen inzwischen ermitteln. Die FAA hatte erst unter hohem politischen Druck ein Startverbot für Boeings 737-Max-Serie verhängt, nachdem dies in fast allen anderen Ländern bereits geschehen war.

Für Boeing ist die Aufarbeitung der Abstürze hochbrisant. Sollte sich ein Verdacht bestätigen, wonach der Konzern beim Zulassungsverfahren Informationen zurückgehalten hat, könnte dies strafrechtlich erhebliche Konsequenzen haben. Auch sonst ist der Fall juristisch heikel, es liegen bereits etliche Schadenersatzklagen vor. Falls sich herausstellt, dass ein Herstellerfehler für die Abstürze verantwortlich war, würden diese für den Konzern erst recht brenzlig.

Dabei scheint die Lage schon so prekär genug. Bis zur genauen Klärung der Unglücksursachen wurden weltweit Flugverbote für die 737 Max angeordnet - Boeings meistverkaufte Baureihe, die große Teile zum Umsatz und Gewinn des Konzerns beiträgt. Die rund 370 bislang ausgelieferten Maschinen des neuen Flugzeugtyps stehen seither am Boden, außerdem hängen zahlreiche Bestellungen in der Schwebe. Boeing drohen Stornierungen und Regressforderungen von Airlines.

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