Mutprobe

Was machst du, wenn du bei einsetzender Dämmerung mit dem Rad durch eine enge Gasse fährst und du aus der Distanz zwei Schatten siehst, die sich von den Gartenmauern lösen und in der Mitte zu einem großen, dunklen Fleck verschmelzen, der regungslos auf dem Asphalt verharrt? Die sind nicht einfach so aus Langeweile auf dich aufmerksam geworden, Neugier und Abenteuerlust treiben sie an. Radfahrer sind hier selten und wollen betrachtet werden, dann auch beschnüffelt und dann? Drehst du um und trollst dich, so schnell du kannst, oder hältst du den Kurs bei?

Ich fuhr erst mal weiter, aber im Magen machte sich ein flaues Gefühl breit. Zwei verdammt große Köter und weit und breit kein Mensch. Wie komme ich an denen vorbei? Ich dachte an das Spruchband, das über dem Eingang eines Dorfes im Isaan hing mit folgendem Text: „Wer kürzlich von einem Hund gebissen wurde, soll sich beim Bürgermeister melden. Der Hund hat Tollwut!“

Eine Prise Tollwut gefällig?

Vor dem geistigen Auge sah ich mich schon im Office des Bürgermeisters von Hua Hin mit Schaum vor dem Mund herumtoben und die BILD-Zeile: „Tollwütiger Rentner beißt Bürgermeister. Update folgt.“

Darauf hatte meine innere Stimme gerade noch gewartet. Die alte Hexe, die sich gerne als Schutzengel tarnt, meldete sich unerwartet einfühlsam.

Sie: „Du kannst immer noch umkehren, sieht ja keiner, dass du ein Hasenfuß bist.“

Ich: „Ich ein Hasenfuß? Aber hallo, ich doch nicht!“ Also weiter, Tritt für Tritt, noch fünfzig Meter, noch vierzig...

Sie: „Sieh sie dir an, von denen kann bestimmt keiner der Versuchung widerstehen, nach dir zu schnappen. Ist es der brandschwarze Höllenhund links, oder der schmutzbraune Bastard mit den triefenden Lefzen rechts?“

Ich: „Halt die Klappe, du nervst.“

Sie: „Hast du das gehört...? Hat da nicht einer geknurrt… weißt du, was das heißt? Letzte Warnung...“

Ich: „Geknurrt? Du hörst wohl Gespenster? Wieso habe nur ich so eine saublöde innere Stimme?“

Noch zwanzig Meter, der Countdown läuft.

Ich: „Ähm… sorry, vielleicht hast du recht, vielleicht sollte ich es doch lassen, es weiß ja niemand außer dir, dass ich...“

Sie: „Ich werde dich aber immer wieder daran erinnern, du wirst schlaflose Nächte haben, du Schlappschwanz, willst du das? Auf zum ‚High Noon‘, alter, weißer Mann!“

Mir blieb keine Wahl als in die Pedale zu treten, sie hatte mich am Wickel.

Nun erhoben sich beide Tiere gleichzeitig vom Boden und trotteten schwanzwedelnd auf mich zu. Aber da stimmte etwas nicht, etwas war anders als es hätte sein sollen. Ganz anders. Sie trotteten nicht, sie humpelten. Beide bewegten sich geradezu synchron humpelnd auf mich zu. Bald war klar: Die zwei Hunde hatten zusammen nur sechs Beine und kamen beim Trott aus dem Tritt, aber synchron! Ein jämmerlicher Anblick. Und diese traurigen Augen als ich an ihnen vorüberglitt. Große, braune Hundeaugen schienen zu betteln: Gib mir mein Bein zurück, ich werde auch nie mehr einem Lastwagen nachjagen, versprochen.

Saublöde innere Stimme

Bemitleidenswert, aber: Das Kribbeln im Bauch war buchstäblich verflogen. Zwei dreibeinige Hunde und vor denen habe ich Schiss gehabt, lächerlich! Ich grinste befreit in mich hinein. Wenn man zum Helden geboren ist, ist es schwer, es wieder wegzubringen. Nun flötete die Hexe honigsüß: „Applaus, Applaus, bravo Mister Courage, aber ohne mich hättest du rechtsumkehrt.“ „Ach leck mich.“

Auf dem Heimweg führt die Straße an einem unbebauten verwilderten Stück Land vorbei. Ich war in Gedanken immer noch bei den Hunden, als plötzlich etwas zwischen die Räder geriet und sich aufbäumte. Ein Gummiband oder sowas, dachte ich, riss aber instinktiv die Füße hoch, weg von den Pedalen. Was war das? Ich entkam um Zentimeter dem Biss einer dunkelbraunen Schlange, die meinen Weg gekreuzt hatte. An ihrer Stelle hätte ich mich auch aufgebäumt, denn es war das Letzte, was sie in ihrem Leben tat. Noch tagelang war ihr zermanschtes Skelett auf dem Asphalt zu sehen. Vielleicht ist sie auch ihrer inneren Stimme gefolgt, die sie immer wieder angestachelt hatte, endlich die Straße zu überqueren, der Radler da sei völlig harmlos. Vielleicht hat sie sie auch mit „Schlappschwanz“ provoziert, was rein physiognomisch der Sache doch schon nähergekommen wäre und auf die ganze Körperform gezielt hätte, und nicht nur auf einen exponierten Teil davon.

Was man nicht lernen kann

Zuhause erzählte ich die Geschichte mit der Schlange unserem Besuch aus dem Isaan. Er waren einhellig der Meinung, dass mir der Vorfall Glück bringen würde, immerhin sei sie tot und ich am Leben. Einfache Bauernweisheiten pflegen sie hier, das muss man den Thais lassen. Hätte das Reptil mich umgebracht, würden sie wohl bloß mit den Schultern zucken und sagen: „Auch das wird ihm Glück bringen, einfach nicht hier, erst im Nirvana.“ Tja, alles hat seine Zeit.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Jörg Noack 09.05.20 17:02
Toll geschrieben
...ich mag ihre Art zu schreiben sehr , es erinnert mich etwas an meinen Vater der mit 81 Jahren immer noch als Journalist tätig ist.
Bleiben Sie gesund und erzählen uns noch viele Geschichten.
Beste Grüße aus Bielefeld