Mörder oder Vaterlandsverräter

Thailänder, die neutral bleiben wollen, haben es schwer

Die Weißhemden veranstalten friedvolle Kerzenparaden und appellieren an Aussprache und Versöhnung.
Die Weißhemden veranstalten friedvolle Kerzenparaden und appellieren an Aussprache und Versöhnung.

„Yingluck, Du wirst sehen: für Dich kommt die Hölle auf Erden!“, schreit Suthep Thaugsuban, Anführer der in Bangkok demonstrierenden Regierungsgegner, ins Mikrofon. Gemeint ist Yingluck Shinawatra, die Regierungschefin. „Wer Suthep will, will die Diktatur!“, hält Nattawut Saikuea dagegen, ein Anführer der sogenannten Rothemden, der Regierungsanhänger. Verbrecher, Mörder, Vaterlandsverräter - das werfen sich die Spitzen, aber auch die Anhänger der beiden Lager gegenseitig vor.

Neutrale Thailänder haben in diesem Klima einen schweren Stand. „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“, ist die Einstellung auf beiden Seiten. Viele haben aber langsam die Nase voll von der Polarisierung. Sie organisieren jetzt im ganzen Land abendliche Kerzenproteste. Die Teilnehmer kommen in neutralen weißen T-Shirts.

Friedlicher Kerzenprotest statt Gewalt

Nicht nur Teile der Rothemden, auch ehemalige Anhänger der „Demokraten“ haben sich der Bewegung angeschlossen.
Nicht nur Teile der Rothemden, auch ehemalige Anhänger der „Demokraten“ haben sich der Bewegung angeschlossen.

Im Benjasiri-Park, direkt neben dem Edel-Shoppingzentrum Emporium in Bangkok, halten an einem Abend etwa 300 Leute Schilder hoch mit der Aufschrift: „Respektiert meine Stimme“. Sie sind empört, dass die Regierungsgegner die Wahlen am 2. Februar verhindern wollen, damit ein ungewählter Rat Reformen durchsetzt und Korruption ausmerzt.

„Unsere Demokratie ist nicht perfekt“, sagt ein 54-jähriger Teilnehmer, Manager in einer Maschinenfabrik. „Aber ich will, dass meine Stimme zählt.“ Bei den Kerzenprotesten gehe es nicht darum, wer für oder gegen die Regierung ist, sagt Teilnehmer Erich Henke. Der 27-jährige Thailänder mit deutschem Vater ist in Bangkok aufgewachsen und arbeitet als freier Journalist. „Ich bin auch gegen Korruption, aber seit wann bekämpft man sie damit, dass man die Leute um ihr Wahlrecht bringt?“, sagt er.

Weißhemden die dritte Kraft im Land

„Die Weißhemden sind eine dritte Kraft im Land“, sagt Thanet Aphornsuvan, Historiker an der Thammasat-Universität. Zehntausende nähmen schon an den Kerzenprotesten teil. „Wenn es Millionen würden, und wenn sie sich für Aussprache und Versöhnung einsetzen würden, hätten wir eine Chance, aus der Krise zu kommen“, sagt er. Weil die Weißhemden Wahlen fordern, stempeln die Regierungsgegner sie sofort als verkleidete Rothemden ab. Thanet weist das zurück. „Diese Bewegung umfasst viel mehr als Regierungsanhänger“, sagt er.

„Unsere Demokratie ist nicht perfekt, aber wir wollen, dass unsere Stimme zählt“, sagen viele Weißhemden.
„Unsere Demokratie ist nicht perfekt, aber wir wollen, dass unsere Stimme zählt“, sagen viele Weißhemden.

Henke war Anhänger der Oppositionspartei „Die Demokraten“, die den Demonstranten auf der Straße nahesteht. Seit die Partei in ihrer Regierungszeit 2010 bei Straßenprotesten Gewalt angeordnet habe und mehr als 90 Menschen umgekommen seien, sei er abgerückt. Bei den Kerzenprotesten seien nur 30 Prozent - wie er selbst - erklärte Regierungsanhänger, schätzt Henke. „Es gibt auch viele Anhänger der „Demokraten“ hier, die sauer sind, dass die Partei die Wahlen boykottiert.“ Auch die Weißhemden wollten Reformen, aber mit einer gewählten Regierung.

Hang zu überholten Sozialstrukturen

Die Regierungsgegner hingen an überholten Sozialstrukturen, sagt Thanet. Die meisten kommen aus „oberen Schichten“, wie er sagt, die lange das Sagen hatten. Suthep und seine Anhänger hätten kalkuliert, dass sie die Armee mit ihrem Protest zu einem Coup dirigieren könnten. Immer wieder sei die Demokratie durch Putsche unterbrochen worden - 18-mal seit 1932. „Aber die Gesellschaft hat sich geändert“, sagt Thanet. Die unteren Schichten sprengten die alten Sozialstrukturen und pochten mehr denn je auf gleiche Rechte. „Es ist das erste Mal, dass so viele Leute gegen einen Putsch und für friedliche Veränderung sind.“

Christiane Oelrich (dpa)

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Bernhard Imhof 18.02.14 04:27
Unterstüzungswürdig
Haben die Weisshemden eine webseite oder so, damit sie aus der ganzen Welt unterstüzung erhalten können?
Ich, und auch andere, möchten uns nicht in die Thailändische politik einmischen, aber ich hasse leute, die einen volksentscheid nicht respektieren können, egal wo.