Geständnis im Vermisstenfall am Amazonas

Ein Verdächtiger im Zusammenhang mit dem Verschwinden des englischen Journalisten Dom Phillips wird zur Unterstützung der Suche hinzugezogen. Foto: epa/Antonio Scarpinetti
Ein Verdächtiger im Zusammenhang mit dem Verschwinden des englischen Journalisten Dom Phillips wird zur Unterstützung der Suche hinzugezogen. Foto: epa/Antonio Scarpinetti

ATALAIA DO NORTE: Ein britischer Journalist und sein Begleiter werden im Amazonasgebiet vermisst. Die Hoffnungen schwinden und ein Verbrechen wird vermutet. Nun deuten die Ermittlungen der Polizei vor allem in eine Richtung.

Ein Verbrechen mitten im abgelegenen Amazonasgebiet Brasiliens? Vieles deutet mittlerweile darauf hin, dass ein vermisster britischer Journalist und ein ebenfalls verschollener Indigenen-Experte dort getötet wurden. In einem Gebiet, das als besonders gefährlich gilt.

Zwei Verdächtige wurden bislang festgenommen, einer von ihnen gestand nun, er sei an dem Mord an Dom Phillips und Bruno Pereira beteiligt gewesen, wie die Bundespolizei in Manaus am Mittwochabend (Ortszeit) mitteilte. Er habe die Polizei zu «menschlichen Überresten» geführt, hieß es. Die beiden Vermissten sollen einem Ermittler zufolge erschossen worden sein. Medienberichten zufolge wird mittlerweile gegen fünf Verdächtige ermittelt, darunter sei auch ein möglicher Drahtzieher.

Die sterblichen Überreste sollten am Donnerstag in die Hauptstadt Brasília gebracht werden. Die forensische Untersuchung werde am Freitag beginnen und kommende Woche abgeschlossen, berichtete das Nachrichtenportal G1. Per DNA-Analyse sollen die Überreste dann identifiziert werden.

«Auch wenn wir noch die endgültigen Bestätigungen abwarten, beendet dieser tragische Ausgang unsere Ängste und Qualen, nicht zu wissen, wo Dom und Bruno sind», schrieb Alessandra Sampaio, die Frau von Philipps, in einer Mitteilung. «Jetzt können wir sie nach Hause bringen und mit Liebe verabschieden.» Zudem beginne die Suche nach Gerechtigkeit.

«Die Bestätigung, dass Dom und Bruno ermordet wurden, lässt uns mit gebrochenen Herzen zurück», hieß es am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung der Familie von Phillips in Großbritannien. «Wir sind allen dankbar, die sich an der Suche beteiligt haben, vor allem den indigenen Gruppen, die ohne Pause nach Beweisen für den Angriff gesucht haben.»

Die Indigenen-Vereinigung des Javari-Tals beklagte den «unschätzbaren Verlust» von «zwei Partnern». Es waren vor allem die Indigenen der Region gewesen, die die Suche nach den Vermissten von Anfang an vorangetrieben hatten. Der Fundort liegt laut Polizei gut drei Kilometer von dort entfernt, wo persönliche Gegenstände von Phillips und Pereira gefunden wurden.

Das Motiv für das mutmaßliche Verbrechen blieb zunächst noch unklar. Regionale Medien spekulierten, Phillips und Pereira könnten Opfer eines Hinterhalts im Auftrag von Drogenhändlern geworden sein. Ein weiterer Ermittlungsstrang nimmt den Zusammenhang mit illegalem Fischfang und der Jagd in den Blick.

Phillips und Pereira waren nach Angaben einer regionalen Ureinwohner-Organisation nicht wie geplant am 5. Juni mit dem Boot in der Stadt Atalaia do Norte angekommen. Zuvor hatte Pereira bei der Polizei gemeldet, mehrmals bedroht worden zu sein. Er hatte illegale Machenschaften im Vale do Javari für die Behörden aufgezeichnet.

Gut eine Woche nach dem Verschwinden der Männer waren laut Medien persönliche Gegenstände von ihnen gefunden worden. Am Mittwoch war ein zweiter Verdächtiger festgenommen worden. Er ist Fischer und Bruder des bis dahin einzigen festgenommenen Verdächtigen.

Das Javari-Tal ist mit einer Fläche etwas größer als Österreich eines der größten indigenen Gebiete Brasiliens. Viele Indigene leben dort isoliert. Das Grenzgebiet zu Peru und Kolumbien ist durch illegale Goldsuche, Abholzung, Jagd und illegalen Fischfang sowie Drogenschmuggel zudem besonders konfliktreich.

«All dies hat mit der systematischen Schwächung der Indigenen- und Umweltbehörden sowie der Bundespolizei durch die Regierung gigantische Ausmaße angenommen», hieß es in einem Bericht des brasilianischen Fernsehens zu der Frage, weshalb das Javari-Tal zu einem der gefährlichsten Gegenden des Amazonasgebiets geworden sei.

«Brasilien befindet sich in einer Situation, die an Barbarei grenzt, und dieses Szenario kann nicht weiter fortschreiten», hieß es in einem Tweet von Greenpeace Brasilien. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sagte, dass Phillips «in der Region schlecht angesehen» gewesen sei, weil er über illegale Goldsucher berichtete, und dass er mehr «auf sich selbst» hätte achten müssen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte die Äußerungen des rechtspopulistischen Staatschefs. «Die entsetzlichen Kommentare von Präsident Bolsonaro sind Beispiele für die mangelnde Sensibilität der Behörden bei der Suche nach den beiden Männern», sagte Amerika-Chefin Erika Guevara-Rosas. «Seine gefühllosen Äußerungen und die Unsicherheit, die durch das Fehlen klarer, konsistenter und glaubwürdiger Informationen seitens der brasilianischen Behörden geschürt wird, machen die Familien von Dom und Bruno nur noch mehr zu Opfern. Anstatt ihr Leid weiter zu verschlimmern, müssen die Behörden alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihr Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit zu wahren.»

Brasilien ist der Nichtregierungsorganisation Global Witness zufolge im Jahr 2020 das viertgefährlichste Land für Umweltschützer gewesen, 20 Naturschützer und Umweltaktivisten wurden getötet. Unter den Opfern waren in den vergangenen Jahren die US-Umweltaktivistin Dorothy Stang und der als «Hüter des Waldes» bekannte Aktivist Paulo Paulino Guajajara.

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