Mut zu mehr Geschwisterlichkeit

​Der Papst im «Herzen Europas» 

Papst Franziskus nimmt an einem Treffen mit der Roma-Gemeinschaft in der Roma-Siedlung im Bezirk Lunik IX in Kosice teil. Foto: epa/Martin Divisek
Papst Franziskus nimmt an einem Treffen mit der Roma-Gemeinschaft in der Roma-Siedlung im Bezirk Lunik IX in Kosice teil. Foto: epa/Martin Divisek

KOSICE: Der Papst in Budapest und der Slowakei: Seine Treffen mit Benachteiligen und Ausgegrenzten sollen zu mehr Mitmenschlichkeit mahnen. Doch richtet sich das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht nur an die zwei Länder.

Aus dem Hochhausfenster im obersten Stock blickt eine Frau erwartungsvoll in die Ferne. Rund herum sind Löcher in der Wand und Teile der Fassade wohl schon lange abgebröckelt. Über ihr, auf dem Dach, sind zwei Scharfschützen postiert. Die Menschen in der Roma-Siedlung Lunik IX der ostslowakischen Stadt Kosice warten auf Papst Franziskus. Das Oberhaupt der katholischen Kirche will an diesem Dienstag ausgerechnet sie besuchen: Sie, die ausgegrenzt am Stadtrand in desolaten Zuständen und oft viel zu kleinen Plattenbauwohnungen leben. Es ist ein Termin typisch für Franziskus.

Es ist die zweite Auslandsreise des Papstes in diesem Jahr - nach einer schweren Darm-Operation, der sich Franziskus im Juli unterzog. Die Botschaft für Ungarn und die Slowakei war vor Abflug vielen noch unklar. Auch einige Vatikan-Kenner konnten sich keinen Reim darauf machen, was Franziskus mit seiner Reise nach Budapest und in die Slowakei vorhatte. «Es ist eigentlich gut, dass wir nicht wirklich wissen, warum der Papst zu uns kommt», sagte die Symbolfigur der katholischen Slowakei, Frantisek Miklosko, vor der Reise. So sei man aufgefordert, ihm genauer zuzuhören.

Was hat Franziskus also erreicht? Im Rückblick wird deutlich: Franziskus wollte nicht nur Kurs auf die Slowakei nehmen. Er wollte mit seiner Reise auch Europa erreichen. Er selbst sprach davon «im Herzen Europas» zu sein. Die mediale Aufmerksamkeit war allerdings außerhalb der beiden Länder verglichen mit seiner historischen Reise in den Irak im März deutlich geringer. Am Ende brachte sein Besuch zumindest Aufmerksamkeit für die Roma in Lunik IX und die Ordensschwestern im «Zentrum Betlehem» in Bratislava, die Bedürftigen helfen. Der Papst bereitete eine Bühne für Menschen, die sonst keine bekämen. Ob sich etwas für die Menschen dort ändert, bleibt jedoch abzuwarten.

Mit Blick auf Europa richtete sich seine Botschaft an den Staatenverbund EU, in der die gewünschte Einheit zuletzt wieder am alten Streitthema Migration Risse zeigte. In der Corona-Pandemie und der Beschaffung von Impfstoffen gegen Covid-19 trat Europa anfangs ebenso wenig gemeinschaftlich auf.

Der Pontifex wurde nicht müde, zu betonen, wie wichtig Geschwisterlichkeit und Offenheit seien. Wie auch im Irak stand über der am Mittwoch enden Reise Franziskus' Lehrschreiben «Fratelli Tutti» (Wir sind alle Geschwister), seine Idee vom friedlichen Zusammenleben aller Menschen. Es ist eine zentrale Botschaft, die Franziskus mitbrachte.

Zum Auftakt in Ungarn stand ein eher heikles Treffen für Franziskus auf dem Plan, der immer wieder von den Staaten fordert, Flüchtlingen mehr zu helfen. Die migrationsfeindliche Regierung von Viktor Orban und die ihm nahe katholische Kirche dort konnte er ohnehin nicht auf seiner Seite wissen. Von dem Gespräch hinter verschlossenen Türen wurde nur wenig bekannt. Man habe über die Rolle der Kirche in Ungarn und die Förderung von Familien gesprochen, hieß es aus dem Vatikan.

Orban bat Franziskus nach eigenen Angaben, das christliche Ungarn nicht untergehen zu lassen. Seinem Wunsch schien er mit der Kopie eines Briefes von König Bela IV. (1206-1270) Nachdruck verleihen zu wollen. Darin bat der damalige König von Ungarn Papst Innozenz IV. um Hilfe aus dem Westen wegen der Bedrohung durch die Tataren, ein Turkvolk aus dem Osten. In seiner Predigt appellierte Franziskus an die Ungarn, Offenheit zu zeigen: «Mein Wunsch ist, dass ihr so sein möget: gefestigt und offen, verwurzelt und respektvoll», sagte er vor fast 100.000 Gläubigen.

Aus der konservativ regierten Slowakei hieß es vorab, die Vorfreude auf den Papstbesuch halte sich in Grenzen. Auf der Straße erzählten Passanten, sie freuten sich auf den Argentinier. Andere schienen nicht zu wissen, dass er da ist. Ein Mann erzählte, er hoffe, der Besuch sein ein Anstoß, damit Probleme in der Slowakei gelöst werden, und dass er eine Botschaft für die dort unbeliebten Länder Ungarn und Polen ist. Zu den Messen kamen am Ende Zehntausenden Gläubige, die Franziskus in seinem Papa-Mobil zujubelten.

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