Hagia Sophia wieder Moschee - Zehntausende bei erstem Freitagsgebet

​Machtsymbol und Haus Gottes

Foto: epa/Sedat Suna
Foto: epa/Sedat Suna

ISTANBUL: Von den Minaretten der Hagia Sophia ertönen erstmals seit der Umwaldung in eine Moschee wieder Gebetsrufe. Zehntausende muslimische Gläubige folgen. Für die einen geht ein Traum in Erfüllung. Andere sprechen von Trauer und Aggression.

Trotz internationaler Kritik haben in Istanbul Zehntausende an den Feierlichkeiten zur Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee teilgenommen. Prominentester Besucher beim ersten Freitagsgebet war Präsident Recep Tayyip Erdogan. Der Staatschef sprach in dem bisherigen Museum zu Beginn selbst einige Koranverse. Später bezifferte er die Zahl der Gläubigen drinnen und draußen auf 350.000. Kritik an der Umwandlung kam von Kirchen anderer Länder, aber auch aus der Politik. Bundesaußenminister Heiko Maas sprach von einer «Entscheidung, die wir nicht nachvollziehen können».

Von den Minaretten der Hagia Sophie tönten erstmals seit der Umwandlung wieder Gebetsrufe. Rund um die Moschee rollten nach Schätzungen Zehntausende Muslime ihre Gebetsteppiche aus. Immer wieder hörte man den Ruf: «Gott ist groß». Bereits am Vormittag ließen die Behörden niemanden mehr in die ausgewiesenen Gebetsbereiche. Wegen des islamischen Bilderverbotes bedeckten im Inneren der Moschee während des Gebets weiße Vorhänge Mosaiken. Auf dem Boden war ein Teppich ausgerollt, auf dem die Gläubigen knieten. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie auch am Abend noch zahlreiche Menschen in die Hagia Sophia strömten.

Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hatte vor zwei Wochen den Status der Hagia Sophia als Museum annulliert. Erdogan ordnete daraufhin die Nutzung als Moschee an. Die Umwandlung stieß international auf scharfe Kritik. Die Hagia Sophia wurde im 6. Jahrhundert nach Christus als Kirche erbaut und nach der Eroberung Konstantinopels (heute Istanbul) 1453 durch die Osmanen in eine Moschee umgewandelt. Auf Anordnung des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk wurde das Gebäude 1934 zum Museum - bis jetzt.

Viele hatten in Zelten vor der Hagia Sophia oder in den umliegenden Moscheen übernachtet. Sie waren offen geblieben, um die Menschen zu beherbergen. Behörden forderten die Gläubigen auf, wegen der Corona-Pandemie Masken zu tragen und auf den Mindestabstand zu achten. Vielerorts wurde er jedoch missachtet, wie Fernsehbilder zeigten. Straßen in der historischen Altstadt wurden bereits am Vorabend für den Verkehr gesperrt.

Erdogan sagte, mit der Umwandlung in eine Moschee habe sich sein «Jugendtraum» erfüllt. Der Präsident der Obersten Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, sagte nach einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu in seiner Predigt: «Die Sehnsucht unseres Volkes, die sich zu einer tiefen Wunde im Herzen verwandelt hatte, findet ein Ende.»

International gibt es viel Kritik. Außenminister Maas sagte der Düsseldorfer «Rheinischen Post» und dem Bonner «General-Anzeiger» (Samstag), die Umwandlung sei «kein Beitrag zur Völkerverständigung». Das einzigartige Gebäude habe als Weltkulturerbe «Bedeutung weit über die Türkei hinaus», so der SPD-Politiker. Bundestags--Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) nannte die Umwandlung im SWR eine «Kampfansage an die laizistische Türkei». Erdogan «spalte die Gesellschaft» und versuche so von Wirtschafts- und Corona-Krise und Korruption abzulenken.

Die griechisch-orthodoxen Kirchen in Griechenland und den USA reagierten mit Trauer. In zahlreichen Kirchen läuteten die Glocken. Fahnen wurden auf halbmast gesetzt. Am Abend wollte der Erzbischof der griechischen orthodoxen Kirche Hieronymos II. in der Kathedrale von Athen eine Sondermesse abhalten. Die griechische Regierung bezeichnete die Umwandlung wiederholt als «historischen Fehler». Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sagte mit Blick auf Erdogan im staatlichen Fernsehsender ERT: «Das, was sich heute abspielt, ist kein Zeichen der Stärke, sondern ein Beweis der Schwäche.»


Kremlchef Putin und Griechenlands Premier würdigen Hagia Sophia

MOSKAU: Russlands Präsident Wladimir Putin und Griechenlands Regierungschef Kyriakos Mitsotakis haben sich für eine Erhaltung der Hagia Sophia in Istanbul als «Errungenschaft der gesamten Menschheit» ausgesprochen. Sie solle als «Symbol für Frieden und Verständigung» dienen, teilte der Kreml am Mittwoch in Moskau mit. Die beiden Politiker betonten demnach bei einem Telefonat die «außerordentliche kulturelle, historische und geistliche Bedeutung dieses einzigartigen Objekts des Welterbes». Von Freitag an wird die bisher als Museum genutzte Hagia Sophia wieder zur Moschee.

Offiziell hatte Russland erklärt, dass es sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Türkei einmische. Prominente Politiker und die Führung der russisch-orthodoxen Kirche hatten die Entscheidung der Türkei aber kritisiert. «Die Bedrohung der Heiligen Sophia ist eine Gefahr für die gesamte christliche Zivilisation - und damit für unsere Geistlichkeit und Geschichte», erklärte Patriarch Kirill, das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Anfang des Monats.

Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hatte am 10. Juli den Status der Hagia Sophia als Museum aberkannt und damit einen Beschluss des Ministerrats aus dem Jahr 1934 gekippt. Kurz danach ordnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan an, das Gebäude für das islamische Gebet zu öffnen.

Die im 6. Jahrhundert nach Christus erbaute Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) war fast ein Jahrtausend lang das größte Gotteshaus der Christenheit. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen wandelte Sultan Mehmet II. («Der Eroberer») die Hagia Sophia in eine Moschee um. Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk ordnete der Ministerrat im Jahr 1934 die Umwandlung in ein Museum an.

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