Staatsanwaltschaft will Todesstrafe fordern

Britische Menschenrechtler kritisieren eigene Polizei – Hektisches Tauziehen um Zeugen

Britische Ermittler am Tatort des Sairee-Strandes: Welche Ermittlungsergebnisse konnten sie sammeln – und warum werden diese nur mit den Anklägern geteilt und nicht mit der Strafverteidigung? Fotos: epa
Britische Ermittler am Tatort des Sairee-Strandes: Welche Ermittlungsergebnisse konnten sie sammeln – und warum werden diese nur mit den Anklägern geteilt und nicht mit der Strafverteidigung? Fotos: epa

KOH TAO: Der Prozessbeginn im spektakulären Doppelmordfall von Koh Tao wird laut offiziellen Mitteilungen am 8. Juli 2015 sein. Während in Thailand seit Wochen kaum neue Informationen dazu durchdringen, ist im Mutterland der ermordeten britischen Touristen Hannah Witheridge und David Miller ein zäher Streit zwischen Menschenrechtsorganisationen und der Metropoliten-Polizei sowie dem Auswärtigen Amt Großbritanniens entbrannt.

Haben Polizeibeamte der Londoner Stadtpolizei und Ermittlungshelfer aus Hampshire, Essex, Jersey und Herfordshire Resultate von Zeugenbefragungen an die thailändische Polizei weitergegeben oder nicht? – Die Menschenrechtsorganisation „Reprieve“ (auf Deutsch: Aussetzung der Todesstrafe) klagt an, die britische Polizei habe ‚einseitig die Staatsanwaltschaft in Thailand informiert und die Verteidigung der Angeklagten Burmesen Zaw Lin und Wai Phyo außen vor gelassen“.

Beschuldigte Zaw Lin und Wai Phyo im Provinzgefängnis von Koh Samui.
Beschuldigte Zaw Lin und Wai Phyo im Provinzgefängnis von Koh Samui.

Solche Vorwürfe wiegen in Großbritannien schwer, denn verfassungsrechtlich darf an Drittländer keine Information herausgehen oder eine Kooperative zu Gerichtsfällen erfolgen, wenn Beschuldigten die Todesstrafe droht. Genau diesen Vorwurf erheben „Reprieve“, Amnesty International sowie die Strafverteidiger und protestierten schriftlich beim Auswärtigen Amt von Großbritannien, dem „Foreign Office“ (FCO).

Der bis heute nicht zweifelsfrei geklärte Mord vom 15. August 2014 am Sairee Strand von Koh Tao bewegt die Gemüter und schlägt Wellen in höchste politische Kreise beider Länder. Britische Diplomaten versuchen den Eindruck zu vermeiden, Polizei und Justiz aus Großbritannien würden sich in thailändische Strafverfahren einmischen. Mit Schweigen zu eigenen Ermittlungsergebnissen der Metropoliten-Polizei London – die im Oktober vier Spezialisten nach Koh Tao geschickt hatte – weckten sie jedoch ungewollt Argwohn in der britischen Presse und Öffentlichkeit.

Der thailändische Chefverteidiger der Burmesen Zaw Lin und Wai Phyo (beide 21), Nakhon Chompuchat, beklagt seit Monaten die „ungleiche Behandlung im Vorfeld der Prozessvorbereitung“. Chompuchat erhält Rückendeckung von Menschenrechtsorganisationen und britischen Medien, darunter die angesehene Tageszeitung „The Guardian“. Auch in Justizkreisen auf der Insel wird kritisiert, dass die Voraussetzungen für einen fairen Prozess ab 8. Juli kaum gegeben seien. Es gilt als gesichert, dass die thailändische Staatsanwaltschaft im Falle einer Verurteilung der Tatverdächtigen die Todesstrafe fordern will.

Mordopfer Hannah Witheridge (23).
Mordopfer Hannah Witheridge (23).

Überraschend waren vor dem Jahreswechsel ausgerechnet Informationen aus britischen Ermittlungskreisen durchgesickert, wonach die Beweislage gegen Zaw Lin und Wai Phyo anhand forensischer Spuren erdrückend sein soll. Die Eltern der Mordopfer Witheridge und Miller bestätigten das wenig später in einem viel beachteten offenen Brief. Obwohl sie anfügten, sie wünschten sich einen fairen Prozess unter rechtsstaatlich einwandfreien Voraussetzungen, bewerteten britische Juristen diese „Vorverurteilung als äußerst bedenklich‘ und „eine indirekte Beeinflussung des Gerichts“.

Wegen der am 15. September durchgeführten chaotischen Erstermittlungen auf Koh Tao zweifeln manche an der Qualität sichergestellter Beweismittel. Hunderte waren am Morgen dieses schrecklichen Montags über den Tatort am Sairee Beach getrampelt, hatten Fotos von den Mordopfern geschossen und über soziale Netzwerke verbreitet. Als die polizeilichen Ermittler aus Surat Thani und Forensiker des General Police Hospitals Bangkok auftauchten, waren wichtige Spuren regelrecht im Sande begraben worden.

Dass Chefforensiker Polizeigeneralmajor Pornchai Suthareekun anfangs gegenüber thailändischen Medien ein Sexualverbrechen an Hannah Witheridge ausgeschlossen hatte, trug nicht zur Glaubwürdigkeit der Ermittler bei. Zu viele Pannen mit falschen Tatverdächtigen, fruchtlosen Massen-DNA-Tests und wilden Schuldzuweisungen von angeblichen burmesischen Mördern bis hin zu lokalen thailändischen Mafiosi sorgten monatelang für schlechte Stimmung weit über Koh Tao hinaus.

Mordopfer David Miller (24).
Mordopfer David Miller (24).

Thailands oberste unabhängige Forensikerin, Dr. Pornthip Rojanasunan, die zugleich Direktorin des Thailändisch Forensischen Institutes in Bangkok ist, wurde laut eigenen Angaben nie in den Doppelmordfall von Koh Tao einbezogen. Ihr Verhältnis zu ranghohen thailändischen Polizeibeamten gilt als belastet, weil sie wiederholt Ermittlungsmanipulationen anprangerte und sich 2004 öffentlich mit dem damaligen Premierminister Taksin Shinawatra angelegt hatte. Dr. Pornthip ist eine weltweit anerkannte Forensikerin und sagt zu den Ermittlungen im Koh Tao Mord unverhohlen spöttisch: „Dilettantisch und unprofessionell“.

Wie die FARANG-Redaktion Anfang März aus juristischen Kreisen erfuhr, hält das verzweifelt anmutende Tauziehen um mögliche Zeugen an, die sich in der Nacht zum 15. September 2014 auf Koh Tao aufgehalten hatten. Die Verteidigung umgarnt insbesondere burmesische Gastarbeiter und Kollegen der Tatverdächtigen Zaw Lin und Wai Phyo, die zu Einschüchterungen und Schlägen durch Polizeiermittler aussagen sollen. Bis heute behaupten beide Angeklagten, sie seien gefoltert und zu ihrem später widerrufenen Schuldeingeständnis gezwungen worden.

Ein Hauptproblem von Rechtsanwalt Nakhon Chompuchat und seinem Verteidigerteam des ‚Lawyer Council of Thailand‘ bleibt aktuell: Viele Burmesen sind nach dem Mord panikartig von Koh Tao geflohen und in ihre Heimat Myanmar zurückgekehrt. Sie fürchten sich vor einer Rückkehr und wollen sich auch mit Versprechungen nicht zur Aussage vor dem Provinzgericht Koh Samui überreden lassen.

Strafverteidiger Chompuchat ist bewusst, dass nur erhebliche Zweifel an den Ermittlungsmethoden vor Gericht etwas für seine Mandanten bewirken können. Der positive Abgleich von Spermaspuren aus dem Körper der ermordeten Hannah Witheridge mit angeblicher DNA von Zaw Lin und Wai Phyo – so lauten eindeutige Aussagen der Thai-Ermittler – wird schwer wiegen. Hier einen Manipulationsverdacht nachweisen zu wollen, dürfte an der generellen Glaubwürdigkeit der thailändischen Polizeiarbeit rütteln.

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Hardy Kromarek 07.03.15 09:12
Schuldig oder nicht schuldig?!
Man muss hier ganz klar den Prozess abwarten! Verstehe die Ermittlungsbehörden, das Sie keine weiteren Details an die Presse raus geben! DNA der beiden Angeklagten im Körper der ermordeten Hannah Witheridge! Wenn das einwandfrei nach gewiesen werden kann von den Ermittlungsbehörden, sind die Angeklagten überführt! Manipulation?! Schwer vorstellbar! Das die Verteidigung alles versucht um den Angeklagten zu helfen ist auch klar! Wie gesagt man muss nun das Gerichtsverfahren abwarten, da werden dann alle Beweise auf den Tisch gelegt! Die Täter die dieses abscheuliche Verbrechen begangen haben, müssen der gerechten Strafe zugeführt werden, im Sinne des beabsichtigten Antrages der Staatsanwaltschaft!!!