Koh Tao Prozess: Anklage beendet  Zeugen-Aufmarsch

Provozierendes Plakat britischer Medien mit einem Zitat von Martin Luther King: „Ungerechtigkeit in manchen Ländern ist eine Bedrohung für die Gerechtigkeit in allen anderen“.
Provozierendes Plakat britischer Medien mit einem Zitat von Martin Luther King: „Ungerechtigkeit in manchen Ländern ist eine Bedrohung für die Gerechtigkeit in allen anderen“.

KOH SAMUI: Nach 13 Verhandlungstagen von teils über 12 Stunden und einer Riesenanzahl von Belastungszeugen beendet heute die Anklagevertretung im Doppelmordprozess von Koh Tao ihre gerichtliche Beweisdarlegung. Seit 8. Juli sorgten widersprüchliche Aussagen und Schlampereien bei der Spurensicherung für Empörung bei der Verteidigung und vielen Medienvertretern.

Eine Gartenhacke als Tatwaffe, die wenige Wochen nach dem grausamen Mord an Hannah Witheridge und David Miller von der Polizei auf Koh Phangan für private Arbeiten benutzt wurde. Das Telefon des Opfers David Miller, angeblich im Wohnhaus eines der Tatverdächtigen auf Koh Tao gefunden, nur mit zersprungenem Display – aber laut Aussagen der polizeilichen Forensiker aus Bangkok unverwertbar, weil wie von Geisterhand in hunderte von kleinen Teilen zersplittert. Ein grünes Handtuch, mit dem das furchtbar zugerichtete Gesicht des Vergewaltigungs- und Mordopfers Hannah Witheridge bedeckt war, das aber nie auf DNA Spuren untersucht worden ist.

Die Staatsanwaltschaft blamierte sich bei der Vorführung höchster Polizeioffiziere des Ermittlungsteams der Südthailändischen Region 8 sowie einheimischer Polizeikräfte aus Koh Tao und Koh Phangan ein ums andere Mal. Die vom Gericht seit sechs Wochen akribisch aufgenommenen Aussagen und Dokumente weichen nicht nur immer wieder voneinander ab – es fehlen auch häufig gründliche Dokumentationen von kausalen Ermittlungsvorgängen, die für ein schlüssiges Gesamtbild der Mordnacht vom 15. September 2014 am Sairee Strand unverzichtbar wichtig wären.

Dass die Angeklagten Zaw Lin und Wai Phyo unabhängig voneinander die zwei Morde und die Mehrfachvergewaltigung von Hannah Witheridge gestanden haben sollen, bestätigten alle an den Vernehmungen beteiligten Polizisten. Zaw Lin war zunächst auf Koh Tao und dann in Koh Samui einvernommen worden. Sein Landsmann und Freund Wai Phyo nach seiner Verhaftung am 2. Oktober 2014 auf dem Festland in der Polizeistation Phunpin bei Surat Thani.

Weshalb beim Video-dokumentierten Geständnis von Wai Phyo in Phunpin ein Dutzend Polizeibeamte zu sehen sind, viele filmen die Nachstellung der Tat mit ihren Privathandys oder Kameras, sorgte im Verhandlungssaal 6 des Provinzgerichtes für Erstaunen. Man sieht die Polizisten scherzen und lachen, als zwei Beamte die Vergewaltigung nachstellen und von einem Polizeioffizier aufgefordert werden, etwas mehr Aktion vor die Kamera zu bringen. Dazwischen taumelt der Beschuldigte Wai Phyo umher, der zunächst nur wegen eines Verstoßes gegen das Immigrationsgesetz verhaftet worden war und ohne Rechtsbeistand zwischen den Polizisten agieren muss.

Die burmesischen Dolmetscher, die von der Polizei und der Staatsanwaltschaft während der Vernehmungen beider Beschuldigter eingesetzt worden waren, sind allesamt vor Gericht aufgetreten und haben Zaw Lin und Wai Phyo belastet. Es handelte sich – wie berichtet – um einen Pfannkuchenbäcker, einen Hilfsarbeiter sowie einen Strafgefangenen aus dem Provinzgefängnis Koh Samui. Nicht einer ist des Lesens und Schreibens in Thaisprache mächtig. Zwei offenbarten bei ihrer gerichtlichen Aussage solche sprachlichen Defizite, dass eine verlustfreie Übersetzung prozessrelevanter Fakten nicht gewährleistet schien.

Wie geht es nun weiter in diesem Mordprozess, der heute erneut bis in die Nacht geführt und am kommenden Dienstag mit den Zeugen der Verteidigung fortgesetzt wird? Welche Trümpfe hält das Verteidigerensemble in der Hand, um die polizeigeballte Anklageargumentation zu kippen? Und: Wird am 11. September mit dem mühsam erstrittenen Zeugenauftritt von Thailands führender Forensikerin Dr. Pornthip Rojanasunand die Spurenermittlung der Ermittler auf Koh Tao dem Gespött der Weltpresse zugeführt?

Es sind quälende Fragen, denn bei diesem Prozess geht es um das Leben von zwei burmesischen Gastarbeitern, die für einen Hungerlohn geschuftet haben und auf Koh Tao wie Menschen zweiter Klasse gehalten worden sind. Haben sie in den Morgenstunden des 15. Septembers zwei britische Rucksacktouristen beim Liebesspiel am Strand überrascht, spontan eine zufällig herumliegende Gartenhacke geschnappt, die Urlauber erschlagen und das Mädchen nacheinander geschändet?

„Weshalb sind Zaw Lin und Wai Phyo nach der Tat nicht geflohen, sondern wie immer brav an ihren Arbeitsstellen in zwei Strandrestaurants am Sairee Beach erschienen“, fragten die Verteidiger immer und immer wieder. „Warum wird Zaw Lin wegen zweier Visavergehen verhaftet, obwohl er ein gültiges Dokument für den Aufenthalt und die Arbeitsaufnahme in Thailand besaß?“

Chefverteidiger Nakhon Chompuchat erklärte mit sichtlicher Betroffenheit im Gesicht, dass seine Mandanten nach einem unsäglichen Ermittlungschaos und zweiwöchiger ergebnisloser Tätersuche als Sündenböcke herhalten mussten, „weil dies auf Koh Tao allen passte“: den Ermittlern, den einheimischen Lokalpotentaten und all jenen, die den Tourismus nicht durch Negativberichte belastet sehen wollten.

Der Hauptbelastungszeuge der Anklage sei ausgerechnet ein früherer Freund von Zaw Lin und Wai Phyo, der in der Tatnacht einige Zeit mit ihnen verbracht hatte und erst Ende September plötzlich begann, den Ermittlern zuzuarbeiten, so die Verteidigung. Der Mann namens Mau Mau sei wie viele Burmesen in Thailand von der Polizei und der Immigration abhängig – wie auch die zwangsrekrutierten Dolmetscher, prangerte Strafverteidiger Chomphuchat an. Nicht wenige wären nur als Arbeitskräfte oder als Polizeihelfer geduldet und täglich von ihrer Abschiebung oder Verhaftung bedroht.

Seit Monaten gibt es hinter den Kulissen ein nervenaufreibendes Tauziehen um mögliche Beweismittel, die britische Ermittler Wochen nach den Morden auf Koh Tao gesammelt haben könnten. Die englische Metropolitan Polizei verweigerte die Herausgabe eines Berichtes mit dem Verweis auf ihre Verschwiegenheitspflicht. Die Verteidigung kritisierte dies ebenso scharf wie den Fakt, dass Obduktionsresultate nach der Rückführung der Leiche von Hannah Witheridge nach England unter Verschluss gehalten würden.

Begründung: Britische Ermittler dürften keine Amtshilfe für Drittländer leisten, wenn Angeklagten dort die Todesstrafe droht. Gilt das auch für den Fall, dass die DNA Spurensicherung bei Vergewaltigungsopfer Hannah Witheridge in Großbritannien  noch verwertbare forensische Ergebnisse erbrachte? Bis heute wird gerätselt, ob Hannahs Leichnam nach ihrer Rückkehr Restspuren enthalten hat.

Wenn ab Dienstag die Verteidigung mit ihren Zeugen zum Gegenangriff durchstartet, wird mit Spannung erwartet, welche Entlastungsbeweise sie bei ihrer monatelangen Recherche aufspüren konnte. Sieben versierte Anwälte wollen den Nachweis erbringen, dass neben schlampiger und einseitiger Ermittlungsarbeit der Polizei möglicherweise sogar Beweise manipuliert und vernichtet worden sein könnten.

Thaisprachige Medienvertreter haben sich seit Wochen nicht mehr auf Koh Samui sehen lassen. Für Thailands Publikum sind die dramaturgischen Inhalte dieses Verfahrens nur noch auf einer virtuellen Bühne angesetzt: im Internet und in einschlägigen Foren, die schonungslos und bisweilen bizarr ihren Unmut zur Ermittlungsarbeit einheimischer Polizeiermittler artikulieren. Ohne sie wäre der Doppelmord von Koh Tao nur noch eine internationale und keine nationale Angelegenheit mehr. 

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Jürgen Franke 28.08.15 22:49
Lieber Sam Gruber
wieder ein herzliches Dankeschön für den erschütternden Bericht. Da bleibt einem ja die Spucke weg, wenn man das gelesen hat. Ich gehe davon aus, dass es für Sie auch nicht ganz einfach ist, diese Tage mental zu verarbeiten. Dass sich Thaisprachige Medienvertreter nicht mehr sehen lassen, macht für mich jedenfalls deutlich, dass das Urteil bereits schon gefällt ist. Aber warten wir mal ab. Es wird ja leider noch spannend werden.