Koh Tao Mordprozess mit ersten Turbulenzen

Der Burmese O. (2.v.r.) entdeckte die Leichen um 5.40 Uhr beim Strandreinigen vor seinem Arbeitsplatz AC-Bar. Er alarmierte den Manager Montri und dieser seinen Onkel, den Bürgermeister von Sairee – erst danach wurde die Polizei gerufen.
Der Burmese O. (2.v.r.) entdeckte die Leichen um 5.40 Uhr beim Strandreinigen vor seinem Arbeitsplatz AC-Bar. Er alarmierte den Manager Montri und dieser seinen Onkel, den Bürgermeister von Sairee – erst danach wurde die Polizei gerufen.

KOH SAMUI/KOH TAO: Kurioses und abruptes Ende des zweiten Prozesstages im Doppelmordfall von Koh Tao: Weil die Anklagevertretung keinen burmesischen Dolmetscher für einen wichtigen Tatortzeugen aus Myanmar auftreiben konnte, mussten alle Akteure im Schwurgerichtssaal heute Mittag in die vorzeitige Pause gehen.

Eigentlich hätte um 11 Uhr der 52 Jahre alte Gastarbeiter ‚O‘ in den Zeugenstand treten müssen. Der Burmese und eine Landsfrau hatten am 15. September beim Strandsäubern als Erste die Leichen von Hannah Witheridge (23) und David Miller (24) entdeckt. Nach langen Debatten zwischen Verteidigung und der Anklagevertretung entschied das Gericht, die Befragung erst fortzusetzen, wenn ein gerichtlich zugelassener Übersetzer aus Myanmar zur Verfügung steht. Die seit gestern dolmetschende Burmesin der Verteidigung sei dafür nicht geeignet, so die Begründung.

Bereits zuvor hatte es einen kleinen Eklat gegeben. Koh Phangans stellvertretender Polizeichef kam zwar pünktlich und in geschniegelter Uniform zum Prozess, allerdings hatte er es versäumt, einige wichtige Prozessunterlagen beizubringen. Auch hier kam das Gericht nach längerem Hin und Her zu der Einsicht, den Polizisten später noch einmal als Zeugen vorzuladen, dann, so der Richter, hoffentlich in Übereinstimmung mit seinem Dienstherren, dem leitenden Staatsanwalt.

Eine einzige Zeugin der Staatsanwaltschaft konnte heute einvernommen werden: die Masseuse Porntip (45) aus Koh Tao. Bei ihrer Vereidigung musste sich die in zerrissenen Jeans auftretende Thailänderin den Text vorlesen lassen, weil sie nicht lesen und schreiben kann. Ihre Aussage hätte etwas Licht in die Vorgeschichte der Tatnacht bringen sollen. Porntip hatte gegenüber den Ermittlern ausgesagt, sie habe nach 2 Uhr morgens am Strand drei Gitarre spielende Asiaten gesehen, die englische Lieder gesungen hätten.

Weniger erhellend war bei der Befragung durch den Staatsanwalt ihr Erinnerungsvermögen. Zwischen Mitternacht und 2 Uhr früh suchte sie offensichtlich nacheinander die Lotus Bar, die Sunset Bar und auch noch die AC-Bar auf. Überall will sie ein oder zwei Bier bestellt, aber nicht wirklich ausgetrunken haben. Ihr Gedächtnis brachte auch auf Befragung der Verteidiger nichts Verwertbares hervor. Eine im Gerichtssaal belächelte ausgiebige ‚Pinkelpause‘ in der Nähe des späteren Fundortes der Leichen und die vage Erinnerung an die Gitarrenspieler – mehr kam nicht ans Tageslicht.

Interessanter wurde es nach der Vertagung des Prozesses. Verteidiger Nakhon Chomphuchat bat die internationale und thailändische Presse zum Informationsgespräch. Morgen soll der verantwortliche Gerichtsmediziner des ‚Institute of Forensic Science‘ im Polizeigeneral Hospital Bangkok aussagen. Dieses war mit allen gerichtsmedizinischen Untersuchungen im Koh Tao Mordfall beauftragt worden und kontrollierte auch die Massen-DNA-Tests im Vorfeld der Verhaftung von Zaw Lin und Wai Phyo.

Von der Auswertung der Tatort- und Opferspuren am Sairee Strand von Koh Tao könnte das Urteil abhängen – schuldig oder nicht schuldig? Die Staatsanwaltschaft legt den grössten Wert auf ihre DNA-Beweismittel, die belegen sollen, dass nur die zwei burmesischen Gastarbeiter Lin und Phyo als Mörder und Vergewaltiger von David Miller und Hannah Witheridge in Frage kommen.

Während die Anklage seit Beginn der Spurensuche am Mordtag des 15. September 2014 genug Beweise gefunden haben will, spricht Chefverteidiger Nakhon Chomphuchat von einer ‚haarsträubend einseitigen Ermittlungshistorie‘. Vor Vertretern der Presse zweifelte er erneut die Glaubwürdigkeit der gerichtsmedizinischen Untersuchung an.

„Warum die Polizei das polizeieigene Forensische Institut im General Hospital Bangkok mit der Auswertung gefundener DNA-Spuren beauftragt hat, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, unabhängige Forensiker hinzuzuziehen, da kann sich jeder selbst seinen Reim drauf machen“, sagte Chomphuchat. Auf die Frage eines Britischen Journalisten von Sky-TV, ob eine Neuuntersuchung noch vorhandener DNA erfolgversprechend sei, entgegnete Chomphuchat: „Es gibt kaum mehr prüfbare DNA dieser Morduntersuchung. Und falls ja, hält alle der Polizeiforensiker unter Verschluss.“

Gegenüber dem FARANG erklärte der Strafverteidiger, dass es Kontakte mit Thailands Chefforensikerin Dr. Pornthip Rojanasunand gegeben habe. Diese sei grundsätzlich bereit, alle Abläufe seit dem Doppelmord noch einmal zu prüfen – inklusive der wenigen noch vorhandenen DNA-Spuren. Das einzige Problem: Das Gericht habe zwar Bereitschaft für eine unabhängige forensische Untersuchung signalisiert, einen Zeugentermin könne Dr. Pornthip jedoch aus terminlichen Gründen nicht einhalten. Die Verteidigung versuche nun fieberhaft, Übereinstimmung zwischen dem Gerichtsplan und den Plänen von Thailands anerkanntester Gerichtsmedizinerin zu erzielen.

Morgen geht der Prozess mit den forensischen Beweismitteln weiter. Sobald Polizei und Staatsanwaltschaft einen geeigneten burmesischen Übersetzer beibringen können, soll auch der wichtige erste Tatortzeuge Khun O noch einmal vorgeladen werden.

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