Koh Tao-Mord: Dolmetscher verwirrt mit Aussagen

Merkwürdige Aussage und eine weitere Mordtheorie im Fall des Opfers David Miller: der burmesische Übersetzer der Polizeibehörden überraschte gestern vor Gericht.
Merkwürdige Aussage und eine weitere Mordtheorie im Fall des Opfers David Miller: der burmesische Übersetzer der Polizeibehörden überraschte gestern vor Gericht.

KOH SAMUI: Der neunte Prozesstag des Koh Tao Doppelmordverfahrens hat mit der Einvernahme eines burmesischen Dolmetschers sowie eines angeblichen Pflichtverteidigers der Beschuldigten Zaw Lin und Wai Phyo für neuerliche Diskrepanzen gesorgt. Die beiden burmesischen Angeklagten sollen den Zeugen zufolge während ihrer Geständnisse unterschiedliche Angaben gemacht haben.

Die Ermordung des britischen Urlaubers David Miller (24) und die gemeinschaftliche Vergewaltigung von Hannah Witheridge (23) am 15. September 2014 und ihre anschließende Tötung sollen sich laut der Aussage von Rechtsanwalt Pittaya Yaipet widersprüchlich zugetragen haben. Der von der Polizei hinzugezogene Anwalt kam am 3. Oktober, einen Tag nach der Festnahme beider Angeklagter, in die provisorische Polizeizentrale im Intouch-Hotel am Sairee Beach. Sein Chef, der Präsident der Samuianischen Anwaltsvereinigung – gleichzeitig Besitzer und Betreiber eines Nachtbootes von Koh Tao nach Surat Thani - habe ihn dafür engagiert.

Dass der Angeklagte Wai Phyo (22) einen Tag zuvor auf exakt diesem Nachtboot bei der Ankunft in Surat Thani verhaftet worden war, auf dem Weg zu einer neuen Arbeitsstelle auf dem Festland, fiel als eine weitere ‚zufällige Verbindung‘ bekannter Persönlichkeiten auf Koh Tao auf. Wai Phyo hatte bis 30. September für die AC-Bar gearbeitet (Monatslohn 6.000 Baht, Mindestlohn Thailänder 9.000 Baht/die Red.) und wollte zum 1. Oktober nach Erhalt seines Lohnes eine besser dotierte Arbeit bei Surat Thani aufnehmen. Beide Beschuldigten waren auch zwei Wochen nach den Morden an ihren Arbeitsstellen am Sairee Beach geblieben und hatten keine Fluchtversuche unternommen.

Rechtsanwalt Pittaya Yaipet saß am 3. Oktober erstmals als Beobachter des Verhöres der beiden Hauptverdächtigen Zaw Lin und Wai Phyo im Vernehmungszimmer des Intouch Hotels Koh Tao. Er spreche kein Englisch und kein Burmesisch, gab er zu Protokoll. Dafür sei der Dolmetscher Gamon Ou Son, Betreiber eines Pfannkuchenstandes auf Koh Samui und bekannt als Polizei-Informant, engagiert worden. Gamon Ou Son räumte gestern als Zeuge ein, dass er weder Thailändisch lesen oder schreiben könne, jedoch in seiner 20 jährigen Tätigkeit auf Koh Samui selbst die Sprache erlernt habe.

Der Mord soll sich laut den Erinnerungen von Rechtsanwalt Pittaya Yaipet so abgespielt haben – soweit er die Geständnisse der Angeklagten korrekt wiedergeben könne: Beide hätten Hannah Witheridge und David Miller beim Liebesspiel am Strand überrascht. Sie seien spontan auf die Idee verfallen, den jungen Mann aus dem Weg zu schaffen und das Mädchen zu vergewaltigen. Zunächst hätten sie David Miller mit einer Hacke auf den Hinterkopf geschlagen und ihn verfolgt, als er versucht habe zu fliehen. Dabei seien die tödlichen Schläge gegen seinen Hinterkopf ausgeführt worden.

Hannah Witheridge – so die Erinnerung des Zeugen Pittaya – habe am Strand bei den Felsen gewartet und sei nach der Rückkehr von den beiden Beschuldigten bewusstlos geschlagen, vergewaltigt und dann getötet worden. Dass Zaw Lin und Wai Phyo abweichende Angaben zum Tathergang gemacht hätten, sei ihm schon aufgefallen, so der Zeuge vor Gericht. Das sei seinen Erfahrungen als Anwalt zufolge aber das gute Recht eines jeden Beschuldigten.

Der von der Verteidigung als ‚infamous‘ – auf Deutsch ‚verrufen und infam‘ bezeichnete burmesische Übersetzer Gamon Ou Son soll die zwei Verdächtigen während der Befragungen bedroht und handgreiflich misshandelt haben. Vor Gericht bestritt er das entschieden. Bei der Überprüfung seiner Papiere kam ans Tageslicht, dass er sich nur halblegal und mit Duldung der Immigrationsbehörden seit 20 Jahren in Thailand aufhalten durfte. Gamon Ou Son soll in vielen Fällen als burmesischer Dolmetscher für die Polizei eingesprungen sein, wann immer eine Straftat eines Gastarbeiters aus Myanmar vorlag. Er habe den Status eines Hilfspolizisten gehabt.

Kurioserweise hatte der burmesische Dolmetscher eine weitere Mordvariante im Fall des Opfers David Miller ins Spiel gebracht. Er könne sich genau erinnern, so erklärte er gegenüber burmesischen Medien, dass die beiden Beschuldigten David Miller mit einer Weinflasche niedergeschlagen hätten. Von einer Gartenhacke war in seiner Aussage keine Rede gewesen. Vor Gericht bestritt Gamon Ou Son jedoch, jemals solche Behauptungen während der Ermittlungen aufgestellt zu haben. Die von einem Fernsehsender in Myanmar sowie einer Zeitung veröffentlichten Zitate seien falsch, so Ou Son.

Heute Nachmittag ging der Mordprozess in seinen neunten mehrstündigen Verhandlungsmarathon, auch morgen wird ab 9 Uhr früh wieder im Saal 6 des Provinzgerichts Koh Samui verhandelt. Der FARANG wird weiter berichten.

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