Kleine Flughäfen unter Druck

Die Last der Airline-Insolvenzen

Foto: epa/Filip Singer
Foto: epa/Filip Singer

DRESDEN/BERLIN (dpa) - Insolvenzen von Airlines wie Germania haben vor allem kleinere Flughäfen getroffen - und vor allem im Osten. Wie stehen die Airports heute da, 30 Jahre nach dem Mauerfall?

Kurz vor Beginn der Sommerferien bietet der Flughafen Dresden ein entspanntes Bild: Zwei Dutzend Menschen stehen am Nachmittag mit ihren Koffern am Schalter und warten auf das Einchecken, Eltern beobachten mit ihren Kindern einen startenden Flieger. Bis zu den nächsten Abflügen nach Köln, Düsseldorf und München dauert es noch gut eine Stunde. Der Airport der sächsischen Landeshauptstadt rühmt sich mit kurzen Wegen. «Von der Bordsteinkante bis zum Gate sind es keine fünf ‎Minuten», sagt Uwe Schuhart, Sprecher der Mitteldeutschen Flughafen AG, zu der auch der Flughafen Halle/Leipzig gehört - Deutschlands zweitgrößter Cargo-Airport.

Ist es seit der Germania-Pleite im Februar stiller geworden am Dresdner Flughafen? Die Insolvenz sei ein «wirklich harter Schlag» gewesen, räumt Schuhart ein. Immerhin steuerte Germania 23 Ziele an, machte knapp 20 Prozent der Abflüge aus. Mittlerweile aber sei man wieder positiv gestimmt. Drei Airlines sind in die Lücke gesprungen - teilweise binnen weniger Stunden. So stehen nun Mallorca, Antalya und Kos wieder auf dem Programm, die Kanaren und London ab Herbst.

Dennoch, die Germania-Pleite geht nicht spurlos am Dresdner Airport vorüber: Die aktuellen Passagierzahlen des Flughafenverbandes ADV zeigen von Januar bis Mai 2019 einen Rückgang. In Dresden flogen in dieser Zeit knapp 564.000 Passagiere und damit 9,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Drastischer macht sich der Rückgang in Erfurt bemerkbar: Der Flughafen zählte rund 38.700 Passagiere und damit gut 45 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

«Wir haben ein zweigeteiltes Bild in unserem Land», sagt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel. Von den 22 internationalen Verkehrsflughäfen in Deutschland - von denen mit Erfurt und Dresden nur zwei im Osten liegen - verbuchten in den ersten fünf Monaten des Jahres nur elf ein Wachstum. Die Germania-Pleite habe viel zur Verschärfung der Situation beigetragen. Auch Airports wie Frankfurt-Hahn (-27,5) oder Weeze/Niederrhein (-33,1) zählten ein dickes Minus - ihnen machte aber vor allem die Abwanderung von Billigfliegern an größere Standorte zu schaffen. Der Flughafen Berlin-Tegel dagegen verbuchte 28 Prozent mehr Passagiere.

‎«Die Frage, ob es im deutschen Markt zu viele Flughäfen gibt, wird oft gestellt. Aber warum wird ‎eigentlich nicht die Frage gestellt, ob es zu wenige Airlines im deutschen Markt gibt?», so Beisel‎. Fluggesellschaften wie Air Berlin, Cirrus, LTU oder Intersky hätten ihren Flugbetrieb in den vergangenen Jahren eingestellt. Das Flughafennetz sei hingegen historisch gewachsen - parallel zu den Wirtschaftszentren im Land. So stieg etwa nach der Wiedervereinigung die Bedeutung des Luftverkehrs im Osten an - laut ADV gingen die Passagierzahlen bis 1995 «explosionsartig» um bis zu 55 Prozent nach oben. Entsprechend wurde investiert - in Terminals, Start- und Landebahnen. Bei vielen Standortentscheidungen von Unternehmen nach der Wende hätten Flughäfen eine wichtige Rolle gespielt, so Beisel.

Allein in Dresden flossen 99 Millionen Euro in das 2001 eröffnete Airport-Terminal. Der Freistaat Sachsen ist mit gut 77 Prozent Hauptanteilseigner der Mitteldeutschen Airport Holding. Auch in Thüringen ist das Land Hauptgesellschafter: Der Erfurter Flughafen wurde in den 1990er Jahren mit einem dreistelligen Millionenbetrag auf internationalen Standard gehoben. Nun der Rückschlag nach der Germania-Pleite: Die Airline sollte 2019 etwa 70 Prozent der Abflüge bestreiten. Zwar ist eine Airline in die Lücke gesprungen und fliegt zweimal wöchentlich nach Mallorca - die füllt den Flugplan aber nur sehr punktuell. Nach der Germania-Insolvenz entschied die Landesregierung, für 2019 und 2020 insgesamt 7,6 Millionen und damit 2 Millionen Euro mehr als ursprünglich vorgesehen an die Flughafengesellschaft zu zahlen.

Der Flughafen Rostock-Laage musste neben Germania auch die Insolvenz der britischen Regional-Fluggesellschaft FlyBMI verkraften. Geschäftsführerin Dörthe Hausmann schaffte es, die Lufthansa davon zu überzeugen, zehnmal pro Woche die München-Laage-Verbindung aufzunehmen. Erfolgreich seien auch die neuen Ferienflieger, die türkische Airline Corendon und die österreichische Fluggesellschaft Laudamotion. «Wir sind nun in einem ruhigeren Fahrwasser.» Doch die Folgen bleiben nicht aus: Hausmann erwartet für 2019 eine Passagierzahl von rund 150.000 - eine Reduzierung um rund 50 Prozent.

Nach zahlreichen Rückschlägen setzt der Regionalflughafen Magdeburg-Cochstedt nun auf eine neue Strategie: Statt Urlaubsflieger starten hier künftig unbemannte Luftfahrtsysteme. Seit Anfang Juni steht fest, dass das Gelände südlich von Magdeburg zum Testzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) umgebaut wird. 25 Millionen Euro investiert die Forschungseinrichtung gemeinsam mit dem Land Sachsen-Anhalt - und erlöst den Airport damit aus einer Stillstandsphase und dreijähriger Insolvenz.

Laut Leitlinien der EU sind staatliche Subventionen zum laufenden Betrieb von Flughäfen nur noch bis 2024 möglich. Verbandschef Beisel spricht sich dafür aus, das EU-Beihilfe-Recht generell zu ‎lockern und den Weg für stärkere Unterstützung etwa durch Übernahme von Kosten zum Beispiel für Feuerwehren oder Luftsicherung freizumachen. Das seien Stellschrauben, mit denen Bund und Länder ihre Flughäfen unterstützen könnten. «Sonst gibt es bald gar keine Flughäfen mehr in manchen Regionen in Ost- und ‎Südeuropa.»

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder
Joerg Obermeier 08.07.19 20:56
Verbandschef Beisel zählt also Ostdeutschland, sprich neuen Bundesländer zu "Regionen in Ost- und Südeuropa". Zumindest wenn man den letzten Absatz mit liest. Naja, vielleicht liegt er damit gar nicht so fürchterlich falsch, oder?