Ischgl ohne Après-Ski - Neustart im Lockdown

Skifahrende halten sich in Idalpe im Skigebiet Ischgl auf. Bei strahlendem Sonnenschein und mit frischem Neuschnee ist die österreichische Wintersportgemeinde Ischgl in die Saison gestartet. Foto: Expa/Johann Groder/apa/dpa
Skifahrende halten sich in Idalpe im Skigebiet Ischgl auf. Bei strahlendem Sonnenschein und mit frischem Neuschnee ist die österreichische Wintersportgemeinde Ischgl in die Saison gestartet. Foto: Expa/Johann Groder/apa/dpa

ISCHGL: Eindreiviertel Jahre haben die Skilifte in Ischgl still gestanden, eindreiviertel Jahre ist es her, dass der Ort als ein Zentrum für die Verbreitung des Coronavirus ins Rampenlicht geriet. Nun gibt es einen Neustart. Manche kamen extra von weit - auch ohne Après-Ski.

Ein paar wenige Skifahrer machen letzte Schwünge. Die Sonne versinkt hinter den Bergen. Jetzt wäre die Zeit für Après-Ski. Doch wo sich früher Menschen in Skikleidung zuprosteten und den Skitag feuchtfröhlich zu Ende gehen ließen: verschlossene Türen. Leere Straßen. Die Bars dicht. Die Hotels dunkel.

Der österreichische Wintersportort Ischgl, von dessen Après-Ski-Szene aus sich das Coronavirus Anfang 2020 über Österreichs Grenzen verbreitet hat, zeigt zum Neustart der Skisaison in Corona-Zeiten ein ungewohntes Gesicht. In Österreich gilt ein Lockdown. Es gibt weder Bewirtung noch Übernachtung. Aber Bergbahnen dürfen fahren.

Zum «Soft-Opening» - so nennt der Tourismusverband Paznaun-Ischgl den etwas anderen Start am Freitag - kamen rund 2500 Wintersportler. In der Hauptsaison konnten es an schönen Tagen vor Corona fast zehnmal so viele sein. Die länderübergreifende Skiarena, die Ischgl mit dem schweizerischen Ort Samnaun verbindet, hatte vor Corona mit 239 Pistenkilometern ein internationales Publikum angelockt.

Zum Neustart haben auch Deutsche die weite Anreise nicht gescheut - obwohl Österreich und seit Freitag auch die Schweiz als Hochrisikogebiete gelten. Drei, dreieinhalb und sogar fünf Stunden, so hörte man, waren manche unterwegs. Viele hatten die Brotzeit im Rucksack - wie früher. Denn: «Es lohnt sich herzufahren.»

Eindreiviertel Jahre standen die Skilifte in Ischgl still. Skifahren und Natur sollen nun mehr in den Vordergrund rücken. «Wir wollen Gäste haben, die das ganze Equipment in Anspruch nehmen», sagt Bürgermeister Werner Kurz. «Skifahren, essen - und vielleicht dann noch etwas trinken.» Aber nicht wie früher. Da seien manche mit Alkohol in der Hand durch die Straßen gezogen. «Das ist jetzt nicht mehr erlaubt.» Auf öffentlichen Plätzen gilt ein Alkoholverbot.

Dass gerade der Bergbauernort Ischgl wegen seiner Après-Ski-Szene in der Corona-Krise so in Verruf geraten ist, frustriert Einheimische. Dass Ischgl bis heute das unschöne Image anhafte und man den Ort gar für die Ausbreitung des Virus in ganz Europa verantwortlich mache, sei nicht richtig.

Die Infektionszahlen in Österreich sind derzeit hoch, die Kliniken auch hier voll. In Ischgl hofft man dennoch auf ein Ende des Lockdowns am 12. Dezember. «In der Schweiz sind alle Skigebiete offen, in Südtirol funktioniert es, in Deutschland ist auch kein Lockdown», sagt Bürgermeister Kurz.

Auch die Après-Ski-Bar «Kitzloch», Anfang 2020 wegen der Infektionen im Rampenlicht, ist fürs Öffnen vorbereitet. Damals war bei einem Barkeeper das Virus nachgewiesen worden, Mitarbeiter und auch Urlauber infizierten sich. Nun liegen Tischdecken bereit, Gläser stehen am Tresen. Sobald es geht, will Wirt Bernhard Zangerl öffnen, wohl unter 2G-Regel. Er wehrt sich gegen den schlechten Ruf des Après-Ski. «Wir schämen uns nicht für das, was wir machen», sagt Zangerl. Die Gäste erwarteten, dass es nach dem Skifahren Unterhaltung gebe. Am Ende müsse jeder für sich selbst entscheiden.

Die Gemeinde will allerdings keine «Partybusse» auf den Parkplätzen mehr haben. «Die sind früh angereist, haben Party gemacht und sind abends wieder weggefahren», sagt Bürgermeister Kurz.

An der Seilbahn hat Anna Kurz, Junior-Chefin des «Fire and Ice», anstatt Restaurant und Bar einen Kiosk aufgemacht - To-go-Verkauf ist erlaubt. «Ich mache auf, damit ich eine Beschäftigung habe, und auch weil es der Seele gut tut, wenigstens irgendwas arbeiten zu können.» Vor dem Lockdown sei das Hotel ihrer Familie fast ausgebucht gewesen. «Wir haben sehr viel Stammgäste.» Nun gebe es auch Stornierungen.

Viele fürchten, dass Gäste in die Schweiz ausweichen, wo Hotels offen sind und an den Liften nicht einmal 2G gilt. Auf deutscher Seite wiederum fürchten Seilbahnbetreiber ein Abwandern der Skifahrer nach Österreich oder in die Schweiz. In Bayern - etwa an der Zugspitze - dürfen Geimpfte und Genesene nur in Lifte steigen, wenn sie zusätzlich einen negativen Test vorlegen. Extra-Aufwand.

Auch in Österreich ist die Saison keineswegs gewiss. «Es gibt eine sehr große Unsicherheit mit der neuen Variante», sagt Günther Zangerl, Vorstand der Silvrettaseilbahn. Ohne Übernachtung fehlten Gäste. «Man kann sicher sagen, dass wir die erste Zeit nicht kostendeckend sein werden.» Es sei auch ein Probelauf für die Sicherheitsmaßnahmen: Kontrolle von 2G, Desinfektion, Maskenpflicht. Sollte Österreichs Lockdown andauern, werde man sich beraten müssen.

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