Deutscher Kardinal Müller kritisiert Papst Franziskus

Interview-Buch 

Archivfoto: Wikipedia
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ROM: Der frühere Benedikt-Vertraute Gerhard Ludwig Müller hat sich schon öfter kritisch über Papst Franziskus geäußert. Nun erscheint ein Interview-Buch mit dem Kardinal, in dem er den Pontifex erneut angreift. Der Papst reagiert laut Beobachtern äußerst subtil.

Der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller übt in einem in Kürze erscheinenden Buch heftige Kritik an Papst Franziskus. In dem Interviewband, von dem Ausschnitte am Wochenende in italienischen Medien erschienen, wirft der Kurienerzbischof dem Pontifex unter anderem Vetternwirtschaft vor. Franziskus sei im Vatikan umgeben «von einer Art magischem Zirkel, der aus Leuten besteht, die meiner Meinung nach theologisch nicht qualifiziert sind», urteilte Müller, wie unter anderem «La Repubblica» meldete. Der Papst ziehe den institutionellen Kanälen jene persönlichen vor, «die sogar für die Ernennung von Bischöfen oder Kardinälen genutzt werden», fand Müller.

Müller ist einer von drei deutschen Kardinälen, die bei einem Konklave einen neuen Papst mitwählen dürften. Er war enger Vertrauter von Benedikt XVI., der ihn 2012 zum Präfekten der mächtigen Glaubenskongregation machte. 2017 wurde er von Franziskus nach nur einer Amtszeit von dem Posten abgezogen. «Wie ein Blitz aus heiterem Himmel» habe ihn diese Entscheidung getroffen, erzählte Müller der Vatikan-Expertin Franca Giansoldati für das Buch, das in den nächsten Tagen unter dem Titel «In buona fede» (In gutem Glauben) erscheint.

Der gebürtige Mainzer und ehemalige Bischof von Regensburg warf dem Papst darüber hinaus vor, befreundete Priester, die wegen Missbrauchs angeklagt oder verurteilt wurden, milder zu behandeln als andere. Andererseits sei der italienische Kardinal Giovanni Angelo Becciu «vor der ganzen Welt gedemütigt und bestraft worden, ohne Möglichkeit, sich zu verteidigen», meinte Müller. Becciu steht derzeit im Vatikan wegen eines Finanzskandals um den schief gelaufenen Kauf einer Luxusimmobilie in London vor Gericht.

Vor diesem Buch hatte schon die Autobiografie von Georg Gänswein, dem langjährigen Begleiter und Privatsekretär des jüngst gestorbenen, emeritierten Papstes Benedikt, für Aufsehen gesorgt. Der Vatikan äußerte sich nicht offiziell zu den beiden Büchern. Beobachter aber erkannten in Aussagen von Franziskus eine Reaktion auf die Kritik. «Manchmal genügt ein Wort, um einen Bruder oder eine Schwester zu verletzten oder zu töten», sagte er etwa am Samstag bei einer Audienz. «Wir denken an Verleumdung, an Klatsch und Tratsch, die so üblich sind, so alltäglich, und die so sehr schmerzen und zerstören.»

Man müsse das Reich Gottes verkünden und sich nicht «in vielen Nebentätigkeiten oder vielen zweitrangigen Diskussionen verzetteln», predigte Franziskus dann am Sonntag im Petersdom bei einer Messe. Diese wurde am Altar neben anderen Geistlichen auch vom früheren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst zelebriert. Er war vor knapp neun Jahren wegen heftiger Kritik an seiner Amtsführung und teils horrenden Kosten für den Bistumssitz zurückgetreten. Inzwischen arbeitet er im Vatikan im Dikasterium für Evangelisierung.

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