In Thailand leben?

Neues von Günther Ruffert
Neues von Günther Ruffert

Ich lebe nun seit über 20 Jahren in Thailand, und davon fast 15 Jahre in einem typischen kleinen Isaan-Dorf, nahe der kambodschanischen Grenze. Meine Erfahrungen in diesem Land habe ich in einigen Büchern und auch in vielen Beiträgen weitergegeben, die u.a. auch im FARANG erschienen sind. Natürlich hängt der Standpunkt, den man bei der Beschreibung von Land und Leuten einnimmt, von den persönlichen Verhältnissen ab, also besonders davonn wo und wie man lebt und welche Mentalität man selber hat. Ich erhebe deshalb keineswegs den Anspruch, eine objektive Beschreibung der Sitten und Gebräuche in diesem Land zu Papier zu bringen, und nicht jeder wird die Dinge so sehen wie ich. Es gibt ja einige Bücher über Bargirls und Farangs in Pattaya und Phuket, die die Dinge aus Sicht des Touristen, oder auch Sextouristen, vielleicht ganz treffend beschreiben. Ich lebe aber seit vielen Jahren im Isaan und beschreibe das Leben der Menschen hier so, wie ich es sehe.

Dass sich dies von der Situation in Bangkok oder in Pattaya sehr stark unterscheidet, viel stärker als zum Beispiel zwischen einer deutschen Grossstadt und einem Dorf im hintersten Mecklenburg, ist ein Fakt, über den sich jeder klar sein muss, der meine Geschichten liest, und natürlich erst recht jeder, der beabsichtigt, sich hier niederzulassen.

Im vorigen Jahr habe ich mit vielen Freunden meinen 80. Geburtstag feiern dürfen, und es ist wohl selbstverständlich, dass sich in den vielen Jahren, die ich hier lebe, nicht nur vieles verändert hat, sondern dass ich auch meine eigene Meinung zu den Dingen, die um mich herum passieren manches Mal anpassen musste. Ich finde aber, dass gerade in den Dörfern im Isaan, die ich kenne, die meisten Veränderungen nur oberflächlich sind. Wenn man ein bisschen daran kratzt, kommt schnell das alte Thailand zum Vorschein.

Für den Farang ist es schwierig, das Denken und Handeln der Thai zu verstehen, genau so wie es für den Thai schwierig ist, das Denken und Handeln der Farangs zu verstehen. Vor allem für Farangs, die das Land noch nicht gut kennen, können meine Geschichten vielleicht einiges zum besseren Verständnis all dessen beitragen, was ihnen in Thailand zunächst unverständlich erscheint und helfen, Stolpersteine zu vermeiden.Günther Ruffert

Es ist ganz natürlich, dass man in Leserbriefen kritisch zu Dingen Stellung nimmt, die einem als Farang in diesem Lande die Laune verderben.

Was ich aber nicht verstehe, sind die Leute, die als regelmässige Besucher hier ins Land kommen, oder gar als Expat schon zehn oder mehr Jahre hier leben, sich aber permanent über alles und jeden in Thailand beschweren.

Der regelmässig wiederkommende Tourist wird weitgehend zufrieden sein mit den thailändischen Zuständen und den hier angetroffenen, meist netten und freundlichen Thai. Wohingegen nicht wenige Expat, welche schon viele Jahre hier zubringen, sich über jedes in der hiesigen Suppe schwimmende nationalistische Haar aufregen können.

Sie müssen sich dann aber auch die Frage stellen lassen, warum sie denn immer wieder hierher kommen, oder in diesem Land bleiben, wo ihnen alles gegen den Strich geht. Wenn es hier wirklich so schlimm ist, wie sie meinen, und wie es in vielen Leserbriefen immer wieder zu lesen ist, warum bleiben sie dann trotzdem hier?

Sie verstehen nicht, dass in Thailand alles anders ist als in Deutschland, dass Thailand eine andere Vergangenheit, eigene Traditionen und eigene Sitten hat. Sie versuchen, alles in die Schablonen ihres eigenen Weltbildes zu passen und vergleichen und beurteilen alles, was sie hier sehen und erleben, mit dem, was sie von zu Hause kennen. Oder sind sogar der Meinung, nur weil sie aus einem zivilisierteren Teil der Welt stammen, oder eine bessere Schulbildung genossen haben, wären sie schon cleverer und besser als alles, was hier in diesem Land geboren ist. Und sind dann völlig daneben, wenn sie sich von einem "dummen” Thai, oder von der eigenen Freundin abgezockt fühlen.

Vielleicht sollten sich die Farang, die sich ständig über alles in Thailand beklagen, mal daran erinnern, dass man in bloss 10 Stunden Flugzeit hierher fliegen kann, dass aber die Distanz zwischen den Kulturen wesentlich grösser ist.

Die Existenz verschiedener Kulturen ist eine geschichtliche Tatsache, und natürlich beschränkt sich die Unterschiedlichkeit nicht auf Sprache oder Aussehen. Das ist ein Prozess, der Jahrtausende in Anspruch nahm und zu bestimmten Normen und Weltsichten führte, die jede Kultur von einer anderen unterscheidet.

Die ethische und moralische Werteskala einer Gesellschaft entwickelt sich aus ihrer Religion, und natürlich auch ihrer geschichtlichen Vergangenheit. Deshalb haben andere Gesellschaften auch ein anderes Verständnis von Gut und Böse, von Freiheit und Recht als wir.

Keiner kann umhin, seine angeborene und erworbene Lebens- und Sichtweise mit in die Betrachtung eines anderen Landes einzubeziehen. Für den in seinem Kulturkreis aufgewachsenen Farang hat Thailand definitiv seine Vor- und Nachteile, wie jedes andere Land auch. Ich kann mir aber Thailand nun mal nicht so zurechtschneidern, wie ich es gerne hätte. Es ist so, wie es ist, ein schönes Land voller Widersprüche.

Was passt uns denn nicht an diesem Land? Dass Thailand anders ist als Deutschland? Dass hier andere Regeln gelten und andere Gesetze? Dass hier ein anderes Sozialsystem existiert, ein anderes Rechtssystem, ein anderes Denken, andere religiöse Vorstellungen und eine andere Mentalität? Dass hier Kinder anders erzogen werden und aufwachsen? Über all das sollten wir uns klar sein, bevor wir uns entschliessen, hier zu leben statt in Deutschland. Gerade weil es hier anders ist, sind wir doch in Thailand. Man steigt nie einfach aus etwas aus, vor allem steigt man zwangsläufig in etwas hinein. Und meistens ist es ganz anders, als man es sich vorgestellt hat.

Wir sind doch hier, weil es hier nicht so ist wie in Deutschland und wir die Möglichkeit haben, uns auszusuchen, in welchem Land wir leben. Warum also die ständige Klage über all das, was die Thai anders machen als wir? Wir sind aus Deutschland ausgestiegen und haben das Leben in Thailand gewählt, weil wir mit der Lebensweise in unserer alten Heimat nicht mehr zufrieden waren. Warum will man dann hier das einführen, was uns aus Deutschland weggetrieben hat? Wir sind als Gäste in dieses Land gekommen, und keiner von uns hat das "gute Recht”, den Thai vorzuschreiben, wie sie sich benehmen sollen. Letztlich bleiben Thai immer Thai.

Farang sollten aber bei allen gutem Willen nicht vergessen, dass sie selbst niemals zum Stamm der Thai gehören und, ob es ihnen nun passt oder nicht, ob mit oder ohne Thaifrau, ob in Thailand längere Zeit lebend, oder nur von Deutschland zeitweise einfliegend.

Dass sie als Farang hier nie gleichberechtigt mit den Thai leben können, darüber hätten sie sich schon vor dem Entschluss, ihr Leben in Thailand zu verbringen, beim Blick in die hier gültigen Ausländergesetze schlau machen können. Eine Verbesserung der Rechtslage zugunsten der Farang mit Daueraufenthaltsambitionen wird die Regierung nicht für notwendig erachten, zumal man an Zuwanderern aus dem Ausland erklärtermassen grundsätzlich nicht interessiert ist. Sicher ist, dass sich weder die Regierung noch die Mehrheit der Thai um das Wohlbefinden der sich auf Dauer hier aufhaltenden Ausländer viele Gedanken machen.

Ob diese Haltung der Thai-Behörden dem Geld bringenden Farang gegenüber wirtschaftlich gesehen auch vernünftig ist, ist eine ganz andere Frage. Aber die muss von den Thai selber nach ihrer Logik entschieden werden, und die weicht, wie wir alle wissen, sehr stark von dem ab, was wir unter logisch verstehen.

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