Junge Deutsche mischt Stierkampfszene auf

​«Historisch»

Die deutsche Stierkämpferin Clara Kreutter hoch zu Ross in Portugal. Kreutter ist die erste deutsche Profi-Stierkämpferin. Foto: Privat/Pedro Guimaraes/dpa
Die deutsche Stierkämpferin Clara Kreutter hoch zu Ross in Portugal. Kreutter ist die erste deutsche Profi-Stierkämpferin. Foto: Privat/Pedro Guimaraes/dpa

MADRID/LISSABON: Sie lebt davon, bis zu 600 Kilo schweren Bullen die Stirn zu bieten: Clara Kreutter ist die erste deutsche Profi-Stierkämpferin. In Spanien und Portugal sorgt sie für Furore. Daheim erhält sie kaum Anerkennung - eher Anzeigen und Drohungen.

Als Clara Sofie Kreutter in Spanien ihren Einstand feierte, gerieten dort Zuschauer und Medien in Verzückung. «Historisches Debüt», titelte etwa die renommierte Zeitung «El Mundo». Die Deutsche ist blond, eher zierlich, 29 Jahre jung und ... nein, keine Sängerin oder Schauspielerin. Sie verdient ihren Lebensunterhalt damit, gegen bis zu 600 Kilogramm schwere Bullen zu kämpfen. Kreutter ist «Rejoneadora», eine Stierkämpferin zu Pferd. Und zwar die erste, die aus Deutschland oder einem anderen Land ohne jegliche Stierkampf-Tradition kommt. Ohnehin sind Frauen in dieser Männerdomäne sehr, sehr selten.

Das Debüt, mit dem sich die aus Bad Berleburg in Nordrhein-Westfalen stammende Amazone «einen Traum» erfüllte, war im August. Seitdem ruht sie sich nicht auf ihren Lorbeeren aus. Sie blieb über Weihnachten und Silvester in Portugal, um das Training in ihrer Wahlheimat Santarém etwa 90 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Lissabon nicht zu unterbrechen. «Ich trainiere sieben Tage die Woche und das ganze Jahr über», erzählte sie der Deutschen Presse-Agentur. Freie Tage oder Urlaub gebe es nicht. «Höchstens, wenn die Pferde einen Tag Pause haben und wir auf einen Stierkampf zum Zuschauen fahren.»

Der Countdown läuft. Die erste Corrida der Saison ist in Spanien schon Ende Februar. 2022 sind insgesamt 40 bis 50 Auftritte vorgesehen. Stierkampf zu Pferd ist traditionell in Portugal zu Hause, aber auch in vielen Regionen Spaniens sehr beliebt.

Die Frau, die mit sechs zu reiten anfing, weil ihr Schulbusfahrer, der eine Haflingerzucht betrieb, ihr ein Pony schenkte, widmet sich seit 2017 in Portugal unter Trainer Jorge de Almeida voll und ganz ihrer Leidenschaft. «Zum Leidwesen meiner Eltern, die sich immer gewünscht hatten, dass ich eine künstlerische Laufbahn einschlage», verrät die Enkelin des Bildhauers Wolfgang Kreutter.

Nach ihrem Einstand, bei dem sie zwei Stiere tötete, wurde sie von begeisterten Fans auf die Schultern genommen und jubelnd aus der Arena in Ledaña rund 250 Kilometer südöstlich von Madrid getragen. Das Blatt «El Heraldo» sprach von einem «nie da gewesenen Ereignis», «El Mundo» bescheinigte der unerfahrenen Debütantin «eine Menge Mumm» - und glaubt, dass eine «Rejoneadora» aus Deutschland für die «internationale Projektion (des Stierkampfes) sehr gut sein kann».

Daheim in Deutschland waren die Reaktionen weniger positiv. Die Tierschutzorganisation PETA erstattete Strafanzeige «wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz». Tierquälerei könne nach deutschem Recht mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden, so PETA. Im Netz gab es einen Shitstorm. Mehr als nur Kritik. Kreutter: «Ich frage mich, wie tierlieb jemand ist, der Menschen die schlimmsten Gewalt- und Morddrohungen macht.»

Sie verstehe es ja, dass es im Norden keine Corrida-Tradition gebe und respektiere es, wenn jemand Stierkampf nicht möge. «Allerdings akzeptiere ich keine Kritik von jemandem, der keine Ahnung hat, wovon er redet. Der nicht einmal weiß, wie ein Stierkampf abläuft, welche Symbolik er hat, welche Regeln es gibt und was der Stier den Menschen bedeutet.» Den Kritikern hält sie vor: «Wie rechtfertigen sie ihren Fleischkonsum? Woher kommt das Fleisch? Die für den Kampf gezüchteten Stiere wachsen draußen vier, fünf Jahre halbwild auf.»

Man müsse sich «mit fremden Traditionen und Kulturen wirklich beschäftigen, anstatt sie nur zu konsumieren. Die Menschen kennenlernen, die dafür leben.» In ihrem Freundeskreis und im Familienumfeld seien auch nicht alle pro Stierkampf, erzählt sie. Aber immerhin: «Sie respektieren alle meinen Weg und ich ihren.»

In Spanien sinkt die Beliebtheit des umstrittenen Brauchtums seit Jahren - vor allem bei Jüngeren. Es hat aber immer noch viele und mächtige Befürworter: Politiker, Künstler, Unternehmer und auch der moderne König Felipe VI.. Branchenstars wie Cayetano Rivera (44) und El Juli (39) gelten als Frauenlieblinge und «Vorbild»-Spanier. Nachdem Dutzende Gemeinden und Regionen im ganzen Land Stierkampf-Verbote verabschiedet hatten, urteilte das Verfassungsgericht 2016, nur der Staat könne über eine Abschaffung entscheiden - weil der Stierkampf 2013 zum nationalen Kulturgut erklärt worden sei.

Stierkampf ist halt nicht nur Tradition, sondern auch ein großes Geschäft: Nach Branchenschätzungen bewegt der Sektor rund vier Milliarden Euro jährlich. An ihm hängen 54.000 Jobs direkt. Auch Clara Kreutter lebt vom Stierkampf, aber sie denkt nicht erster Linie ans Geschäft. Wenn sie ihre Leidenschaft erklärt, klingt sie zuweilen fast philosophisch. «Ist ein Stier lahm oder greift er nicht an, ist der Kampf automatisch beendet. Einen Stier, der nicht angreift, darf man nicht bekämpfen. Dementsprechend stellt der Stierkampf für mich symbolisch auch das Leben dar. Wir alle haben unseren Stier, unsere dunkle und unsere wilde Seite in uns.»

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