Historiker kritisieren Untersuchung zum Verrat an Anne Frank

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Eine Abschrift des "Tagebuchs der Anne Frank", geschrieben im Geheimen Nebengebäude in Amsterdam. Foto: epa/Sem Van Der Wal

AMSTERDAM: Wer verriet 1944 das Versteck von Anne Frank in Amsterdam an die Nazis? Ein internationales Team forschte fünf Jahre lang und nennt den Namen eines jüdischen Notars. Doch daran gibt es Kritik.

Historiker haben deutliche Kritik an der Untersuchung über den Verrat des Verstecks von Anne Frank vor den Nationalsozialisten geübt. Die Beweislage sei sehr dünn, sagte der Amsterdamer Professor für Holocaust- und Genozidstudien, Johannes Houwink ten Cate, im NRC Handelsblad am Dienstag. «Zu großen Beschuldigungen gehören große Beweise. Und die gibt es nicht.»

Ein internationales Recherche-Team hatte fünf Jahre lang in Archiven geforscht, wer 1944 das Versteck von insgesamt acht jüdischen Menschen in Amsterdam an die deutschen Nazis verraten hatte. Zwei Jahre lang lebten die Familien dort unentdeckt. Anne Frank (1929 - 1945) schrieb in dem Hinterhaus ihr heute weltberühmtes Tagebuch. Doch im August wurde das Versteck entdeckt, und wurden die Familien deportiert. Nur Annes Vater Otto überlebte.

Das Team hatte am Montag seine Ergebnisse veröffentlicht. Absolute Sicherheit gebe es nicht, hieß es. Aber sehr wahrscheinlich habe der jüdische Notar Arnold van den Bergh das Versteck verraten. Er habe damit seiner Familie das Leben retten wollen. Das Team beruft sich vor allem auf die Kopie eines anonymen Briefes, den Otto Frank nach dem Krieg erhalten hatte und in dem der Name des Notars bereits genannt wird.

Mehrere Historiker äußerten nun Zweifel an den Schlussfolgerungen und verwiesen auf angebliche Fehler und Ungenauigkeiten in der Untersuchung. So gebe es keinerlei Beweise, dass der Jüdische Rat im Zweiten Weltkrieg Listen mit Adressen von Verstecken von Juden aufgestellt habe, sagte Professor Houwink ten Cate. «Davon hab ich in 35 Jahren Forschung noch nie etwas gesehen.»

Auch sehen die Historiker kein Motiv bei dem Notar. Er war nach einer historischen Studie bereits selbst im Sommer 1944 mit seiner Familie wegen drohender Deportation untergetaucht. Mit einer Anzeige beim Sicherheitsdienst hätte der Notar nach Darstellung der Historiker nur die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.

Auch in Gesprächen mit dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» äußerten Historiker Zweifel. «Jemanden auf der Basis eines anonymen Schreibens des Verrats an Anne Frank und ihrer Familie anzuschuldigen, ist mehr als fragwürdig», sagte der Amsterdamer Historiker Ben Wallet. Sein Kollege Bart van der Boom von der Universität Leiden sprach sogar von «verleumderischem Unsinn».

Nach Auffassung von Wallet ist «die Beweisführung des Rechercheteams so wacklig wie ein Kartenhaus». In der Nachkriegszeit habe es viele Gerüchte und Anschuldigungen gegeben vor allem gegen Mitglieder des Jüdischen Rates.

Historiker würdigten aber auch die gründliche Untersuchung in Archiven. Eine Antwort werde es aber kaum geben, sagte David Barnouw, der jahrelang über den Verrat des Hinterhauses geforscht hatte, in Amsterdam. «Ich schätze, dass die Chance gering ist, dass man noch eine endgültige Antwort findet.»

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