Historiker besorgt wegen Umgangs mit Zweitem Weltkrieg

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MOSKAU: Zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion hat sich der Historiker Matthias Uhl besorgt gezeigt angesichts des Umgangs mit dem Zweiten Weltkrieg in Russland. «Es wird auf eine strikte Gesetzgebung zurückgegriffen, die Lesarten vorschreiben möchte», sagte der Experte am Deutschen Historischen Institut (DHI) in Moskau. So ist es per Gesetz nun etwa verboten, die Diktaturen von Adolf Hitler und Josef Stalin zu vergleichen. Wer sich abfällig über frühere Angehörige der Roten Armee äußert, riskiert eine Strafverfolgung wegen Veteranenbeleidigung.

«Man sollte Argumentationen und Diskussionen viel mehr Raum geben», sagte Uhl der Deutschen Presse-Agentur zum Jahrestag am Dienstag. Es müsse erlaubt sein, Fragen zu stellen - auch mit Blick darauf, dass der Weltkrieg besonders für junge Generationen immer weiter weg sei. Es gebe aber bei historischen Konferenzen inzwischen oft von vornherein Grenzen für bestimmte Themen. Etwa werde die Frage, warum der Sieg der Sowjetunion so vielen Soldaten der Roten Armee das Leben gekostet hatte, nicht besonders gerne diskutiert.

Mit 27 Millionen Toten hatte das kommunistische Imperium so viele Opfer wie kein anderes Land im Zweiten Weltkrieg. Der Große Vaterländische Krieg, wie er im postsowjetischen Raum bezeichnet wird, begann für die Sowjetunion, als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 in das Land einmarschierte. So begann ein beispielloser Vernichtungsfeldzug, darunter die Leningrader Blockade, mit der die NS-Führung und die Wehrmacht versuchten, die Bevölkerung der Stadt in den Hungertod zu treiben.

Im Vordergrund stünden heute Sieg und Heldenverehrung, sagte Uhl. «Es gibt den Versuch, den Mythos am Leben zu halten - und ein unbeflecktes Bild der Roten Armee zu zeigen und alles auszublenden, von dem man glaubt, dass es das Bild des Sieges trüben könnte. Im Vordergrund steht: Wir sind die Befreier Europas.»

Für die Arbeit am DHI sieht Uhl indes keine Einschränkungen, die Zusammenarbeit mit staatlichen und nichtstaatlichen Stellen in Russland sei trotz der nicht immer einfachen politischen Situation «vertrauensvoll und produktiv». Dies zeige sich besonders bei neuen Forschungen zu zivilen Opfern der brutalen deutschen Besatzungsherrschaft auf dem heutigen Gebiet Russlands. Dazu habe die deutsche Geschichtswissenschaft kaum gesicherte Erkenntnisse.

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