Hausdrachen

Wenn abends auf der Veranda das Licht angeht, ist ihre Stunde gekommen. Halb kriechen sie, halb klettern sie an der Hauswand entlang, um plötzlich wie vom Blitz getroffen inne zu halten, den kleinen Drachenkopf in die Höhe gereckt, als würden sie gespannt lauschen, obwohl sie gar keine Ohren haben. Dafür dunkle Knopfaugen, in welchen sich das fahle Licht der kreisrunden Lampe an der Decke spiegelt, die auch das Ziel ihres Ausflugs ist.

Es scheinen gesellige Tierchen zu sein, denn nach kurzer Zeit hat sich ein halbes Dutzend zum Stelldichein eingefunden. Kopfüber hängen sie um die Lichtquelle herum und bleiben einfach da, stundenlang, ohne sich zu rühren. Es scheint sie wenig zu kümmern, was sich unter ihnen abspielt, ob da der Tisch gedeckt oder gegessen, gelacht und gefeiert wird - das kümmert einen Gecko nicht. Er ist vollkommen damit beschäftigt, zu kleben wo er ist, denn Klebstoff ist, was „seine Welt im Innersten zusammenhält“ (Sorry Goethe)

Hin und wieder scheint es aber, dass einer den falschen Leim getankt hat, oder mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache ist. Wie könnte man es sich sonst erklären, dass kürzlich einer den Kräften der Gravitation erlegen und im freien Fall in meinen Salatteller geflogen ist? Ist er etwa einer Geckin zu nahe gekommen, die ihm daraufhin eine geklebt hat? #Metoo bei den Geckos?

Schneller als sein Schatten

Bevor ich überhaupt richtig realisiert hatte, welch unerwarteter Besuch mein Grünzeug mit einem - gut abgehangenen - Stück Fleisch bereichert hat, war er schon wieder weg. Er kletterte schneller als sein Schatten über den Tellerrand auf den Tisch und ließ sich danach einfach über die Kante fallen. Aber keine Angst: Ein Sprung ins Leere ist für einen Gecko nicht dasselbe wie für uns. Evolutionsbedingt liegt er ja näher bei den Vögeln und bildet sich immer noch ein, fliegen zu können - sein Glaube verleiht im Flügel. Abgesehen davon hat er eine gut gepols­terte Echsenhaut, die den Aufprall abfedern wird.

Alternativer Eigenbrötler

Der gemeine Gecko lebt draußen in der freien Natur. In der Regel. Aber es gibt auch hier Eigenbrötler, die ein alternatives Programm haben. Statt draußen nach Insekten zu schnappen, klebt so einer in unserer Küche. Wenn ich am frühen Morgen die Türe öffne, raschelt es verdächtig im Abfalleimer und huscht in Windeseile hinter den Kühlschrank. Das ist so ein Alternativler, grün ist er auch noch, der sich an unserem Bioabfall gütlich tut. Er wartet dann offensichtlich bis die Luft wieder rein ist, will heißen: bis ich wieder weg bin. Aus seiner Perspektive bin ich die fleischgewordene Luftverschmutzung.

Aber bei aller Toleranz: Gecko hat einen Makel, der schwer zu ertragen ist. Wir alle haben ihn, doch wir erledigen das diskret vor Ort. Ihn hingegen kümmert das nicht, er hinterlässt seine Spur eben dort, wo es ihm passt und muss dabei nicht einmal seine Hose ausziehen. Aber Scheiße hin oder her, ein Exemplar könnten wir gerade noch verkraften, nun deuten aber alle Anzeichen auf eine Familiengründung hin. Hinter dem Kühlschrank hat sich eine ganze Dynastie „Derer von Kleb“ eingenistet.

„Wie werden wir die wieder los“? fragte ich meine Frau, aber sie wusste es auch nicht, denn in ihrem Heimatdorf im Busch stellt sich die Frage gar nicht, weil dort Schlangen für Biodiversität sorgen und den Tierchen fürsorglich bis ins traute Heim, bzw. Hütte, nachstellen. Ich glaube, sie war gerade dabei, eine ähnliche Lösung für unsere Küche vorzuschlagen, aber irgendetwas in meinem Blick hielt sie davon ab.

Bei einem Dinner mit anderen Expats wurden schon konkretere Maßnahmen erwogen. Von Gift und allerhand Chemokeulen war da die Rede. Als Kollateralschaden müsste allerdings in Kauf genommen werden, dass der gesamten Flora und Fauna auf Jahre hinaus der Garaus gemacht wird. Ob man selbst mit dem Leben davon käme, konnte auch keiner garantieren.

Endstation Staubsauger?

Der harmloseste Vorschlag war noch dieser:

„Nimm doch einfach einen Staubsauger und fange sie ein, ich mache das immer so...!“ „Aha… und wo lässt du sie wieder raus?“, fragte ich treuherzig wie ich bin. „Raus…? Ich habe noch nie einen rauskommen gesehen!“

Statt eines Geckosaugers gäbe es noch eine Alternative: Ich baue ein Vivarium um den Kühlschrank herum und setze eine Kobra rein. Wieso bin ich nicht früher darauf gekommen? Damit wäre allen gedient: Die Geckos würden auf natürliche Weise reduziert, die Schlange hätte zu fressen und ich würde kein Bier mehr trinken, denn wer will schon an einer Kobra vorbei zur Flasche greifen?


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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