Happy End im Pokal-Drama: Wolfsburg nimmt Triple ins Visier

Die Wolfsburgerin Pernille Harder feiert nach dem Siegtreffer im Elfmeterschießen im Finale des DFB-Pokals der Frauen zwischen dem VfL Wolfsburg und der SGS Essen in Köln. Foto: epa/Lars Baron
Die Wolfsburgerin Pernille Harder feiert nach dem Siegtreffer im Elfmeterschießen im Finale des DFB-Pokals der Frauen zwischen dem VfL Wolfsburg und der SGS Essen in Köln. Foto: epa/Lars Baron

KÖLN: Der VfL Wolfsburg wird mehr und mehr zum FC Bayern des Frauenfußballs. Mit dem sechsten Pokalsieg in Serie sorgt der Meister für einen Rekord. Nun will er die Saison mit einem Erfolg in der Champions League krönen. Dagegen endet für Essen eine Ära.

Das Happy End im Pokal-Drama feierte der Rekordgewinner mit einer Kiste Kölsch. Noch lange nach der Siegerehrung im Goldregen prosteten sich die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg auf dem Rasen des Kölner Stadions zu. Das 4:2 (3:3, 3:3, 1:2) im Elfmeterschießen gegen den tapferen Außenseiter SGS Essen sorgte für mehr Euphorie als die Meisterschaft. Sichtlich erleichtert kommentierte der kahlköpfige VfL-Coach Stephan Lerch die emotionale Achterbahnfahrt im besten Frauen-Endspiel der vergangenen Jahre: «Wenn ich noch mehr Haare hätte, hätte ich heute definitiv welche verloren. Vielleicht sind im Bart ein paar graue Haare dazu gekommen.»

Dieses Spiel hatte keine leeren Ränge verdient - und auch keinen Verlierer. Beide Teams betrieben Werbung für den Frauenfußball und lieferten sich einen offenen Schlagabtausch. Vor allem die Essenerinnen wuchsen über sich hinaus. «Wenn man den Pokal nach Leidenschaft verteilt hätte, hätten wir den heute gewonnen. So ist es bitter und traurig», kommentierte SGS-Kapitänin Marina Hegering in erster Enttäuschung.

Auch die TV-Zuschauer fanden Gefallen am ersten Geisterfinale im deutschen Fußball. Als die ARD die Live-Übertragung aus Köln noch vor der Siegerehrung abbrach und zum Vorlauf des Männer-Endspiels nach Berlin schaltete, gab es Kritik in den sozialen Medien. «Wir verstehen den Ärger. Leider mussten wir aufgrund des Elfmeterschießens den Nachlauf deutlich kürzen», teilte die Sportschau via Twitter mit. «Die uns zugeteilte Sendezeit war zu diesem Zeitpunkt bereits 25 Minuten überschritten. Wir sind hier von den jeweiligen Anstoßzeiten abhängig.»

Gern hätten die verärgerten TV-Zuschauer beispielsweise noch gehört, wie Friederike Abt ihre beiden parierten Elfmeter kommentiert. In stoischer Ruhe wendete die Torfrau die erste Saisonniederlage ihres zuletzt dominanten Teams ab und ebnete den Weg zum insgesamt fünften Double. «Ich würde nicht sagen, dass ich Elfmeter-Spezialistin bin. Ich hab einfach auf mein Gefühl gehört», verriet die Matchwinnerin.

Mit dem sechsten Pokalerfolg in Serie löste Wolfsburg den bisherigen Rekordsieger 1. FFC Frankfurt (1999 bis 2003) ab. Allerdings geriet der hohe Favorit nach dem schnellsten Tor der Endspiel-Historie durch Essens Stürmerin Lea Schüller nach nur 11 Sekunden und dem 1:2 durch Hegering (18.) gehörig ins Wanken. «Das haben wir nicht so häufig, dass wir einem Rückstand hinterlaufen müssen. Solche Spiele helfen uns zu sehen, wo wir uns noch verbessern können», befand Lerch.

Auf dem Weg zum angestrebten Triple ist eine Leistungssteigerung sicher vonnöten. Viel Zeit, die bisher famose Saison auszukosten, haben die VfL-Spielerinnen nicht. Nach einem nur kurzen Urlaub beginnt bereits am 28. Juli die Vorbereitung auf das wegen der Corona-Pause noch auszuspielende Champions-League-Turnier in Spanien. Im Viertelfinale gegen Glasgow City am 21. August in San Sebastian ist der deutscher Meister, der sich am Sonntag in das Goldene Buch der Stadt Wolfsburg eintrug, schon wieder gefordert. «Wir haben jetzt zwei Titel und es gibt noch einen zu vergeben. Natürlich wollen wir auch da angreifen», sagte Lerch.

«Es war natürlich megawichtig, dass wir das Spiel noch durchgebracht haben. Das bringt natürlich auch viel Selbstbewusstsein und eine gute Stimmung im Team. Wir wollen den Champions-League-Titel holen», sagte die Wolfsburger Kapitänin Alexandra Popp am Sonntag im ZDF. «Ich hoffe, dass wir richtig abschalten können und am Ende das Triple holen.»

Dagegen dürften die Chancen der SGS auf einen ersten Titel fürs erste auf ein Minimum sinken. Schließlich steht ein großer Umbruch an. Mit Hegering, Lea Schüller (beide Bayern München), Turid Knaak (Ziel unbekannt) und Lena Oberdorf (Wolfsburg) verlassen gleich vier Nationalspielerinnen den Club. Trainer Markus Högner wertete den starken Auftritt seines Teams als ermutigendes Signal für den Neustart: «Wir hätten diese Ära gern mit diesem Titel gekrönt. Jetzt gilt es für uns, eine neue Mannschaft aufzubauen, neue Talente zu entwickeln. Dann stehen wir vielleicht bald auch wieder hier in Köln.»

Essen muss vorerst auch ohne Nicole Anyomi planen. Die 20 Jahre alte Angreiferin zog sich im Finale einen Steißbein-Bruch zu. «Jetzt heisst es regenerieren und stärker zurück kommen. Gott schickt seine stärksten Krieger in die schwersten Schlachten», schrieb die U19-Nationalspielerin, die nach ihrer Auswechslung nach etwas über einer Stunde minutenlang an der Bande gelegen hatte.

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