Hans-Olaf Henkel wird 80

Der frühere Industriepräsident Hans-Olaf Henkel spricht während des Bundesparteitages der AfD zur Aufstellung der Europawahl-Liste in der Frankenstolz Arena. Foto: picture alliance / Dpa
Der frühere Industriepräsident Hans-Olaf Henkel spricht während des Bundesparteitages der AfD zur Aufstellung der Europawahl-Liste in der Frankenstolz Arena. Foto: picture alliance / Dpa

BERLIN: Er war die Stimme der deutschen Industrie, dann ging er in die Politik und half ungewollt, «ein Monster» zu erschaffen. Nun sagt er: Seine Memoiren brauchen eine Fortsetzung.

Es gibt wohl keinen anderen Industriekapitän, nach dem ein Schmetterling benannt ist. «Bracca olafhenkeli» lebt in den Bergen einer indonesischen Insel und ist bislang kaum erforscht. Anders sein Namensgeber: Hans-Olaf Henkel ist seit Jahrzehnten eine öffentliche Person. Er war Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), engagiert bei Amnesty und AfD, schrieb Bücher und bissige Kommentare, machte sogar eine Jazz-Sendung im Radio. Mit 60 veröffentlichte er seine Lebenserinnerungen.

Nun, vor seinem 80. Geburtstag (14. März) sagt Henkel, er werde wohl einen zweiten Teil schreiben. «Ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten 20 Jahren mehr erlebt habe als in den Jahren zuvor.» In dem Buch wird auch von Ärger und Enttäuschung zu reden sein, wie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur deutlich wird.

Denn die jüngste Zeit ist auch Henkels Zeit als Politiker. Der Liberale ist ein führender Kopf der Alternative für Deutschland, als diese aus der Bewegung gegen die Euro-Rettung entsteht. «Wir waren eine Ein-Themen-Partei von Professoren, nicht eine von solchen Banausen, wie sie jetzt da am Ruder sind», stellt Henkel klar.

Als die junge Partei nach rechts abdriftet, tritt er aus. «Es macht mir Kummer, dass ich mitgeholfen habe, ein richtiges Monster zu erschaffen», bekennt er seinerzeit.

Sechs Jahre sitzt Henkel im Europäischen Parlament, erst mit AfD-Parteibuch, dann für die neue Partei ihres Gründers Bernd Lucke. Ernüchtert beobachtet der gelernte Kaufmann: «Man muss wohl als Politiker das tun, was ankommt und nicht das, worauf es ankommt.»

Der Euro wird wieder in Schieflage geraten, ist Henkel sicher, befeuert durch die Coronakrise im wirtschaftlich angeschlagenen Italien. «Hier tut sich eine neue Eurokrise auf», warnt Henkel.

Der Wahl-Berliner hat keine Scheu, klar seine Meinung zu sagen. «Er hat immer offen gesagt und getan, was er für richtig hielt», sagt sein Weggefährte Lucke. Er bescheinigt Henkel Verlässlichkeit und moralische Integrität. Und dass er in den AfD-Flügelkämpfen konsequent nach der Devise «Viel Feind, viel Ehr!» gehandelt habe.

Zu hören ist auch, dass der gebürtige Hamburger Gesprächspartner mit seiner kühlen Art und schroffen Kommentaren zuweilen vor den Kopf stieß. Kantig und scharf, bei Bedarf auch ironisch, trat er als oberster Lobbyist der deutschen Industrie für die Unternehmen ein.

Als BDI-Präsident von 1995 bis 2000 fordert er Entlastungen für die Wirtschaft, kritisiert den Flächentarif, den deutschen Föderalismus, die 35-Stunden-Woche, tritt entschieden ein für offene Märkte. Deutschland müsse aus einer «Bunkermentalität» heraus.

In SPD und Gewerkschaften sieht man den Marktliberalen auch mal als Sozialrambo und Tarif-Terminator. Henkel selbst betrachtet sich als einen Wegbereiter für die Reformpolitik des SPD-Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Das Bundesverdienstkreuz lehnt er ab, weil Hanseaten traditionell keine «Auszeichnungen fremder Herren» annähmen.

Fünf Jahre setzt sich Henkel in der Leibniz-Gemeinschaft für die Interessen von Forschungsinstituten ein, die interessanteste Zeit seiner Laufbahn, wie er heute sagt. Zum Abschied benennen die Wissenschaftler einen neu entdeckten Schmetterling nach Henkel, ihrem Präsidenten, der über den zweiten Bildungsweg kam.

Henkel wuchs als Sohn einer Kaufmannsfamilie ohne Vater auf, der kam nicht aus dem Krieg zurück. Er wechselt oft die Schule, erst nach kaufmännischer Lehre beginnt er ein Studium an der hamburgischen Hochschule für Wirtschaft und Politik. 1962 beginnt er bei IBM Deutschland, später wird er Europachef des Unternehmens, baut es vom Hardware- zum Softwarehaus um, lebt jahrelang in Frankreich.

«Ich war überall auf der Welt, aber mit zunehmendem Alter entdecke ich die Heimat wieder», sagt der vierfache Vater heute. Für seine Lehrzeit beim Logistikkonzern Kühne + Nagel in Hamburg sei er am dankbarsten.

Sein Hauptwohnsitz bleibt aber vorerst Berlin («nicht so schön, aber mehr los»), wo seine zweite Ehefrau Professorin ist. Seit Kurzem haben sie eine Zweitwohnung an der Elbe in Hamburg. Er besuche nun viele Freunde und Verwandte, für die er viele Jahre zu wenig Zeit gehabt habe, sagt Henkel.

In seiner Berliner Wohnung bewahrt Henkel auch ein Exemplar des Schmetterlings auf, der seinen Namen trägt. «Ich habe noch den Traum, ihn zu besuchen.» Die Reise ins indonesische Bergland sei aber nicht ohne. «Bracca olafhenkeli Stüning», so der volle Name, sei außerdem giftig, bemerkt Henkel noch süffisant. «Ich weiß auch nicht, wie die Leibniz-Gemeinschaft ausgerechnet auf diesen Falter kam.»

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