Der neue Schulalltag in Dänemark

​«Haltet Abstand!» 

Foto: epa/Philip Davali
Foto: epa/Philip Davali

KOPENHAGEN: Die Dänen dürfen ihre jüngeren Kinder seit einigen Tagen wieder in der Kita abgeben oder zur Schule bringen. Ihre Regierung hat sich dazu entschlossen, dass die Jüngsten der Gesellschaft den Anfang bei der Corona-Lockerung machen. Ein Modell für Deutschland?

Nach einem Monat der geschlossenen Schulen sind die freudig rufenden Kinderstimmen vom Pausenhof in Kopenhagen noch ein recht ungewohntes Geräusch. Auf der Grünfläche nebenan machen einige Grundschüler gemeinsam mit ihren Lehrerinnen Hampelmänner, während andere erst ihre Fahrräder vor dem benachbarten Kindergarten abstellen. An der Wand neben den Rädern hängt ein Hinweisschild der dänischen Gesundheitsbehörde: «Hold afstand!» («Haltet Abstand!») - steht in Großbuchstaben darauf geschrieben. Markierungen auf dem Boden sollen ein Übriges tun, damit sich Kinder, Eltern und Pädagogen in diesen Corona-Zeiten nicht zu nahe kommen.

Die Schilder, die man derzeit überall in Kopenhagen sieht, sind nur eine von vielen Neuerungen im Schul- und Kita-Alltag der Dänen. Nach einem Monat der strikten Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 hat sich ihre Regierung entschlossen, den langsamen und vorsichtigen Weg zurück einzuleiten - und die Jüngsten der Gesellschaft auserkoren, den Anfang zu machen. Während in Deutschland noch der Fahrplan für die Kita-Öffnung erarbeitet wird und die Kultusminister der Bundesländer am Montag über möglichst einheitliche Vorkehrungen bei der schrittweisen Öffnung der Schulen sprechen wollen, sind Krippen, Kindergärten und Schulen bis zur fünften Klasse in Dänemark bereits seit dem 15. April wieder offen.

Der dänische Fokus liegt damit auf den Jüngeren, nicht wie vielerorts in Deutschland bei den Abschluss- und Vorabschlussjahrgängen. Dieses Vorgehen war eine bewusste Entscheidung zugunsten berufstätiger Mütter und Väter. «Die Öffnung von Einrichtungen und Schulen für die Kleinsten bedeutet, dass mehr Eltern mehr Ruhe bei der Arbeit zu Hause bekommen. Das braucht ihr. Das brauchen wir alle», sagte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, selbst Mutter zweier Kinder im Teenageralter, bei der Ankündigung der Öffnungen.

Der Weg in die Schul- und Tageseinrichtungen war damit für insgesamt rund 650.000 dänische Kinder wieder frei. Am Tag des Neustarts lobte Frederiksen, wie schnell und kreativ sich Lehrer und Schüler auf die neue Situation eingestellt hätten. Aber: «Mehrere Kinder haben erzählt, dass es schwer sei, die besten Freunde aus purer Wiedersehensfreude nicht zu umarmen», schrieb die Regierungschefin nach einem Besuch in einer wiedereröffneten Schule auf Facebook. «Es besteht kein Zweifel, dass das hier eine schwierige Aufgabe ist.»

In der Tat ist die dänische Schulrealität eine andere geworden: Die Einrichtungen müssen seit der Wiedereröffnung penibel auf Hygiene und Händewäschen achten. Der Unterricht soll weitgehend draußen und nur im Notfall im Klassenzimmer stattfinden, Körperkontakt absolut vermieden werden. Und wenn die Eltern ihre Kinder zur Schule bringen, dann ist für sie bereits vor dem Schulhof in einer «Kiss and Go»-Zone Schluss, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Es gilt vor allem eines: Abstand halten, Abstand halten, Abstand halten.

Gerade bei den Kleineren in den Krippen und Kindergärten ist das eine echte Herausforderung, wie auch die staatliche Gesundheitsbehörde einräumt. «Du kannst engen Kontakt mit Kindern nicht vermeiden - und das solltest du auch nicht», heißt es in den Empfehlungen an die Erzieher in den Tageseinrichtungen. Der körperliche Kontakt solle letztlich beschränkt werden, wenn das eben möglich sei.

Viele Eltern in Kopenhagen heißen den eingeschlagenen Weg der Regierung gut. Andere sind besorgt, wie sich etwa in einer Gruppe auf Facebook zeigt, die übersetzt «Mein Kind soll kein Versuchskaninchen für Covid-19 sein» heißt und mittlerweile über 40.000 Mitglieder hat.

Manche Mütter und Väter erzählen darin, dass sie ihre Kinder vorerst zu Hause behalten, andere davon, dass die Einrichtungen ihrer Sprösslinge an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, weil sie wegen der Abstandsregelungen weniger Kinder auf einmal unterrichten und betreuen können. In der Gruppe wird schnell klar: Die Sorgen um die Kleinen werden nicht weniger. Daran ändern auch Studien etwa aus Island nichts, die darauf hindeuten, dass sich Kinder unter zehn Jahren möglicherweise seltener mit dem Coronavirus anstecken.

Bildungsforscher Jörg Ramseger weist im Gespräch über den dänischen Weg darauf hin, dass Pädagogen bei der Arbeit mit kleinen Kindern im Grunde genauso eng an der Person arbeiteten wie Krankenschwestern und Pfleger. «Die Kinder laufen im Klassenzimmer herum, sie holen sich Sachen, sie berühren sich, die Lehrkräfte hocken sich neben sie. Das ist ein Job im berührungsnahen Raum.» Ohne Risiko für die Gesundheit und das Leben von Erzieherinnen und Lehrkräften gehe all das nicht. «Es werden sich Pädagoginnen und Pädagogen infizieren über die Kinder. Ihr Berufsrisiko ist jetzt stark gestiegen.»

Dennoch hält der Forscher der FU Berlin es für sinnvoll, einen Fokus in der Debatte über die Schulöffnungen auf die Erst- und Zweitklässler zu richten. «Der Lese- und Schreiberwerb in den ersten Klassen ist einer der anspruchsvollsten Lerngegenstände in der Schule. Davon hängt die gesamte weitere Schullaufbahn der Kinder ab», sagt Ramseger. Diese Kompetenz könne man in der Regel nicht zu Hause erwerben, ein Scheitern später kaum mehr ausgeglichen werden. «Da braucht man wirklich Profis.» Auf dem Rückweg in den Schulalltag sei die Altersgruppe, mit der man beginnen sollte, aber nur eine von unzähligen Entscheidungen, die schrittweise getroffen werden müssten. Und auch Ramseger sagt: «Es gibt keine gute Lösung.»

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