Rio tanzt wieder Samba

Große Emotionen und Hommage an den Karneval 

Angehörige der Sambaschule Samba Vila Isabel treten während eines Karnevalsumzugs auf dem Sambadrom in Rio de Janeiro auf. Foto: epa/Andre Coelho
Angehörige der Sambaschule Samba Vila Isabel treten während eines Karnevalsumzugs auf dem Sambadrom in Rio de Janeiro auf. Foto: epa/Andre Coelho

RIO DE JANEIRO: Die Rückkehr der berühmten Umzüge im Sambodrom ist mit großen Gefühlen verbunden. Bewohner von Rio und Mitglieder von Sambaschulen haben das gemeinsame Erlebnis sehr vermisst. Viele Schulen würdigen nach der Pandemie den Karneval an sich und die afrikanische Kultur.

Trommelklänge, knappe Kostüme und schillernde Wagen: Nach dem coronabedingten Ausfall im vergangenen Jahr und der Verschiebung in diesem Februar haben beim weltberühmten Karneval von Rio de Janeiro die besten Sambaschulen der Stadt im Sambodrom begeistert.

«Das ist ein wunderbares Gefühl, zurück zu sein», sagte João Paulo Damasio von der «Mangueira», einer der beliebtesten Sambaschulen, der Deutschen Presse-Agentur. «Spezieller als in anderen Jahren - die doppelte, dreifache Emotion.» Die Stadt hatte unter dem Fehlen des Karnevals stark gelitten. «Ich habe es sehr vermisst, mit den Leuten zusammen zu sein. Brasilianer brauchen diese menschliche Wärme», sagte Damasio der dpa.

Der Karneval war bereits vor der Pandemie immer politischer geworden, die «Mangueira» kritisierte 2020 die Regierung des rechten Präsidenten Jair Bolsonaro. Im Oktober stehen in Brasilien Präsidentschaftswahlen an, bei denen Bolsonaro sich eine weitere Amtszeit sichern will. Damasio sagte: «Wir wollen Spaß haben, aber das Volk hat auch viel zu sagen. Der Karneval ist der Moment dazu.»

Die Bewohner der Stadt und die Mitglieder der Sambaschulen sind jedenfalls froh, dass es nach zwei Jahren nun wieder Umzüge gibt, dass Rio wieder Samba tanzt. Die Hotels in Rio verzeichneten vom 21. bis 24. April im Durchschnitt eine Auslastung von 78 Prozent, wie der Hotelverband von Rio de Janeiro (ABIH-RJ) mitteilte.

In Brasilien brach im März und April vergangenen Jahres auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie das Gesundheitssystem zusammen. Jetzt ist Südamerika Impfvorreiter, die Weltregion mit dem höchsten Prozentsatz an Geimpften. «Ich habe gedacht, dass ich in der Pandemie sterben werde», sagte Ana Paula Varca der dpa. «Und beschlossen, vieles zu machen, was ich noch nicht gemacht habe.» Wie in der Schule ihres Herzen zu defilieren.

Der Karneval mit seinen üppigen Formen und überschwänglichen Farben regt erneut die Fantasie an, lässt in Gedanken reisen. Jede Sambaschule nimmt mit in eine andere Welt. Viele Umzüge nach der Pandemie waren von Nostalgie und Hommagen an den Karneval gekennzeichnet.

So beschloss die «Vila Isabel» den Karneval am frühen Sonntagmorgen (Ortszeit) mit einem Tribut an den Sänger und ihren Ehrenpräsidenten Martinho da Vila, der selbst an dem Umzug teilnahm. Die «Imperatriz Leopoldinense» hatte zum Auftakt am Freitagabend den Regisseur Arlindo Rodrigues gewürdigt, der die Imperatriz 1980 zu ihrem ersten Sieg bei der Meisterschaft der Sambaschulen führte.

Auch die «Mangueira», mit einer Neuauslegung des Lebens Jesu Siegerin des bisher letzten Karnevals 2020, blickte diesmal in die Geschichte der Schule und nahm sich drei ihrer wichtigen Persönlichkeiten vor. Die «Viradouro» zog mit glitzernden Kostümen und prächtigen Wagen eine Parallele zwischen dem Karneval von 2022 und dem von 1919, als die Bewohner Rios das Ende der Spanischen Grippe gefeiert hatten.

Auch das Thema der Karnevals als Widerstand der schwarzen Bevölkerung war präsent, vor allem am Samstagabend (Ortszeit) bei der «Paraíso do Tuiuti», der «Portela», der «Mocidade» und der «Grande Rio». «Das bedeutet Freiheit», sagte Rosi França, die eine afrikanische Dame darstellte, von der «Paraíso do Tuiuti». «Die Freiheit, unsere Meinung auszudrücken und unsere Kultur zu zeigen.»

Insgesamt zwölf Top-Schulen traten am Freitag und Samstag in zwei Sechser-Gruppen bis in die frühen Morgenstunden auf. Dabei hatten sie vor allem am zweiten Abend mit technischen Problemen zu kämpfen: So blieb ein Wagen der «Tuiuti» - samt Insassen - in der «concentração», wo die Schulen sich vorbereiten, an einem Baum hängen.

Zehntausende von der Tribüne aus sowie Millionen vor den Fernsehschirmen in Brasilien und auf der ganzen Welt verfolgten die Umzüge im Sambodrom. Bürgermeister Eduardo Paes hatte zwar das größte Karnevalsfest der Geschichte angekündigt. Es wurde aber ein Karneval der Überraschungen. Die Pandemie hatte auch die finanziell stärksten Sambaschulen getroffen - die Karten waren neu gemischt.

Den Straßenkarneval hatte Bürgermeister Paes Anfang Januar wegen der Corona-Pandemie bereits zum zweiten Mal in Folge abgesagt. Aber Rio hatte es auch im Februar nicht ganz lassen können. Es gefällt den Brasilianern, dieses Jahr zwei Karnevale zu haben.

Schon Ende Februar und nun seit Mittwoch, als der Karneval mit Umzügen der Aufstiegsklasse begonnen hatte, kam es in der Stadt immer wieder zu spontanen Zusammenkünften. Ana Paula Varca sagte: «Im Karneval ist es in den Straßen anders, alle sind verkleidet. Diese Freude. Schrecklich ohne Karneval.» So ganz hat sich Rio aber noch nicht erholt: «Selbst dieser Karneval jetzt ist nicht der, den wir kennen.»

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