Großdemo in Katalonien

Separatisten erwägen Gründung eigener Partei

Die Teilnehmer nehmen an einer Veranstaltung der katalanischen Unabhängigkeitsorganisation Katalanische Nationalversammlung (ANC) teil. Foto: epa/Alejandro Garcia
Die Teilnehmer nehmen an einer Veranstaltung der katalanischen Unabhängigkeitsorganisation Katalanische Nationalversammlung (ANC) teil. Foto: epa/Alejandro Garcia

BARCELONA: Die Separatisten Kataloniens haben einen neuen Gegner auserkoren: Bei der jüngsten Großdemonstration standen in Barcelona erstmals nicht der Staat und die Regierung Spaniens im Zentrum der Anfeindungen.

Knapp fünf Jahre nach der gescheiterten Abspaltung von Spanien erwägen die Separatisten der Konfliktregion Katalonien erstmals die Gründung einer eigenen Partei. Bei der jährlichen Großdemonstration in Barcelona kritisierten Menschen, dass die traditionellen Regionalparteien den Weg zur Unabhängigkeit zu langsam beschreiten. Die Präsidentin der Bürgerbewegung ANC, Dolors Feliu, rief am Sonntagabend unter dem lauten Jubel der Demonstranten: «Entweder ihr verwirklicht die Unabhängigkeit oder ihr ruft Neuwahlen aus!».

Man wolle die Unabhängigkeit «auf friedlichem und demokratischem Wege erreichen», betonte die Anwältin Feliu. Aber die 58-Jährige sagte auch: «Wenn sie (die Parteien) das nicht tun, sind wir entschlossen, das in die eigenen Hände zu nehmen.» Es gebe viele Menschen, die bereit seien, «neue (politische) Listen zu bilden». «Die Demonstration bestätigt den Zwist bei den Separatisten», titelte am Montag die renommierte Zeitung «El País».

An der Kundgebung anlässlich des katalanischen Nationalfeiertags Diada nahmen nach Polizeiangaben 150.000 Menschen teil, die ANC sprach hingegen von 700.000 Teilnehmern. Regionalpräsident Pere Aragonès und die Politiker seiner linken Partei ERC, die eigentlich ebenfalls für die Unabhängigkeit eintreten, hatten diesmal von einer Teilnahme abgesehen, weil sie wegen eines «Schmusekurses» zur Zentralregierung in Madrid zunehmend kritisiert werden.

«Falsche Verhandlungen täuschen niemanden», sagte Feliu zu den Gesprächen zwischen Aragonès und Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez. Die Demonstranten, mit denen die Deutsche Presse-Agentur sprach, meinten ebenfalls nahezu einstimmig: «Wir brauchen starke Führer, eine starke Regierung.» Die Menschenmenge skandierte immer wieder: «Govern dimissió» (Regionalregierung Rücktritt).

Wegen der Streitigkeiten hatten Beobachter erwartet, dass weniger Menschen als im Vorjahr an der «Diada» teilnehmen. Das war aber nicht der Fall. 2021 hatte die Polizei 108.000 Teilnehmer gezählt, die ANC 400.000.

Am 1. Oktober vor fünf Jahren hatte ein illegales Referendum der separatistischen Regionalregierung über eine Abspaltung von Spanien stattgefunden. In der Folge wurde Katalonien von der Zentralregierung zeitweise unter Zwangsverwaltung gestellt. Der damalige Regionalregierungschef Carles Puigdemont und einige Mitstreiter flohen ins Ausland. Andere Separatisten wurden zu langer Haft verurteilt, 2021 allerdings begnadigt.

Die «Diada» wird jedes Jahr am 11. September begangen und erinnert an den Verlust der katalanischen Selbstverwaltung im Jahr 1714.

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