Zwischen Klimaprotest, Kritik und Schule

Foto: epa/Claudio Peri
Foto: epa/Claudio Peri

STOCKHOLM (dpa) - Letztens Berlin, nun Rom, Anfang nächster Woche London: Als Klimaschützerin Nummer eins reist Greta Thunberg in diesen Wochen quer durch Europa. Ihre Kritiker fragen sich, wie die Familie all die Reisen finanzieren kann.

Sie machte sich in Kattowitz und Davos einen Namen, dann fuhr sie im Kampf für mehr Klimaschutz in diesem Jahr nach Brüssel, Paris, Antwerpen, Hamburg, Berlin und Straßburg. Bevor auch London auf Greta Thunbergs Reiseliste steht, protestierte die schwedische Schülerin am Karfreitag mit Tausenden jungen Leuten in Rom. «Wir haben genug von all den Lügen und gebrochenen Versprechen», sagte die 16-Jährige dort und versprach: «Wir werden unseren Kampf für unsere Zukunft fortsetzen.»

Thunberg ist mittlerweile quer durch Europa gereist, um Mitstreiter bei ihren Klimaprotesten zu unterstützen, vor wichtigen Politikern zu sprechen und sogar den Papst zu treffen - ohne einen Fuß in ein Flugzeug zu setzen.

Ihre Kritiker behaupten, all diese Reisen seien ohne Zuschüsse von außen - sprich: von Interessengruppen - nicht zu finanzieren. Dem schiebt die junge Aktivistin selbst entschieden einen Riegel vor. «Ich reise nur mit Erlaubnis meiner Schule und meine Eltern zahlen für Tickets und Unterkünfte», stellte die 16-Jährige Mitte Februar in einem langen Eintrag auf Facebook klar. «Ich bin absolut unabhängig. Ich habe kein Geld oder Versprechen künftiger Zahlungen jeglicher Art erhalten.» Sie ergänzte: «Und natürlich wird das so bleiben.»

Auch gegen Darstellungen, sie, das Mädchen mit dem Asperger-Syndrom, sei die Marionette eines PR-Beraters, setzte sie sich zur Wehr. «Viele Leute lieben es, Gerüchte zu verbreiten. Sie sagen, ich hätte Leute "hinter mir" oder dass ich "bezahlt" oder "benutzt" würde. Aber da ist niemand "hinter" mir außer ich selbst», schrieb Thunberg. «Meine Eltern sind so weit davon entfernt gewesen, Klimaaktivisten zu sein, wie nur möglich. Bevor ich sie auf die Situation aufmerksam gemacht habe.»

In der Tat hatten Thunbergs Eltern anderes zu tun, bevor die ältere ihrer beiden Töchter zur derzeit wohl bekanntesten Klimaschützerin der Welt avancierte. Ihre Mutter Malena Ernman ist eine in Schweden bekannte Opernsängerin, die die Abba-Nation 2009 sogar einmal beim Eurovision Song Contest vertrat. Ihr Vater Svante Thunberg ist Theater- und Filmschauspieler. Vor allem aber hat er in den vergangenen Jahren die Karriere seiner Frau gemanagt.

Mittlerweile ist er es, der mit Greta Thunberg durch Europa reist. Seine Tochter ist zum internationalen Star geworden, vor allem in Belgien und Deutschland, aber auch in Dutzenden anderen Ländern folgen ihr Schüler und junge Erwachsene zum Klimaprotest.

Seinen Humor verliert Vater Thunberg dabei offenbar nicht: «Ich bin also so alt geworden, dass ich mittlerweile Papa der Frau des Jahres bin. Ist das deprimierend», schrieb der 49-Jährige mit ironischem Unterton auf Facebook, als seine Tochter im März von zwei schwedischen Zeitungen zu Schwedens Frau des Jahres gekürt worden war. Am Mittwoch stellte er stolz ein Bild von Greta beim Handschlag mit dem Papst online. Ansonsten lässt er seine Tochter komplett für sich selbst sprechen - Interviewfragen beantwortet er so gut wie keine.

Am 30. April kommt das Buch der Familie, «Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima», auf Deutsch in den Handel. Darin geht es nicht nur ums Klima, sondern unter anderem auch um den Autismus von Greta Thunberg. Asperger ist eine Entwicklungsstörung, die sich unter anderem durch mangelndes Einfühlungsvermögen und die Ausbildung intensiver Spezialinteressen äußert. Asperger-Autisten sind oft sehr intelligente Menschen.

Greta Thunberg selbst bezeichnet sich als sehr ruhig und empfindsam. Ohne die Erkrankung hätte sie den Schulstreik wohl nicht begonnen und sich womöglich überhaupt nicht fürs Klima interessiert, sagte die 16-Jährige jüngst in einer Dokumentation.

Als das Buch im Sommer 2018 - kurz vor Beginn des Schulstreiks - auf Schwedisch herauskam, ließ die Kritik nicht lange auf sich warten. Der Schulstreik sei nur dazu da, die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben, man wolle mit dem Mädchen nur Geld scheffeln, hieß es vereinzelt. Die Eltern traten dem entgegen, indem sie darauf hinwiesen, dass die Einnahmen an wohltätige Zwecke gingen, an Klima- und Umweltorganisationen wie an solche, die sich mit psychischen Erkrankungen und dem Wohl von Kindern befassten. Gleiches soll nun mit den Erlösen aus dem Ausland geschehen.

Dass die 16-Jährige seit vergangenem Sommer freitags nicht zur Schule geht und stattdessen vor dem Reichstag in Stockholm demonstriert, das stößt bei ihren Eltern nicht auf Wohlwollen. «Sie mögen nicht, dass ich nicht zur Schule gehe», verriet Thunberg der Deutschen Presse-Agentur. «Aber sie stehen hinter meiner Botschaft und sie wissen, dass ich das für eine gute Sache tue.»

Ihre Mutter erklärte bereits zum Jahresanfang: «Wir als Eltern haben ihr davon abgeraten und gesagt, dass wir sie nicht unterstützen könnten, weil wir zusehen müssen, dass sie zur Schule geht.» Angesichts der zu dem Zeitpunkt zunehmenden Vorwürfe gegen ihre Tochter schrieb sie auf Facebook, Greta habe niemanden hinter sich gehabt und ihre Aktion komplett selbst geplant. Und die Reisen? «Wir bezahlen selbst für Reisen, Essen und Logis.»

Bleibt während der Klimaproteste und Reisen noch Zeit für die Schule? Thunberg versucht, ihre Reisen so gut es eben geht an den Stundenplan anzupassen: Zum Papst reiste sie in den Osterferien, auch nach Hamburg kam sie, als sie schulfrei hatte. Verpassten Unterrichtsstoff holt die Neuntklässlerin in ihrer Freizeit nach, die Schule unterstützt sie dabei sehr, wie aus ihren Umfeld verlautet. Thunberg selbst sagte der dpa dazu: «Meine Lehrer helfen mir dabei. Sie sagen mir, was gemacht worden ist, wo ich etwas nachholen kann.»

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Johann Riedlberger 21.04.19 16:13
Karfreitag in Italien
ist ein regulärer Schultag. In Deutschland hätte sie, wegen des Feiertages, kein so großes Publikum gehabt.
Ingo Kerp 21.04.19 16:13
Besser als Greta, hätten die Gebr. Grimm die Story auch nicht schreiben koennen.