Goldrausch

Sie leuchten einem in jedem Supermarkt und auf vielen Markthallen von weitem entgegen: Die Schmuck- und Goldläden, die mit roten Seidentapeten ausgeschlagen sind, in welchen es glitzert und funkelt wie einst in Alibabas Höhle. Glücklich der Farang, der seine Herzensdame da vorbeinavigieren kann, ohne Ersparnisse und sein letztes Hemd zu riskieren.

Nun gibt es da allerdings Geburtstage, Weihnacht, Neujahr, chinesisches Neujahr, Songkran und Hochzeitstage zu feiern und nicht zu vergessen: der Valentinstag. Das ist der Overkill, der den hartgesottesten Geizkragen in die Knie zwingt. Also sieht man ihn mit Leichenbittermiene auf einem der Hocker sitzen, während sich die Thailady über die Auslagen beugt, die sie Raum und Zeit vergessen lassen und natürlich auch die Bedenken des Bedenkenträgers neben ihr, der unter dieser Last nur noch zu einem Schatten seiner selbst geworden ist.

Raum und Zeit vergessen

Wenn das Paar nach unbestimmter Zeit das Geschäft verlässt, leuchten ihre Augen um die Wette mit dem Klunker, den sie an Hand, Ohren und Hals trägt. Ihre Glücksgefühle teilt sie mit dem lächelnden Verkaufspersonal, während er verzweifelt nach der nächsten Bar Ausschau hält. Er braucht jetzt etwas Hartes, für echten Scotch reicht es nicht mehr, aber für einen Thaischnaps fingert sie gerne ein paar Bath aus dem Täschchen. Man ist jetzt wieder quitt, das Leben geht weiter.

Gold hat hierzulande einen anderen Stellenwert als in DACH. Im Buddhismus steht es symbolisch für die Sonne, Licht und Feuer. Da Buddha eine helle, leuchtende Aura gehabt haben soll, werden seine Statuen oft in Gold angefertigt und von den Gläubigen mit hauchdünnen Goldplättchen verziert. Auch Statuen von erleuchteten Mönchen werden auf diese Weise vergoldet. Das kostbare Metall steht wie in vielen anderen Kulturen auch für Macht und Größe. In seinem Abglanz sollen sich Status und Herrschaft spiegeln.

Eiserne Reserve unter der Matratze

In Thailand wird Gold quasi als Zweitwährung benutzt und hat immense Bedeutung als eiserne Reserve für schwierige Zeiten. Vor allem in ländlichen Gegenden wie dem Isaan. Es wird vorwiegend als Schmuck in der Privatschatulle oder unter der Matratze aufbewahrt und nicht im Banksafe. Der Grund liegt nicht nur im mangelnden Vertrauen, sondern hat eher eine sinnliche Seite: Frau zeigt gerne im Alltag her, was sie hat. Es ist ein Liebesbeweis, ein Blickfang, der auch dem Ansehen des Farangs an ihrer Seite zuträglich ist.

Die Schwachstelle bei dieser Art der „Kapitalbildung“ ist offensichtlich: Meist weiß nicht nur die Besitzerin, wo sich das Versteck befindet, und in den Großfamilien ist immer jemand klamm oder hält Ausschau nach einem Motorrad, um dem ländlichen Einerlei zu entfliehen. Den Rest kann man sich denken, die Tragödien, die sich abspielen auch. Das steht dann in keiner Zeitung, aber das ganze Dorf ist bestens informiert, alle außer dem Dorfpolizisten.

Wie Gold und Diamanten sich auch sonst noch auf rätselhafte Weise dem Zugriff entziehen können, beweist diese Anekdote einer ehemaligen Mitarbeiterin in einem Shop:

Ich war mit einer Kundin allein im Geschäft und zeigte ihr ein paar Schmuckringe. Sie sah sich jeden Einzelnen genau an, steckte ihn an den Finger und legte ihn dann wieder in meine Hand zurück. Daran war nichts Ungewöhnliches, Geschmack und Charakter der Damen sind individuell und die Qual der Wahl nachvollziehbar, immerhin handelt es sich oft um eine Anschaffung fürs Leben.

Nach einer Weile kam mein Chef aus dem Büro, warf einen Blick auf die Auswahl und rief aufgeregt: „Da fehlt doch ein Ring, wo ist denn der Dia­mantring geblieben“? Es wurde augenblicklich still. Ich begann sofort die Auslagen zu prüfen, fand aber den besagten Ring nicht. Nach kurzer Zeit war die Beklemmung unerträglich geworden, denn die Kundin dachte, dass sie verdächtigt werde und sagte pikiert: „Also, wenn Sie mich meinen, da ist meine Handtasche, Sie dürfen gerne hineinschauen...!“ Dem Chef war die Sache offensichtlich peinlich, er warf aber einen kurzen Blick hinein und stotterte dann zusammenhanglos herum.

Striptease in der Bijouterie

„An mir habe ich auch nichts,“ fuhr die Frau nun fort, schüttelte ihre Ärmel vor seinem Gesicht aus, legte ihre Seidenjacke ab und begann die Bluse aufzuknöpfen. Sekunden später stand sie im Büstenhalter vor uns. Inzwischen hatten sich auch Schaulustige an der nach vorne offenen Schaufensterfront eingefunden und stiessen sich mit dem Ellbogen an: Schau mal da, ein Strip mitten im Supermarkt, da wollen wir mal nichts verpassen… Oder handelt es sich um einen ausgefallenen Reklamegag?

Als die Frau mit ihren Händen an den Rücken griff mit der Absicht, auch den Büstenhalter auszuziehen, winkte der Chef mit einer energischen Geste ab und begann nun seinerseits die Vitrinen zu durchsuchen. Nach kurzer Zeit hatte er den Ring. Für eine Entschuldigung war es aber zu spät, die Kundin hatte das Geschäft fluchtartig verlassen.

P.S. Sorry, aber Tapeten aus roter Seide waren gestern, das gesamte Dekor und die Abde­ckungen sind inzwischen mit spiegelglattem Hartplastik ausgelegt. Ein weiterer Faktencheck hat nachträglich ergeben: Das Gold ist immer noch echt, das hat mir meine Frau am Valentinstag versichert!


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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