«Global Champions» aus Europa

Mit Fusionen zum Erfolg?

Foto: epa/Olivier Hoslet
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MÜNCHEN/BRÜSSEL/PARIS (dpa) - Die wachsende Konkurrenz aus China bereitet der hiesigen Industrie zunehmend Sorgen. Manch einer hält europäische Großkonzerne für ein probates Gegenmittel. Die geplante Zugfusion zwischen Siemens und Alstom wird hier zum Testfall.

Europa gegen den Rest der Welt? In Brüssel spielt sich dieser Tage ein zukunftsweisender Industrie-Streit ab. Die Frage: Braucht es europäische Großkonzerne, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können? Zum Testfall für diese Frage wird die geplante Fusion zwischen dem Technologiekonzern Siemens und dem französischen Zughersteller Alstom. Sie wollen den größten Hersteller von Zug- und Signaltechnik in Europa schaffen. Doch der Plan könnte scheitern.

Einiges deutet darauf hin, dass die EU-Kommission nicht bereit ist, den europäischen Binnenwettbewerb zu gefährden, um mit der Schaffung eines solchen Großkonzerns der globalen Konkurrenz zu begegnen. Die Konkurrenz trägt hierbei den Namen des weltweit größten Zugherstellers aus China, CRRC, der seine Fühler längst auch nach Europa ausstreckt.

«Mit CRRC entwickelt sich ein starker chinesischer Wettbewerber, dem man auch von der Gesamtgröße her etwas entgegensetzen sollte», sagt Maria Leenen, Geschäftsführerin des Branchenanalysten für Bahn- und Logistik, SCI Verkehr. «Es braucht aus meiner Sicht deshalb tatsächlich einen europäischen großen Player».

Mit diesem Argument versuchen Siemens und Alstom seit vielen Monaten die EU-Kommission zu überzeugen. «Wir brauchen für Deutschland und Europa eine ganzheitliche und differenzierte Bewertung zum Umgang mit China. Das schließt die politische und wirtschaftliche Einschätzung der großen Chancen aber auch die Herausforderungen mit ein», sagte Siemens-Chef Joe Kaeser vergangene Woche der Deutschen Presse-Agentur. Sowohl der deutsche als auch der französische Wirtschaftsminister befürworten die Fusion.

EU-Kommissarin Margrethe Vestager lehnt die Schaffung eines europäischen Großkonzerns nicht per se ab. «Es ist nur so, dass Champion zu sein in diesen herausfordernden Zeiten mehr bedeuten muss, als nur eine europäische Flagge zu schwenken», sagte sie vergangene Woche auf einer Veranstaltung der «Welt» in Berlin. Europa könne diese Champions nicht mit Fusionen aufbauen, die dem Wettbewerb schadeten.

Die Kommissarin hat einige Bedenken, dass durch den Zusammenschluss die Preise zum Nachteil von Millionen von Bahnkunden steigen könnten. Bislang sind Siemens und Alstom unter anderem bei Regional- und Nahverkehrszügen harte Widersacher.

Doch auch wenn Vestager in der Sache federführend ist, innerhalb der EU-Kommission gibt es durchaus Differenzen. In der Vergangenheit fällte Vestager ihre Entscheidungen weitgehend ohne Scheu vor politischen Nebenwirkungen. Die US-Digitalriesen Google und Amazon nahm sie wegen fragwürdigen Wettbewerbsverhaltens ebenso ins Visier wie den schwedischen Einrichtungsgiganten Ikea. Diesmal könnte sie aber auch intern auf mehr Widerstand stoßen.

Eine Aussprache unter den 28 EU-Kommissaren bezeichnete EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici am Dienstag nun als «ehrliche, offene Diskussion». «Wir wollen die Entwicklungen der Wirtschaft von morgen mit in Betracht ziehen. Wir sind nicht naiv», sagte der französische Sozialist weiter. Die Entscheidung der Brüsseler Behörde solle «objektiv und strategisch» gefällt werden - und nicht auf der Grundlage ideologischer Richtlinien. Die Frist dafür endet am 18. Februar.

«Unserem Wettbewerbsrecht liegt der Gedanke zugrunde, dass Unternehmen nicht dadurch Champion werden sollen, dass man ihnen erlaubt, sich mit Konkurrenten zusammenzuschließen», sagt Daniel Zimmer, Direktor des Instituts für Handels- und Wirtschaftsrecht an der Uni Bonn. Im Gegenteil: Weil mit einem solchen Zusammenschluss der Binnenwettbewerb geschwächt würde, hätten die Unternehmen danach weniger Anreize zu Innovationen und guter Leistung. «Niemand garantiert, dass die bei weniger Wettbewerb möglichen Gewinne wirklich dafür eingesetzt würden, um etwa den chinesischen Konkurrenten auf Drittmärkten einen schärferen Wettbewerb zu bieten.»

Schon in den 1980er und 1990er Jahren sei mit denselben Argumenten die Schaffung nationaler Champions gefordert worden. «Aber die europäische Wirtschaft ist auch deshalb so stark geblieben, weil sie stets auf den Wettbewerb auch mit ausländischen Dritten gesetzt hat», betont Zimmer. Das habe sich bewährt, sonst wären solche Fusionen schon längst zugelassen worden.

Dass sich zahlreiche Unternehmen in vielen Branchen derzeit einer wachsenden Konkurrenz aus China ausgesetzt sehen, ist auch ein selbstgeschaffenes Problem: Jahrelang profitierten europäische und chinesische Konzerne von strategischen Partnerschaften. Die Europäer erhielten auf diese Weise Zugang zum riesigen chinesischen Markt - allen voran die deutsche Autoindustrie. Die Chinesen wiederum bekamen dafür oft Zugang zu Know-how und Expertise, die sie mit staatlicher Unterstützung nun nutzen, um wiederum in Europa Fuß zu fassen.

Um dem etwas entgegenzusetzen, bedürfe es neben purer Größe deshalb auch eine wettbewerbsfähige Kostenstruktur, die durch große Fusionen gewährleistet werden könne, sagt Leenen vom SCI Verkehr. Den innereuropäischen Wettbewerb beim Zugbau, der neben der Signaltechnik einen wesentlichen Teil der Fusionspläne ausmacht, sieht sie durch die Fusion nicht gefährdet. Konkurrenz gebe es etwa durch Stadler, Bombardier oder die spanischen Unternehmen Talgo und Caf.

Bei der Signaltechnik wiederum teilt Leenen die Bedenken der Kommission. Und eine chinesische Konkurrenz sei auf diesem Feld in absehbarer Zeit nicht zu erkennen. Siemens hat deshalb Veräußerungen bei der Signaltechnik in Höhe von vier Prozent des Umsatzes zugesagt. Es ist jedoch fraglich, ob das reicht.

Eine Vorentscheidung könnte in den kommenden Tagen fallen. Lässt die EU-Kommission ihre Bedenken nicht zumindest teilweise fallen, könnten Siemens und Alstom die Fusion abblasen. Schaden wird das auf kurze Sicht keinem der beiden Konzerne. Auf lange Sicht bleibt abzuwarten, was ihnen dann einfällt, um die chinesische Konkurrenz zu kontern.

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