GIZ will auch unter erschwerten Bedingungen bleiben

Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte stehen Wache vor dem Büro der deutschen Entwicklungshilfeorganisation GIZ in Kabul. Foto: epa/Hedayatullah Amid
Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte stehen Wache vor dem Büro der deutschen Entwicklungshilfeorganisation GIZ in Kabul. Foto: epa/Hedayatullah Amid

KABUL: Internationale Truppen werden Afghanistan verlassen, Entwicklungshelfer wie die GIZ wollen aber bleiben. Sie setzen dabei auch weiter auf Ortskräfte. Wird für sie alle die Lage nun gefährlicher und wollen sie nach Deutschland übersiedeln?

Auch nach dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan will die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ihre Arbeit weiterführen. «Die GIZ ist in der Lage, auch unter erschwerten Bedingungen in Afghanistan zu arbeiten», sagte eine Sprecherin auf Anfrage.

Anfang Mai haben die internationalen Truppen, darunter die Bundeswehr, ihren Abzug aus Afghanistan begonnen. Dieser soll bis spätestens 11. September abgeschlossen sein. Beobachter erwarten damit einhergehend eine Verschlechterung der Sicherheitslage in dem Land. In der Folge könnte sich auch die Situation für die Entwicklungshilfe in Afghanistan ändern. Bereits jetzt sind Hilfsorganisationen regelmäßig Ziel von Angriffen.

Die GIZ hat in Afghanistan derzeit 25 Projekte, etwa im Bereich Berufsbildung oder Wasserversorgung. Sie arbeitet dort aber auch in Ministerien. Aktuell sind rund 90 internationale und rund 1000 lokale Mitarbeiter für die Entwicklungsorganisation tätig.

Die Arbeit konzentriere sich weiterhin auf den Norden Afghanistans, sagte die Sprecherin. In Regionen, die von den militant-islamistischen Taliban kontrolliert werden, sei man nicht aktiv. Generell habe die Sicherheit oberste Priorität. Es gebe ein seit Jahren aufgebautes Risikomanagement mit Informationen zur aktuellen Lage und konkreten Handlungsempfehlungen. Neben der Arbeit aus der Hauptstadt Kabul steuere man Projekte auch aus Deutschland oder Dubai.

Lokale GIZ-Mitarbeiter sagen, auch für ihre Moral sei es wichtig, dass in Zukunft deutsche und andere internationale Mitarbeiter mit ihnen gemeinsam in Afghanistan arbeiteten. Sie selbst hätten über die Jahre viel Wissen aufgebaut, vertrauten aber nach wie vor «den Ausländern» mehr als sich selbst.

In der Vergangenheit sind Hilfsprojekte in Afghanistan immer wieder angegriffen worden. 2020 wurden laut der Nichtregierungsorganisation Inso 180 Vorfälle mit Hilfsorganisationen in Afghanistan registriert. Dabei wurden 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getötet, 27 verletzt und 42 entführt.

Auch die GIZ hat Erfahrung mit Gewalt in Afghanistan. 2019 wurde das «Green Village» in Kabul zwei Mal angegriffen, ein stark gesichertes Wohn- und Bürogelände für Ausländer, auf dem auch die GIZ untergebracht war. 2015 kam eine entführte Mitarbeiterin nach zwei Monaten frei. Vor einem Anschlag auf die deutsche Botschaft 2017 wurden GIZ-Beschäftigte aus ihren Wohn- und Bürokomplexen herausgeholt.

Lokale GIZ-Angestellte sagen, Kollegen würden immer wieder von direkten Drohungen berichten. Die künftige Entwicklung der Sicherheitslage sei schwer abzusehen, man gehe aber insgesamt von einer zunehmenden Gefährdung aus. Neben den Ortskräften der Bundeswehr und diplomatischen Missionen in Afghanistan können auch Mitarbeiter der deutschen Entwicklungszusammenarbeit nach Deutschland übersiedeln, wenn sie durch ihre Arbeit gefährdet sind.

Seit Einführung des Ortskräfteverfahrens 2013 haben laut Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 42 Ortskräfte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit ihren Ehepartnern und minderjährigen Kindern Visa für eine Einreise nach Deutschland erhalten.

Bislang könne man keinen signifikanten Anstieg bei Gefährdungsanzeigen von Ortskräften feststellen, die für Institutionen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit tätig sind, hieß es auf Anfrage aus dem Ministerium. Neben der GIZ setzt auch die KfW Entwicklungsbank deutsche staatliche Entwicklungsprojekte in Afghanistan um.

Allerdings berichten lokale GIZ-Angestellte auch davon, dass viele Mitarbeiter von dem monatelangen, oft auch jahrelangen Prozess im Zuge einer Gefährdungsanzeige - der am Ende oft auch negativ ausgehe - abgeschreckt seien.

Informationen der Deutschen Presse-Agentur zufolge hat hingegen die große Mehrheit der Ortskräfte der Bundeswehr einen Antrag für Schutz in Deutschland gestellt. Laut Sprecherin des BMZ bearbeitet die Bundesregierung derzeit «beschleunigt und flexibel» Gefährdungsanzeigen von Ortskräften der Bundeswehr und des deutschen Polizeiprojekts (GPPT). Für andere Ortskräfte - eben auch die Mitarbeiter der Entwicklungshilfe - gelte das seit Jahren etablierte Verfahren. Hintergrund sei der unmittelbar bevorstehende Abzug der Bundeswehr und die Einstellung des Polizeiprojekts, sagte die Sprecherin weiter.

Deutschland ist in Afghanistan nach den USA zweitgrößter bilateraler Geber. Die Bundesregierung hat Afghanistan 2021 bis zu 430 Millionen Euro an ziviler Unterstützung zugesagt. Ein Teil der Zusagen ist an Reformschritte der afghanischen Regierung im Bereich Menschenrechte, gute Regierungsführung und Korruptionsbekämpfung geknüpft.

Hilfsorganisationen wollen Entwicklungsprojekte in Afghanistan auch fortsetzen, um das in den vergangenen Jahren Erreichte zu sichern. So stieg die Lebenserwartung seit 2001 von 56 auf 65 Jahre (2020). Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich laut BMZ vervierfacht. Im Zuge der deutschen Entwicklungszusammenarbeit seien seit 2015 zudem fast 300.000 Menschen beruflich weitergebildet worden.

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