Vor 80 Jahren griff Hitler Stalin an

​Geschichte als Spektakel 

Foto: Pixabay
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MOSKAU: 80 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion inszeniert Russland die Weltkriegsgeschichte zunehmend als Spektakel. Doch zum Jahrestag gibt es auch nachdenkliche Töne - und ein großes gemeinsames Forschungsprojekt.

Vor den Toren Moskaus ist die Erinnerung an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren so lebendig wie nirgends sonst in Russland. Ein abgestürztes Flugzeug der Wehrmacht mit Hakenkreuz steckt im Schlamm zwischen Schützengräben, auf Panzern klettern Kinder, manche sitzen Krieg spielend an Feldhaubitzen, es gibt Schießstände und ein gebrandschatztes Dorf. Von diesem nachgestellten Schlachtfeld aus öffnet sich auch der Blick auf Russlands neue prunkvolle Militärkirche mit Panzerreliefs außen und meterhohen Mosaiken innen, auf denen nicht zuletzt ein Hakenkreuz und ein Bild von Sowjetdiktator Josef Stalin zu sehen sind.

An dem historischen Ort ist nicht nur die Schlacht der Roten Armee vor Moskau im Dezember 1941 gegen die Wehrmacht in Teilen nachgestellt. Der vom Verteidigungsministerium aus dem Boden gestampfte «Patriot-Park» beherbergt auch das größte Kriegsmuseum des Landes. Hier wird mit modernster multimedialer Technik an die Schrecken des Großen Vaterländischen Krieges erinnert, wie der Teil des Zweiten Weltkrieges in Russland offiziell heißt. Am 22. Juni 1941 überfiel Hitler-Deutschland die Sowjetunion. 27 Millionen Todesopfer gab es bis 1945 - so viele wie in keinem anderen Land.

Hitler setzte mit dem Russland-Feldzug seinen rassenideologischen Vernichtungskrieg gegen die slawischen Völker fort. «Er wollte den jüdischen Bolschewismus auslöschen» - verkörpert in der UdSSR, sagt der Experte Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut (DHI) in Moskau. So sehr die Rote Armee auch überrascht wurde von dem nächtlichen Überfall an der heutigen polnisch-belarussischen Grenze, so rasch gab es wenige Monate später im Dezember bei der Schlacht vor Moskau bereits die erste große Niederlage der Wehrmacht.

«Die Bedeutung der Schlacht bei Moskau ist lange unterschätzt worden. Im Grunde wurde da schon deutlich, dass die Wehrmacht sich auf der Verliererstraße befindet und den Krieg gegen das riesige sowjetische Imperium nicht gewinnen kann», sagt Uhl. Hitler habe aber immer weiter kämpfen lassen - selbst nach dem endgültigen Wendepunkt des Krieges bei der Schlacht von Stalingrad (heute Wolgograd) 1943. Obwohl spätestens da klar war, dass die Deutschen verlieren.

Als Operation Barbarossa ging Hitlers Überfall in die Geschichte ein - eine Attacke, auf die die Sowjetunion nach dem Nichtangriffspakt mit Deutschland nicht gefasst war. Stalin habe seinen sowjetischen Agenten nicht glauben wollen, dass die Deutschen den Pakt verletzen und eine neue Front aufmachen würden, sagt Uhl. Doch heute wird über mögliche Versäumnisse Stalins, die mögliche Verhinderung einer solch großen Zahl an Opfern in Russland zunehmend geschwiegen.

«Die Frage der Opfer wird zunehmend ausgeblendet», meint Uhl. «Alles richtet sich vielmehr auf den Sieg über Hitler-Deutschland. Das ist heute die wichtigste Klammer, die die Gesellschaft zusammenhalten soll.» Russlands Kinoindustrie produziert ein Epos nach dem anderen über sowjetische Kriegshelden. Dabei werden Deutsche bisweilen als «holzschnittartige Einfaltspinsel» dargestellt, die erfolglos gegen sowjetische Verteidigungsstellungen ankämpften, ohne dass - wie Uhl sagt - nachgefragt wird, warum der Krieg dennoch so lange dauerte.

Der Experte spricht von einer Art «Geschichts-Happening» und «Disneysierung des Erinnerns». Die ganze Grausamkeit des Kriegs trete in den Hintergrund. Auch Menschenrechtler beklagen, dass jene, die kritische Fragen stellen, etwa zum Massaker der Sowjets an polnischen Offizieren in Katyn 1941, sich in Russland schnell an den Pranger gestellt sehen. Erst unlängst stellte das russische Parlament etwa die Beleidigung von Veteranen oder Vergleiche der Hitler- mit der Stalin-Diktatur unter Strafe. Russische Historiker sprechen bisweilen von einer Bevormundung durch die Politik.

Den Ton gibt vor allem Kremlchef Wladimir Putin an. Er beklagt immer wieder Tendenzen einzelner Länder, das Andenken an die Rote Armee, die Europa maßgeblich von den Faschisten befreite, in den Schmutz zu ziehen. Polen, Tschechien und die baltischen Länder etwa sehen sich da in der Kritik. Deutschland dagegen genießt in dem Fall die Wertschätzung der russischen Führung, weil die Erinnerung an die Opfer der Roten Armee vielerorts wachgehalten wird.

In dem Buch «Denkmale der Befreiung. Spuren der Roten Armee in Deutschland» von Frank Schumann dankt Russlands Botschafter Sergej Netschajew für den Erhalt der dort erstmals umfassend dokumentierten Erinnerungsstätten, darunter das Mahnmal in Berlin Treptow. Allein in Deutschland gibt es dem Diplomaten zufolge 40.000 Soldatengräber. Die sowjetischen Opfer stammten nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Ukraine und aus Belarus (Weißrussland).

Zum 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion weist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Gedenken in Deutschland vor allem auf das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen hin. Ein gemeinsames prominentes Erinnern gibt es zwar in Zeiten massiver Spannungen zwischen Berlin und Moskau nicht. Allerdings sind die drei Millionen Todesopfer unter den sowjetischen Kriegsgefangenen aktuell ein breit erforschtes Thema deutscher und russischer Wissenschaftler.

Durch die Zusammenarbeit von Archiven würden die Namen, Biografien, Schicksale vieler sowjetischer Kriegsgefangener aufgeklärt. «Viele wurden, sofern sie ihrer sofortigen Ermordung entgangen waren, durch Hunger und Misshandlung gequält und als Zwangsarbeiter ausgebeutet», sagt der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Wolfgang Schneiderhahn, vor einer deutsch-russischen Sitzung des Projekts am Mittwoch. Trotz der Corona-Pandemie laufe hier die Zusammenarbeit zwischen Russen und Deutschen. Im vergangenen Jahr seien erstmals Dokumente aus dem Bundesarchiv übergeben worden.

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