Genuas neue Brücke soll für ganz Italien strahlen

Eine allgemeine Ansicht der Baustelle der neuen Autobahnbrücke von Genua in Genua. Foto: epa/Luca Zennaro
Eine allgemeine Ansicht der Baustelle der neuen Autobahnbrücke von Genua in Genua. Foto: epa/Luca Zennaro

GENUA: Fliegerstaffel, Staatsspitze und Ingenieurkunst: Zwei Jahre nach dem tödlichen Brückeneinsturz in Genua geht der Neubau in Betrieb. Geplant ist ein glanzvolles Fest - doch nicht alle wollen feiern.

Die Menschen am Fuß der Brückenpfeiler wirken winzig. Bauarbeiter mit roten Helmen machen letzte Feinarbeiten an dem neuen Wunderwerk aus Stahl und Beton. Erste Festgäste legen den Kopf in den Nacken und gucken zur Fahrbahn hoch. Das große Feiern zur Eröffnung der symbolträchtigen Autobahnbrücke in der norditalienischen Hafenstadt Genua hat vor Tagen mit einem Konzert begonnen. Am Montag (3. August), knapp zwei Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke, steht der Höhepunkt an: ein Fest der Superlative mit Fliegerstaffel und Staatsspitze.

Italiens größte Schwächen und seine größten Stärken - für beides ist der Nachfolgebau ein Sinnbild. Am 14. August 2018 zog ein Unwetter über die 580.000-Einwohner-Stadt. Um 11.36 Uhr krachte die Fahrbahn der alten Konstruktion auf rund 200 Metern zusammen. Autos und Lastwagen wurden mit Insassen rund 40 Meter in die Tiefe gerissen. 43 Menschen starben. Häuser wurden unbewohnbar.

Dass Italiens Brücken und Tunnel teils marode sind, war bekannt. Doch der Einsturz von Genua brannte sich wegen seiner Dimension als nationale Katastrophe ins Gedächtnis.

So tief die Trauer war, so strahlend soll jetzt der Neustart sein: Egal ob es Ministerpräsident Giuseppe Conte ist oder Genuas Bürgermeister Marco Bucci, viele sprechen von «Wiedergeburt» und vom «Modell Genua». Denn mit dem Bau sind klangvolle Namen verbunden. Stararchitekt Renzo Piano etwa, der aus der ligurischen Hafenstadt stammt. Er legte wenige Wochen nach dem Kollaps seine Vision vor. Bald danach ging's los. Riesige Reste wurden ab Ende 2018 weggesprengt, ab 2019 wurde gebaut.

Piano vergleicht die Brückenelemente in Interviews heute mit «Schiffskörpern, die über Betonsäulen fliegen». 18 Pfeiler hat die rund 1067 Meter lange Straßenverbindung über den Fluss Polcevera. Die Fahrbahnteile ruhen auf den Stelzen in etwa 45 Metern Höhe. Ähnlich weit wurden die Pfeiler im Boden versenkt.

Das Gestein für den Beton der Pfeiler sei nur aus einem Ort geholt worden, damit die Optik stimmt, heißt es bei dem Bauunternehmen Webuild. Farbschwankungen wolle man nicht. Der Konzern mit Sitz in Mailand hielt viele Fäden in der Hand. Die Brücke, das verrät die Internetseite, soll auch zum Werbeträger werden. Außerdem war der italienische Schiffbauer Fincantieri aus Triest stark beteiligt.

Schon vor der Eröffnung staunte das halbe Land, gewöhnt an schleppende Bürokratie und Dauerverzögerungen, über das «Rekordtempo». Bürgermeister Bucci stieg zum Sonderkommissar für Wiederaufbau auf. Rechtliche Hürden wurden beiseite geschoben. «Wir haben die Brücke in einem Jahr fertig gestellt, es ist wahr, so eine Brücke zu bauen, hätte normalerweise drei Jahre gedauert», freut sich der 82-jährige Piano in der Zeitung «La Repubblica».

«Der einzige Tag, an dem die Baustelle geschlossen wurde, war Weihnachten», berichtet Nicola Meistro, ein Generalmanager bei Webuild. «Wir haben nonstop gearbeitet: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Das bedeutet 3 Schichten von 8 Stunden.» Das habe sich auch während der Hochphase der Corona-Sperren nicht geändert.

Das «Modell Genua» stehe für die Kooperation einer Gruppe, die nur ein Ziel habe, sagte Sonderkommissar Bucci bei einem Vortrag: «Wir sind präzisen Regeln gefolgt. Und es gab mehr Kontrollen als normal.»

Premier Conte, ein 55-jähriger Jurist und Festteilnehmer, bemühte Genua wiederholt als Beispiel für den Neustart ganz Italiens nach der tödlichen Virus-Pandemie: Dem Muster der Brücke folgend, mit Sonderkommissar und im Schnelltempo, könnten andere, vor sich hin dämmernde Infrastruktur-Projekte beflügelt werden.

Wobei sich die juristische Suche nach Schuldigen des Desasters bisher hinzieht. Bei der Staatsanwaltschaft läuft ein Großverfahren gegen Dutzende Verdächtige. Es geht um mögliche Wartungsmängel - auch durch den privaten Betreiber Autostrade per l'Italia. Die Regierung in Rom will das Unternehmen, nach fast zwei Jahren Tauziehen, in den kommenden Monaten weitgehend verstaatlichen.

Iris Bonacci sieht die Jubelstimmung ohnehin kritisch. Die Grundschullehrerin lebte früher unter der Brücke. Sie musste umziehen. «Für die Stadt ist die neue Brücke wichtig. Aber ich verstehe nicht, warum man feiern soll», sagt sie. «Wenn etwas einstürzt, muss etwas Neues gebaut werden. So einfach. Ich denke an die vielen Toten. Und an die Opfer der Covid-19-Krankheit.»

Der Name des Baus verheißt zumindest Zuspruch: «Ponte San Giorgio», Brücke zum Heiligen Georg. Er gilt als Schutzpatron der Stadt. Und der Kino-Komponist Ennio Morricone, der Anfang Juli gestorben war, hat für das Event ein Gedenk-Stück geschrieben. Das Lied «Tante pietre a ricordare» (Viele Steine zum Erinnern) sollte am Wochenende gleich mehrfach erklingen.

Die Kunstflugstaffel der Luftwaffe, die Frecce Tricolori, traf vor Ort ein, um am Montag Italiens Farben Grün-Weiß-Rot in den Himmel zu zeichnen. Im symbolisch «ersten Auto» auf der Fahrbahn über Genua soll Staatspräsident Sergio Mattarella sitzen. Frühestens am 5. August dürfte der normale Verkehr rollen.

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