Geisterhäuschen

Spannendes Buch über den Isaan

Günther Ruffert
Günther Ruffert

Besuchern des Isaan fallen die vor jedem Haus auf hohen Pfählen stehenden Geisterhäuschen auf. Das grössere dieser Häuschen dient dem Erdgeist "Dschao Thi", den man beim Bau des Hauses aus dem Boden vertrieben hat, als Wohnsitz. Die Menschen glauben, dass jedes Stück Land von einem Geist bewohnt wird. Will man also auf einem Grundstück ein neues Haus bauen, so ist es erforderlich, dem aus dem Boden des Bauplatzes vertriebenen Erdgeist ein neues Domizil anzubieten, damit er nicht mit den Menschen zusammen in dem neuen Haus wohnen muss. Daneben steht meist noch ein kleineres Häuschen für den "Dschao Phum", den Luftgeist. Vor dem Aufstellen der Geisterhäuschen wird zunächst der Dorfschamane befragt, der einen günstigen Platz ausmacht. Dabei gibt es natürlich ein paar Regeln. So darf der Schatten des neuen Hauses auf keinen Fall auf das

Geisterdomizil fallen. Wenn diese Regeln nicht beachtet werden, kann es sein, dass die Geister nicht geneigt sind, ihr neues Zuhause zu beziehen, und das kann dann böse Folgen für die Hausbewohner haben.

Auch für die Form eines solchen Häuschens gibt es Regeln. Da die Geister aber alle anscheinend den gleichen Geschmack haben, ist es möglich, solche Häuser in Serienproduktion aus Beton herzustellen. In den Baustoffhandlungen werden neben allen Dingen, die man zum Hausbau braucht, auch fertige Geisterhäuschen in verschiedenen Grössen und Preislagen angeboten.

Das Geisterhäuschen ruht auf einer Säule aus Holz oder Beton, hoch genug, um Respekt auszudrücken, aber auch niedrig genug, um Opfergaben überreichen zu können. Die Plattform muss immer mindestens in Augenhöhe angebracht werden, denn eine niedrigere Bauweise könnte die Geister erzürnen.

Auf der Plattform der Geisterhäuschen stehen kleine Ton- oder Holzfiguren wie Tänzerinnen, Elefanten oder Pferde. Oft ist sogar eine regelrechte Puppenstube eingerichtet, um den Geistern das Wohnen angenehm zu machen. Einmal in der Woche, und vor allem zu festlichen Gelegenheiten, werden kleine Schälchen mit Essen und Trinken dazu gestellt, damit es den guten Geistern auch an nichts mangelt. Auch Coca-Cola oder ein Gläschen Mekhong wird wohl mal angeboten.

Manchmal - vor allem wenn sie direkt an der Strasse stehen - sind die Häuschen auch mit bunten Lichterketten geschmückt, die bei Dunkelheit aufblinken. Für den Farang sehen sie oft wie bunte Vogelhäuschen aus. Auch vor Behörden, Banken, in Parks und sogar vor manchen Bars haben sie ihren festen Platz. Vor manchen grossen Hotels oder Einkaufszentren hat man wahre Paläste für die Geister errichtet.

Wenn ein Geisterhäuschen vernachlässigt wird, so wird der Bewohner dafür sorgen, dass das auf dem Grundstück stehende Haus in den selben Zustand gerät. Wenn er gar sein vernachlässigtes Häuschen verlässt, so kann dies grosses Unglück über die Hausbewohner bringen. Diese Geisterhäuser sind übrigens keineswegs ein buddhistischer Brauch, wie die Farangs meistens denken. Sie sind brahmanischen Ursprungs und von den Thai vor vielen Jahren übernommen worden.

Häufig sieht man solche Geisterhäuschen auch an unfallträchtigen Strassenstellen oder den Orten von Verbrechen, da hier nach dem Glauben der Menschen ein besonders böser Geist sein Unwesen treiben muss. Die Errichtung der Geisterhäuschen an solchen Stellen geschieht dann meist durch Personen, die ein Gelübde erfüllen.

Einige dieser Geisterhäuser haben mittlerweile auch besondere Bedeutung erlangt - so z.B. das Geisterhaus beim Erawan-Hotel in Bangkok. Beim Bau des Hotels gab es ungewöhnlich viele Unfälle. Nach Befragung der dafür zuständigen Experten kam man zu dem Schluss, dass die Ortsgeister verstimmt seien, weil man auf dem Grundstück einige Bäume gefällt hatte, auf denen sie normalerweise ruhten. Um sie wieder zu besänftigen, war es also erforderlich, so schnell wie möglich einen grossräumigen Schrein für sie zu bauen, wonach die Arbeiten ohne weitere Probleme zu Ende gebracht werden konnten. Der damals errichtete Brahma-Schrein, der ursprünglich aufgestellt wurde, um Unglück von der Baustelle fernzuhalten, wird heute aber wegen seiner vielen Wunder täglich von Tausenden von Menschen besucht und ist zu einem regelrechten Wallfahrtsort geworden. Das Hotel-Management musste um den Schrein herum einen besonderen Tempelhof errichten, um Platz für die vielen Bittsteller zu schaffen. Die Besucher erhoffen sich Glück in den alltäglichen Dingen des Lebens, wenn sie hier ein Opfer darbringen. So werden an diesem Ort regelmässig grosse Mengen Blumengebinde und kleine Holzelefanten niedergelegt, die laufend wieder beseitigt werden müssen, um der wahren Flut der Opfergaben Herr zu werden. Eine Truppe von einem Dutzend Tempeltänzerinnen in traditionellen Kostümen steht darüber hinaus für die bereit, die den hier wohnenden Geist durch eine dargebrachte Tanzdarbietung günstig stimmen wollen.

Wenn wir Farangs auch gerne dazu neigen, den Glauben daran, dass die Geister das Haus und seine Bewohner beschützen, als Aberglaube abzutun, so sollten wir uns doch mal daran erinnern, dass auch bei uns in den katholischen Gegenden zu Beginn jedes neuen Jahres die Anfangsbuchstaben der Heiligen drei Könige Caspar, Balthasar und Melchior mitsamt der Jahreszahl über die Haustüren geschrieben werden, in der Hoffnung, dass auch hier die Heiligen drei Könige das Haus und seine Bewohner beschützen.

Der Adschahn

Das Geister, und alles was zu ihnen gehör, im Leben der Menschen im Isaan eine grosse Rolle spielen, dürfte jedem, der sich etwas mit dem Lande und seinen Menschen befasst hat klar sein. Für den ordnungsgemässen Verkehr mit der Geisterwelt ist bei uns im Dorf ein Schamane, der "Adschahn" zuständig. Bei jeder Gelegenheit, bei der es wichtig erscheint, den Segen der Geister zu erhalten oder zumindest sich nicht ihren Unwillen zuzuziehen, ob bei einer Hochzeit, der Geburt eines Kindes, dem Beginn oder der Einweihung eines Hauses, wird der Adschahn gerufen. Der lässt nun eine nach bestimmten, aber keinem ausser ihm bekannten Regeln eine Zeremonie ablaufen. Dabei wechseln sich lange Rezitationen in einer unbekannten Sprache, Sprüche, in denen der Segen der Geister herabgefleht wird und ein Einsprühen der gesamten anwesenden Gesellschaft mit geweihtem Wasser ab. Auf meine Frage, warum denn die Zeremonie so lange dauert und er immer wieder von neuem mit seinen Sprüchen anfängt, erklärte mir unser Dorf-Adschahn – der im übrigen immer gerne eine Flasche Bier mit mir trinkt – er dürfe schliesslich keinen der anwesenden Geister vergessen, sonst wäre der womöglich böse.

Aber auch beim Bau eines Hauses, beim Kauf eines Autos oder anderen wichtigen Vorhaben muss der Adschahn gefragt werden, welches der günstigste Tag dafür ist. Als wir beschlossen hatten, uns einen Pick-up zuzulegen, wurde zuerst der Dorfschamane befragt, welcher Tag denn am günstigsten für die Auslieferung des Wagens wäre. An Hand meines Geburtsdatums und nach Konsultation der Tabellen in einem dicken Buch wurde uns ein Datum etwa 2 Wochen später genannt. Erst dann gingen wir zum Autohändler, und bei den Verhandlungen spielte das richtige Lieferdatum genau so eine Rolle wie der Preisnachlass und wurde auch im Kaufvertrag festgeschrieben. Nun ergab es sich aber, dass der Händler eine Woche vor dem vereinbarten Termin anrief und mitteilte, dass das gekaufte Fahrzeug schon angeliefert sei und bei ihm auf dem Hof zur Abholung bereitstünde. Jetzt war guter Rat teuer, denn ich hätte das Fahrzeug am liebsten sofort abgeholt. Wir gingen aber erst zum Schamanen, erklärten ihm die neue Lage und baten ihn, noch mal zu prüfen, ob wir das Fahrzeug nicht schon am nächsten Tag abholen könnten. Nach nochmaligem Studium seiner klugen Bücher war er auch der Meinung, dass der nächste Tag zwar nicht ganz so günstig wie der ursprünglich genannte Termin sei, dass die Sache aber gut gehen würde, wenn wir den Wagen erst nach 15.00 Uhr abholen würden. Wir gingen also am nächsten Nachmittag zum Händler, holten den Wagen ab und fuhren beruhigt damit nach Hause.

kam vor über zwei Jahrzehnten als Bauingenieur erstmals nach Thailand. Vor sieben Jahren baute er sich im Isaan bei Surin ein Haus, in dem er mit seiner thailändischen Frau und Tochter lebt. Die Familie kauft bei Bauern nach der Ernte Reis auf und gibt ihn an Grosshändler weiter. Zudem hat der jetzt 75jährige auf 150 Rai mit dem Zuckerrohranbau begonnen. Da Anbau und Ernte arbeitsintensiv sind, ist zeitweise die Hälfte der Dorfbewohner bei Ruffert beschäftigt. Der Deutsche spricht inzwischen fliessend Thai und versucht, sich dem alltäglichen Tagesablauf in seinem Dorf anzupassen. Im FARANG berichtet über das Leben in den Dörfern und die Jahrhunderte alten Sitten dieses Landes.

Wer mehr über das weitestgehend unbekannte Isaan erfahren möchte, sollte zu Rufferts neuem Buch greifen: "Ein Fenster zum Isaan" beschreibt den Alltag der Menschen im Nordosten aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Buch kostet 395 Baht und ist in Pattaya in der FARANG Geschäftsstelle an der Thepprasit Road, in den Bookazine-Geschäften in der Royal Garden Plaza und im Central Festival Center/Big C, bei Amigo Tailor an der Soi Diamond und im Restaurant Braustube an der Naklua Road erhältlich.

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