Gedanken zum Totensonntag

Während der Einäscherung eines alten Bekannten fragte ein guter Freund mich: „Du schreibst doch über alle möglichen Themen. Warum hast Du in all den Jahren noch nie eine Kolumne über den Tod oder das Sterben geschrieben?“

Habe ich das wirklich nicht? Ich kann mich nicht erinnern. Aber warum nicht? Gleichzeitig wird mir bewusst, dass viele Menschen mit diesem Thema nichts zu tun haben wollen. Es wird einfach verdrängt und kommt es irgendwann in einer Diskussion mal auf den Tisch, gibt es Leute, die darauf bestehen, nicht darüber zu sprechen. Ich habe sogar erlebt, dass einige aufstanden und gingen. Woher kommt diese Furcht vor dem Unvermeidbaren? Pflanzen und Tiere entstehen und verenden. Der Mensch auch. Aber anders als Pflanzen und Tiere wissen wir es. Es geschieht täglich. Mal gnädig durch einen Schlaganfall oder Herzinfarkt, mal quälender, wenn ein Krebs über Monate den Körper zerstört, mal in jungen Jahren, mal im hohen Alter. Aber der Tod kommt zu jedem Menschen, egal ob arm oder reich. Vor dem Tod sind wir alle gleich. Ich finde das okay und habe nicht die geringste Furcht davor. Ich begreife mein Leben als ein Dasein zwischen Geburt und Tod. Ein Zeitraum, in dem ich versuchen kann, mich selbst zu verwirklichen, indem ich vielleicht etwas schaffe, das mich überlebt. Dem einen gelingt es, dem anderen nicht. Dabei denke ich nicht unbedingt an Geld. Denn was bringt es, wenn ein kleiner Mühlenbesitzer es zum größten Getreidehändler bringt und dann stirbt? Oder worin besteht das Ziel einer einfachen Schneiderin, zur berühmten Mode-Designerin zu werden? Alle diese Ziele sind lächerlich, wenn man sie nicht verbindet mit der Veränderung seiner Persönlichkeit. Klar, wenn die einfache Schneiderin zur Ikone ihrer Zunft wird und vielen ärmeren Menschen hilft zum Überleben, dann hat sie in meinen Augen schon ein sinnvolles Leben geführt während dieses kurzen Augenaufschlags unseres Daseins bevor alles vorbei ist. Sicher kennen wir alle die Namen der großen Dichter, Denker und Musiker. Wir lesen ihre Bücher, hören ihre Musik und wissen ansonsten meistens wenig über sie und ihr Leben. Sie sind tot und zerfallen, aber ihre Werke berühren uns bis auf den heutigen Tag. Um es anders auszudrücken: In ihren Werken leben sie fort. Natürlich sind das Ausnahmen. Nicht jeder ist berufen in die Geschichte einzugehen. Aber solange Menschen sich liebevoll an Verstorbene erinnern, die gut zu ihnen waren, ihnen Trost und Hilfe geschenkt haben, solange leben sie weiter. Ich gehöre nicht zu denen, die glauben nach dem Tod – in welcher Form auch immer – erneut zu einem Leben erweckt zu werden, aber ich glaube fest daran, dass ich hier die Aufgabe habe zu helfen, wo immer es möglich ist. Andererseits bin ich alt genug, um mich den Themen Sterben und Tod klar und offen zu stellen. Bei meinem letzten Besuch in der alten Heimat habe ich alle wichtigen Schritte unternommen. Ich habe mein Testament aktualisiert, ebenso wie meine Vorsorge- und Patientenverfügung. Ich habe mit einem Bestattungsinstitut die Trauerzeremonie besprochen, die Urnenbeisetzung vereinbart und eine Urnengrabstätte gekauft. Und das alles ohne Angst und Trauer, sondern in der Gewissheit meines Todes und der Verantwortung gegenüber meinen Erben. Anderen mag das Furcht einflößen, ich bin froh und frei bei den Gedanken, alles gut vorbereitet zu haben. Ich will ja nicht heute oder morgen sterben. Im Gegenteil, ich liebe und genieße dieses Leben, Aber ich weiß auch, dass die mir gewährte Lebenszeit sich dem Ende nähert. Jeder Tag will bewusst gelebt, jede Stunde ausgekostet werden. Ich warte auf kein Paradies wie die Chris­ten, ich werde keine Bombe zünden, um als Märtyrer zu den Jungfrauen zu gelangen, und ich hoffe auch auf keine Wiedergeburt. Und noch weniger beschäftige ich mich mit Angst vor dem Ende. Der große Schlaf im Nichts ist meine Erwartung, frei von allen Sorgen und Nöten, frei von allen Sehnsüchten und Hoffnungen. Gleichzeitig lasse ich all den Stress dieser Welt hinter mir, so wie jeden Abend bevor ich einschlafe.

Ich wünsche all meinen Lesern ein wunderschönes Leben und dass sie meine Sorglosigkeit vor dem Tod teilen können, der sie teilhaben lassen wird an der Unendlichkeit des Weltalls – vielleicht als ein winziger Stern. Und wer schon seine eigene Geburt versäumte, der sollte wenigstens seinen eigenen Tod nicht versäumen.

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Leserkommentare

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Thomas Sylten 26.11.18 10:10
"ewiges Nichts" vs. "ewiges Alles"
Um noch mal an den philosophischen Aspekt anzuknüpfen: Die entscheidende Aussage war m.E.: "..der sie teilhaben lassen wird an der Unendlichkeit des Weltalls" – also ganz das Gegenteil vom großen Schlaf im Nichts, sondern ein Erwachen im Alles !! Möglicherweise ähnlich unvorstellbar für unser ach so intelligentes Gehirn, aber allemal positiver als diese freudlose Idee eines ewigen Nichts, welche jeder wissenschaftlichen Erkenntnis über den ewigen Wandel ohne Möglichkeit eines kompletten "Verschwindens" widerspricht..
Jürgen Franke 25.11.18 16:53
Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit
für jeden mündigen Bürger sein, Vorsorge für seinen Tod zu treffen. Ein Testament, sowie eine Bankvollmacht ist das Mindeste, was vorhanden sein sollte. Eine Patientenverfügung, wie von Krüger angesprochen, wird, sofern mir bekannt ist, in Thailand nicht akzeptiert. Die Kosten einer Beerdigung in Thailand, sowie einer Grabstelle sollten erörtert werden.
Hans-Dieter Volkmann 25.11.18 16:24
Gedanken zum Totensonntag.
Wäre der große Schlaf im Nichts meine Erwartung dann wäre ich ein bedauernswertes Geschöpf. Wer glaubt leben zu können, frei von allen Sehnsüchten und Hoffnungen, der ist für mich entweder unglaubwürdig oder ein hoffnungsloser Fall. Auch ich habe Vorbereitungen bezüglich meines Ablebens getroffen. Aber ich habe dabei nicht so sehr an meine Person gedacht, sondern vielmehr an meine Familie. Ich habe meiner Frau (Thai) gezeigt was alles im Falle des Todes zu beachten ist, einschließlich der Rentenerwartung. Ich habe Vorsorge getroffen damit meine Frau weiß wie mit dem Immobilienbesitz umzugehen ist. Gehandelt habe ich nach dem Wort: "Wer nicht für die Seinen sorgt ist schlimmer als ein Ungläubiger". Das ist meine persönliche Einstellung. Ob jemand auf ein Paradies hofft, sich eine Bombe um den Bauch bindet oder von vielen Jungfrauen erwartet wird, ist eine ganz persönliche, manchmal eine fehlgeleitete fatale Entscheidung.
Heidrun Hoerath 25.11.18 13:21
Mit spitzer Feder...
Der Artikel hat mich sehr angesprochen, zumal mir seit einiger Zeit recht aehnliche Gedanken durch den Kopf gehen. Danke fuer den Bericht!!!