Gedanken beim Sundowner

Ich habe meinen langjährigen Freund zum Sundowner eingeladen. Wir sitzen in gemütlichen Sesseln auf meinem Balkon im 27. Stock direkt am Jomtien-Strand.

Neben der untergehenden Sonne brennt der Himmel. Wir, zwei Freunde mit ähnlichen Ansichten und Meinungen, betrachten das Himmelsschauspiel und trinken dazu einen Aperitif. Die Wolken bilden seltsame Figuren, einen Teufel mit riesiger Nase und eine Hexe mit einem weiten wallenden Gewand, auf einem Besen reitend. Kaum erkannt, haben sie sich wieder verwandelt. Unten, nahe am Strand fährt ein einsames Boot entlang. Alles ist ruhig und friedlich. Aber wir wissen, alles verändert sich, und unser scheinbarer Friede ist eine Illusion. Jetzt, in diesem Augenblick werden in zahllosen Lagern und Gefängnissen Menschen geschlagen und gefoltert, weil sie es gewagt haben, ihre Meinung öffentlich zu äußern, Betrüger unterschreiben gefälschte Verträge, verarmte Eltern schicken ihre minderjährigen Kinder in die Städte, wo sie sich für Geld missbrauchen lassen und andere verhungern oder verdursten. Unrecht überall, unabänderlich und deshalb nicht der Mühe wert darüber nachzudenken. Das ist zumindest die Überzeugung der Mehrheit. Nur eine Minderheit ist anderer Meinung. Sie will das Unrecht nicht hinnehmen, schließt sich zusammen in Menschenrechtsorganisationen und versucht dagegen anzukämpfen. So auch mein Freund und ich. Wir gehören einem Kinderhilfswerk an, das auch hier in Thailand sehr aktiv ist. Wir sind keine Träumer oder Illusionisten, aber wir wollen auch nicht die Hände in den Schoß legen und zuschauen, wie unsere Welt vergewaltigt wird. Dabei wissen wir, dass all unsere Hilfe nicht mehr bedeutet als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Unser gemeinsames Motto lautet „Trotzdem!“ und wir wissen, dass wir keine Einzelkämpfer sind. Viele Menschen engagieren sich, weil sie begriffen haben, dass es ihnen immer noch viel besser geht als den meisten anderen. Tastsache ist auch, dass die ärmeren Leute oft mehr spenden als die Reichen, die häufig nur ihr eigenes Wohlergehen im Auge haben. Ob Ärzte ohne Grenzen, SOS-Kinderdörfer, Human Help Network oder Reporter ohne Grenzen, um nur einige dieser Hilfsorganisationen zu nennen, sie alle opfern Zeit und Geld, obwohl sie wissen, sie kämpfen gegen eine Hydra. Wenn sie irgendwo ein Loch gestopft haben, öffnet sich ein neues, vielleicht noch größeres. Eigentlich zum Verzweifeln. Aber der Anblick eines Menschen, dem man helfen konnte, gibt neue Kraft, um weiter zu arbeiten. Und es gibt kaum Menschen, die nicht helfen könnten. Ob man sich als Organspender eintragen lässt, der einem Todgeweihten das Überleben sichert oder ob man bei den Tafeln hilft, die abgelaufene aber immer noch genießbare Lebensmittel an Hilfsbedürftige verteilen, überall ist ihr Engagement gefragt. Mein Freund geht in seiner Freizeit oft in Heime oder Krankenhäuser, verkleidet als Clown, um den Alten oder Kranken Freude zu bereiten, sie zum Lachen zu bringen. Vereinsamten Singles kann ich nur raten, melden Sie sich in einem Altenheim, wo alte gehbehinderte Menschen ohne Angehörige darauf warten, mal ausgefahren zu werden. Sie werden sich wundern, wie schnell sie ihre Einsamkeit dabei vergessen und wieder positiv gestimmt werden. Es ist wirklich so einfach zu helfen. Warum schert es die meisten Menschen nicht? Ihr Kleiderschrank quillt über, aber statt die nicht benutzten Kleidungsstücke zu verschenken, werfen sie diese auf den Müll. Sie sind gläubige Christen, Hindus, Buddhisten oder Muslime, aber in aller Regel verstoßen sie gegen das allen Religionen innewohnende Gesetz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das scheint verdammt schwer zu sein, denn der Mensch ist von Natur aus darauf angelegt, sein eigenes Überleben zu sichern. Und wenn das glücklich gelungen ist, dann könnte man doch - könnte… Oft ist es gar nicht die alltägliche Gier, häufiger ist es Bequemlichkeit. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch mal an Helfer erinnern, die sich um unsere Gesundheit kümmern. Ich denke gerade nicht an Pfleger oder Krankenschwestern, denen gar nicht genug gedankt werden kann. Ich meine Forscher und Wissenschaftler, die nach neuen Medikamenten suchen, und die oft auf ihren wohlverdienten Feierabend verzichten, weil sie vorankommen wollen bei der Entdeckung von Heilmitteln, die der ganzen Menschheit helfen könnten gegen Schlaganfälle, Krebs, Herzinfarkte oder andere Krankheiten. Sie sind die anonymen Helden des Alltags. Wir alle, die wir täglich Tabletten schlucken müssen, damit es uns gut geht, sind ihnen zu Dank verpflichtet. Beim Nachdenken darüber fällt uns die freiwillige Feuerwehr ein und viele ehrenamtliche Helfer. Ohne sie wären viele Projekte gar nicht zu stemmen, auch wenn das von vielen nicht wahrgenommen wird. Meine Schwiegertochter regelt einmal in der Woche den Verkehr vor der Schule, in die ihre kleine Tochter geht. Sie teilt sich diese Aufgabe mit sechs anderen Frauen, die gemeinsam dafür sorgen, dass die Kinder unversehrt in die Schule kommen. Wohin man schaut: Überall gibt es etwas zu tun, überall gibt es Menschen, die etwas tun, und überall gibt es diese Egoisten, die stets wegschauen, wenn sie gefordert sind. Wir reden manchmal von Asozialen und meinen damit heruntergekommene, im Elend lebende Zeitgenossen. Aber eigentlich sind diejenigen asozial, die auf die andere Straßenseite wechseln, wenn sie sehen, dass jemand sie anbetteln will.

Ich sitze immer noch mit meinem Freund auf dem Balkon. Es ist inzwischen dunkel geworden. Wir kommunizieren meistens schweigend. Ein Stichwort genügt, und wir denken in die gleiche Richtung. Am Horizont haben die Fischer ihre hellen Lampen angezündet, um die kleinen Tintenfische an die Oberfläche zu locken. Sie bilden in der Ferne eine Perlenkette, romantisch und friedlich. Aber wir wissen, das ist eine Illusion.

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Leserkommentare

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Norbert Kurt Leupi 30.12.18 19:47
"In vielen Fällen"...Herr Hermann Auer
das habe ich ja betonnt und nicht verallgemeinert ! Bei uns heisst`s : " Wer nicht arbeitet , kann doch keinen Hunger haben " ! Uebrigens , wer hat denn die Konstrukteure der Agenda 2010 gewählt ? Ich weiss ja , dass bei Euch viele Berufe "sozial " sind , nur das Gehalt ist " asozial " !
Hermann Auer 30.12.18 19:02
@Norbert Kurt Leupi
In vielen Fällen haben sich die heutigen sogenannten "Asozialen" die Suppe nicht selbst eingebrockt. Das geschah oft genug durch die Konstrukteure der Agenda 2010, wodurch selbst fleißige und gebildete Leute genötigt wurden, ihr Angespartes aufzubrauchen, bevor sie die viel zu niedrige staatliche Hilfe in Anspruch nehmen konnten. Solche Konstrukteure sitzen heute in den höchsten Ämtern und bezeichnen die durch die Regelungen der Agenda 2010 abgerutschten Mittelständler als Schmarotzer, die in der sozialen Hängematte liegen ("Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!" usw.). Übrigens: auch außerhalb Deutschlands hat die Agenda 2010 fatale Auswirkungen, beispielsweise indem sich die anderen Staaten Europas aufgrund des deutschen Lohndumpings (= Folge der Agenda 2010!) verschulden und deshalb gezwungen werden, soziale Einschnitte bei Unbeteiligten durchzuführen.
Norbert Kurt Leupi 30.12.18 15:15
Sozial oder Asozial
Solidarisch zu handeln heisst in vielen Fällen aber auch , freiwillig die Suppe auszulöffeln , die sich die Sozialen oder Asozialen selbst eingebrockt haben ?