Friedensforscher sehen Trendwende bei Atomwaffen

Der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif hält einen Vortrag am Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) in Stockholm. Foto: epa/Janerik Henriksson
Der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif hält einen Vortrag am Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) in Stockholm. Foto: epa/Janerik Henriksson

STOCKHOLM: Weltweit verfügen neun Staaten über Atomwaffen. Die Bestände werden nach Angaben des Instituts Sipri weiter modernisiert. Eine Folge: mehr einsatzbereite Bomben. Zwei Staaten geben dabei nach wie vor den Ton an.

Führende Friedensforscher sehen Anzeichen für eine beunruhigende Trendwende in den weltweiten Beständen an Atomwaffen. Zwar ging die Gesamtzahl der atomaren Sprengköpfe weiter zurück, wie aus dem am Montag veröffentlichten Jahresbericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri hervorgeht. Allerdings sind mehr Atombomben einsatzbereit als noch vor einem Jahr. Die Verringerung einsetzbarer Sprengköpfe scheine ins Stocken geraten zu sein, so der Bericht. Gleichzeitig liefen umfassende Programme zur Modernisierung.

«Wenn man nur auf die Gesamtzahl der Atomwaffen schaut, sieht das Abrüstungsbild viel besser aus als es eigentlich ist», sagte Sipri-Experte Matt Korda der Deutschen Presse-Agentur. Die Zahl gehe nur deshalb zurück, weil die beiden größten Atommächte USA und Russland alte Sprengköpfe ausmusterten. «Und da enden die guten Nachrichten. Sowohl die USA und Russland als auch praktisch jeder andere atomar bewaffnete Staat ist mitten in teuren und umfangreichen nuklearen Modernisierungskampagnen.»

Insgesamt verfügten die weltweit neun Atommächte Anfang 2021 schätzungsweise noch über 13.080 Atomwaffen - 320 weniger als im Vorjahr und weniger als ein Fünftel von dem, was zur Hochzeit des Kalten Kriegs Mitte der 1980er Jahre in den Arsenalen war. Die USA kommen heute noch auf 5550 atomare Sprengkörper. Russland hat nach Erkenntnissen der Sipri-Experten noch 6255. Damit verfügen Washington und Moskau weiter über mehr als 90 Prozent aller Atomwaffen.

Als besorgniserregend stufen die Forscher jedoch eine andere Zahl ein: die der Atomsprengköpfe, die bereits auf Raketen montiert sind oder sich auf aktiven Stützpunkten befinden. Ihre Zahl stieg im Jahresvergleich von 3720 auf 3825. Bei den USA und Russland kamen jeweils rund 50 hinzu. Etwa 2000 dieser Sprengköpfe werden Sipri zufolge in höchster Einsatzbereitschaft gehalten - nahezu alle von Russland und den USA.

Während andere Länder ungeduldig auf Fortschritte bei der Abrüstung warteten, investierten alle Atommächte in die Zukunft ihrer nuklearen Arsenale, sagte Korda. Greenpeace kritisierte: «Die atomare Rüstungsspirale dreht sich weiter, das ist eine alarmierende Nachricht.» Mit erneuerten Atomwaffen werde nur eine «Scheinsicherheit» vorgegaukelt. Deutschland sei mit der geplanten Anschaffung von atomwaffenfähigen F-18-Kampfjets mitverantwortlich.

US-Präsident Joe Biden und Kremlchef Wladimir Putin hatten sich erst kurz vor Auslaufen des atomaren Abrüstungsvertrags New Start im Februar auf eine Verlängerung geeinigt. Sipri-Experte Hans M. Kristensen sagte, die Aussichten auf zusätzliche bilaterale Kontrollen zwischen den beiden nuklearen Supermächten seien mau. «Sowohl Russland als auch die USA scheinen nuklearen Waffen wachsende Bedeutung in ihren nationalen Sicherheitsstrategien beizumessen.»

Korda sagte: «Wir sehen gerade ein sehr klassisches Verhalten des Wettrüstens.» Ob sich die Lage unter Biden ändern werde, müsse sich erst noch zeigen. Auch alle sieben anderen Atommächte haben laut Sipri neue Waffensysteme entwickelt oder stationiert beziehungsweise entsprechende Absichten angekündigt.

China steckt demnach mitten in einer erheblichen Modernisierung und dem Ausbau seines Atomarsenals. Damit etabliert sich Peking mit nun schätzungsweise 350 nuklearen Waffen auf Platz drei der Atommächte, gefolgt von Frankreich (290) und Großbritannien (225). Dahinter legen Pakistan (165) und Indien (156) ebenfalls zu, Israel bleibt bei geschätzt 90. Hinzu kommt Nordkorea. Dessen Bestand wird auf 40 bis 50 geschätzt, wegen Unsicherheiten aber nicht zur weltweiten Gesamtmenge dazugezählt. Sipri bezieht seine Daten aus öffentlichen Quellen.

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder
Dracomir Pires 15.06.21 11:40
Das Problem sind nicht ..
... die alteingesessenen Länder wie USA, GB, Frankreich oder Russland, sondern die Dödl-Staaten Pakistan, Nordkorea und bald auch Iran und Saudi-Arabien.