Bidens und Trumps Konkurrenz-Shows

​Fernduell statt TV-Debatte 

US Präsident Donald J. Trump (L) und der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden (R). Foto: epa/Michael Reynolds
US Präsident Donald J. Trump (L) und der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden (R). Foto: epa/Michael Reynolds

MIAMI/PHILADELPHIA: Ein Fernsehabend als Sinnbild für den Wahlkampf: Statt sich gemeinsam den Fragen der Wähler zu stellen, treten Donald Trump und Joe Biden bei konkurrierenden Veranstaltungen auf - die in Ton und Inhalt unterschiedlicher kaum hätten sein können.

US-Präsident Donald Trump muss sich Fragen zu obskuren Verschwörungstheorien gefallen lassen, während Herausforderer Joe Biden seine Regierungspläne erläutert: Nach der Absage ihrer TV-Debatte stellten sich der Republikaner Trump und der Demokrat Biden am Donnerstagabend zeitgleich in zwei Fernsehsendern Wählerfragen. Knapp drei Wochen vor der Wahl mussten die Amerikaner entscheiden, ob sie Trump bei NBC oder Biden bei ABC verfolgten. Beide traten in Swing States auf, also in umkämpften Bundesstaaten, die bei der Präsidentenwahl am 3. November entscheidend sein könnten: Trump in Miami im Bundesstaat Florida, Biden gut 1600 Kilometer entfernt in Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania.

HARTNÄCKIGE FRAGEN

In Miami nahm Moderatorin Savannah Guthrie Trump in die Zange, der reagierte gereizt. «Lassen Sie uns die ganze Show vergeuden», sagte Trump, als ihn Guthrie auf die Verschwörungstheorie-Bewegung QAnon ansprach, die auch unter seinen Republikanern Unterstützer haben. «Es ist diese Theorie, dass die Demokraten ein satanischer Pädophilenring sind und dass Sie der Retter davor sind», sagte Guthrie. Ob Trump sich davon «ein für alle Mal» distanziere? «Ich weiß nichts über QAnon», antwortete Trump genervt. «Lassen Sie mich Ihnen nur sagen, was ich darüber höre, ist, dass sie sehr entschieden gegen Pädophilie sind, und dem stimme ich zu.»

Guthrie fragte Trump auch, warum er auf seinem Twitter-Account eine Verschwörungstheorie über den angeblich gefälschten Tod von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden weiterverbreitete. «Das war ein Retweet, die Meinung von jemand anderem», sagte Trump. «Die Menschen können selber entscheiden.» Guthrie sagte: «Ich verstehe das nicht, Sie sind der Präsident, nicht jemandes verrückter Onkel.»

BIDEN RÄUMT FEHLER EIN

Im weitgehend leeren Auditorium in Philadelphia beantwortete Biden in aller Ruhe die Fragen der Wähler - es ging um den Kampf gegen die Corona-Pandemie, die umstrittene Polizeiarbeit, die Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft. Die Wähler konfrontierten ihn auch mit Themen, die ungemütlich für Biden sind: Zum Beispiel mit einem Gesetz zur Kriminalitätsbekämpfung aus den 1990er Jahren, das viele für die Diskriminierung von Minderheiten verantwortlich machen. Biden räumte ein, es sei ein Fehler gewesen, das Gesetz zu unterstützen.

TRUMP UND SEINE MILLIONEN-SCHULDEN

Anders als bei Wahlkampfauftritten musste Präsident Trump sich viele kritische Fragen gefallen lassen - etwa zu seinen finanziellen Verhältnissen. Seine Schulden beliefen sich nur auf «einen winzigen Prozentsatz meines Nettovermögens», sagte Trump. Die von der «New York Times» berichtete persönliche Schuldenhöhe von 421 Millionen Dollar schien er in etwa zu bestätigen. Er wollte sich zunächst zwar auf Nachfrage der Moderatorin nicht festlegen, sprach dann aber selber von «400 Millionen». Wie schon seit Jahren versprach er, er werde seine Steuererklärungen veröffentlichen, sobald eine angebliche Buchprüfung der Steuerbehörde IRS abgeschlossen sei.

TRUMPS FALSCHE CORONA-AUSSAGE

Zur Pandemie äußerte sich der erst kürzlich an Covid-19 erkrankte Präsident ein weiteres Mal widersprüchlich. «Ich sage, tragt die Masken. Ich habe kein Problem damit», betonte er. Trump wiederholte aber auch seine falsche Aussage, dass sich nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC 85 Prozent der Menschen, die eine Maske tragen, mit dem Virus infizierten. Richtig ist, dass bei einer CDC-Untersuchung 85 Prozent einer Gruppe von Infizierten angaben, sie hätten in den 14 Tagen zuvor oft oder immer eine Maske getragen.

VERPASSTE GELEGENHEIT

«Er hat enorme Gelegenheiten verpasst und sagte immer wieder Dinge, die nicht wahr waren», warf Biden dem Republikaner mit Blick auf dessen Umgang mit der Corona-Pandemie vor. «Wenn ein Präsident keine Maske trägt oder sich über Leute wie mich (...) lustig macht, dann sagen die Leute: «Es wird schon nicht so wichtig sein».» Mit Blick auf die für kommenden Donnerstag geplante TV-Debatte zwischen den beiden Kandidaten machte Biden klar, dass er von Trump erwarte, sich wieder testen zu lassen. Es gehe ihm dabei nicht um ihn selbst, sondern um andere Menschen, die man gefährden könnte.

ENTSCHEIDENDE ERINNERUNGSLÜCKE

Der Präsident wollte sich wieder nicht darauf festlegen, wann er vor seiner Covid-Erkrankung zuletzt negativ getestet worden war. «Ich erinnere mich gar nicht daran», sagte er. Diese Frage ist wichtig, um zu klären, ob Trump womöglich noch bei Veranstaltungen war, obwohl er von einer Infektion wusste. Dass auch das Weiße Haus und Trumps Ärzte Angaben dazu verweigern, räumt diesen Verdacht nicht aus der Welt.

«JETZT GEHT ES WIEDER LOS»

Gereizt reagierte Trump auch, als er nach seiner Haltung zu Rechtsradikalen gefragt wurde - er ist unter Druck geraten, weil er sich von ihnen nicht eindeutig distanzieren wollte. «Jetzt geht das wieder los», sagte Trump - und behauptete dann, dass er «seit Jahren» Rechtsradikalismus verurteile. Zugleich betonte er aber, er verurteile auch die Antifa und «diese Menschen auf der Linken, die unsere Städte niederbrennen».

«MIESER KANDIDAT» BIDEN?

Ex-Vizepräsident Biden versprach: Wenn er gewählt würde, würde er sich niemals rassistisch oder spalterisch äußern. Moderator George Stephanopoulos fragte Biden, was seine Niederlage aussagen würde. «Nun, es könnte bedeuten, dass ich ein mieser Kandidat war und ich keinen guten Job gemacht habe», sagte Biden. Er hoffe nicht, dass es bedeute, dass die Amerikaner in ethnischen und religiösen Fragen so im Konflikt miteinander stünden, wie Trump es wolle.

ZWEIFEL AN DER AUSDAUER

Trump hatte NBC vor der Fragestunde als voreingenommen angegriffen. Bei einem Wahlkampfauftritt in Greenville in North Carolina betonte er, er habe den Auftritt nur zugesagt, weil er eine kostenfreie Stunde Sendezeit bekomme. Trump sagte zudem, er hätte den zeitgleichen Auftritt Bidens bei ABC gerne angeschaut, «weil ich sehen wollte, ob er es durch die Sendung schafft». Trump (74) unterstellt seinem 77-jährigen Herausforderer immer wieder mangelnde körperliche und geistige Fitness.

BIDEN ÜBERZIEHT

Dabei war Bidens Auftritt am Donnerstagabend sogar länger als der von Trump. Während der Präsident sich eine Stunde lang Fragen stellte, waren es bei Biden 90 Minuten - in beiden Fällen gab es mehrere kurze Werbepausen. Ein Wähler hatte vor Biden nicht verbergen können, dass ihn eine Antwort Bidens nicht gänzlich zufrieden stellte. Biden bot an, nach dem Ende der Sendung weiter zu reden - was er auch tat.

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Ingo Kerp 17.10.20 13:22
Was bleibt vom Trump Auftritt in den Koepfen hängen? Der Satz der Moderatorin S. Guthrie: «Ich verstehe das nicht, Sie sind der Präsident, nicht jemandes verrückter Onkel.» Besser kann man es nicht ausdrücken.