Experten-Bündnis: Europa braucht eigene Digital-Infrastruktur

Vorsitzender Henning Kagermann spricht während einer Pressekonferenz. Archivfoto: epa/Omer Messinger
Vorsitzender Henning Kagermann spricht während einer Pressekonferenz. Archivfoto: epa/Omer Messinger

MÜNCHEN: Giganten aus den USA und China dominieren das Internet: Konzerne wie Facebook, Amazon, Google, Netflix und Alibaba. «Höchste Zeit» für eine europäische Alternative, mahnen Experten in einem neuen Vorstoß.

Eine breite Allianz aus Wissenschaftlern, IT-Experten und Medienmanagern hat die EU zum Bau einer eigenständigen Digital-Infrastruktur für Europa aufgerufen. Es ist nach Ansicht des Bündnisses «höchste Zeit» für eine Alternative zu den Internetriesen aus den USA und China.

Europa müsse die Hoheit über Daten und digitale Infrastrukturen erlangen, heißt es in einem Appell unter Führung des früheren SAP-Managers Henning Kagermann und des Intendanten des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm. Ein solches digitales Ökosystem müsse den europäischen Werten wie Offenheit und Vielfalt folgen.

«Wir wollen digitale Souveränität stärken - also die Selbstbestimmung Europas als Rechts- und Wertegemeinschaft und jedes einzelnen Nutzers», sagte Kagermann laut einer Mitteilung. Die Corona-Krise zeige, wie Digitalisierung das ganze Leben durchdringe, aber auch wie abhängig Europa von Plattformbetreibern außerhalb sei. Dies gefährde die Freiheit und Privatsphäre der Bürger.

Das Bündnis fordert in seinem Grundsatzpapier besonders Deutschland zum Handeln auf, das aktuell die EU-Ratspräsidentschaft hat, sowie auch Frankreich. Zudem appelliert es an das Parlament und die EU-Kommission mit deren Digitalstrategie. Die Herausforderung sei so groß, dass es ohne staatliches Handeln keine Aussicht auf Erfolg gebe.

Der ebenfalls an der Initiative beteiligte Präsident der TU München, Thomas Hofmann, sagte der «Süddeutschen Zeitung» (Dienstag): «Ob Cloud-Systeme, Suchmaschinen, Kommunikationsdienste: Die digitale Welt ist in US-amerikanischer oder asiatischer Hand.» Er mahnte: «Ich glaube, es ist dringend Zeit aufzuwachen, sonst verlieren wir in diesem Zukunftsspiel auch noch die zweite Halbzeit.»

BR-Intendant Wilhelm engagiert sich seit längerem für eine solche Infrastruktur. «Wenn Europa jetzt kraftvoll handelt und eine ambitionierte Initiative startet, kann ein öffentlicher digitaler Raum entstehen, der faire Zugangs- und Nutzungsbedingungen bietet, den öffentlichen Diskurs stärkt und die identitätsstiftende Pluralität Europas sicherstellt», sagte er der Mitteilung zufolge.

Zu den Kosten einer derartigen Initiative machte das Bündnis keine Angaben. In einem dpa-Interview hatte Wilhelm gesagt: Experten gingen zunächst von einem niedrigeren einstelligen Milliardenbetrag aus. «Gemessen an den Riesensummen, die jetzt zur Stabilisierung der Wirtschaft fließen, geht es hier um relativ kleine Beträge.»

Die Initiative sieht sich nicht in Konkurrenz zu bereits bestehenden Initiativen, sondern will diese für mehr Schlagkraft bündeln. Unter anderem treiben Deutschland und Frankreich Pläne für eine Cloud- und Dateninfrastruktur («Gaia-X») voran - unterstützt von zahlreichen Unternehmen beider Länder. Das Vorhaben soll zu einem europäischen Projekt ausgebaut werden.

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Rudolf Lippert 15.07.20 14:22
"Höchste Zeit"?
Der Zug ist doch schon längst abgefahren. Vielleicht hat Europa bisher noch die roten Lichter des letzten Waggons gesehen, nun sieht es nicht einmal mehr die und fängt an festzustellen wo man steht. Die ganze Wortwahl steht für einen inzwischen völlig abgehängten europäischen Bereich ("...höchste Zeit,...mahnen Experten, ...fordert auf...,...Herausforderung..., ...dringend Zeit aufzuwachen...,...wenn Europa jetzt...,...Initiative startet....,...Pläne für eine....) Wenn man sich erst jetzt noch motivieren muss zu handeln, dann ist der Zug schon voll abgefahren. Dass insbesondere DE ein Internet aus der Steinzeit hat ist gefühlt ewig bekannt, dass die Ami-Gross Firmen ganze Wirtschaftsbereiche konkurrenzlos dominieren ebenso. Hier beginnt jemand um 5.30 Uhr langsam aufzuwachen und meint es sei 5 vor Zwölf. Warum hat das in den letzten 10 Jahren niemand bemerkt? DER Drop ist gelutscht.
Thorsten Haase 14.07.20 17:30
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