Experten befürchten Folgen durch Affenpocken

Zahl der Nachweise steigt in Europa

Eine Frau arbeitet im Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Das Institut hat auch erstmals in Deutschland bei einem Patienten das Affenpockenvirus zweifelsfrei nachgewiesen. Foto: Martin Bühler
Eine Frau arbeitet im Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Das Institut hat auch erstmals in Deutschland bei einem Patienten das Affenpockenvirus zweifelsfrei nachgewiesen. Foto: Martin Bühler

Affenpocken-Fälle in Berlin - Zahl der Nachweise steigt in Europa

BERLIN: Erst München, nun auch Berlin: In Deutschland sind insgesamt drei Fälle von Affenpocken bestätigt. Nachweise gibt es nun in mindestens acht Ländern Europas - eine weitere Zunahme der Fälle wird erwartet.

Nach einem ersten Fall in München sind nun auch in Berlin zwei Infektionen mit dem Affenpocken-Virus nachgewiesen. Das teilte die Senatsverwaltung für Gesundheit am Samstag mit. Der Zustand der beiden Patienten sei stabil. Derzeit liefen Ermittlungen zu Kontaktpersonen. An welcher der beiden bekannten Varianten des Erregers die Patienten leiden, ist noch nicht bekannt.

Der Patient in München, bei dem erstmals in Deutschland überhaupt eine Affenpocken-Infektion bestätigt worden war, leidet an der milderen westafrikanischen Variante. Das hat die Genom-Analyse des Erregers am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr ergeben, wie das bayerische Gesundheitsministerium am Samstag mitteilte. Nach Angaben der München Klinik Schwabing vom Freitag ging es dem Patienten gut.

Der aus Brasilien stammende 26-Jährige war von Portugal über Spanien nach München gereist und hatte sich zuvor in Düsseldorf und Frankfurt am Main aufgehalten. Nach Angaben des Landesgesundheitsministeriums in Nordrhein-Westfalen liegen Hinweise «auf mögliche Kontakte von Personen mit dem Affenpockenvirus» vor. Diesen Hinweisen werde nachgegangen, sagte ein Sprecher des Ministeriums am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Das Landeszentrum für Gesundheit stehe in engem Austausch mit dem Ständigen Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger am Robert Koch-Institut (RKI).

Die meisten Fälle, die derzeit untersucht werden, verlaufen nach Angaben von Hans Kluge, Regionaldirektor für Europa bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, mild. Nach Angaben vom Freitag sind Fälle in mindestens acht Ländern der WHO-Region bekannt: Außer Deutschland sind das Spanien, Frankreich, Italien, Belgien, Portugal, Schweden und Großbritannien. Auch in Australien, Kanada und den USA wurden Fälle bestätigt - und damit in weiteren Weltregionen außerhalb Afrikas, von wo das Virus stammt. Am Samstag wurde in der Schweiz ein erster Fall nachgewiesen, wie das Kanton Bern mitteilte.

Die kürzlich nachgewiesenen Infektionen seien atypisch, weil die meisten Betroffenen nicht nach West- oder Zentralafrika gereist seien, wo die Krankheit endemisch sei, heißt es in dem Statement Kluges. Auffällig sei auch, dass die meisten zunächst entdeckten Infektionen bei homosexuellen Männern nachgewiesen wurden. Dass die Fälle über Europa verteilt festgestellt werden, lege nahe, dass das Virus schon eine Weile weitergegeben werde.

Kluge fürchtet, dass sich die Übertragungen in der Sommersaison mit Massenveranstaltungen, Festivals und Partys beschleunigen könnten. Das Virus werde derzeit bei sexuell aktiven Menschen festgestellt, vielen seien die Symptome unbekannt.

Die spanischen Behörden gehen unterdessen der Vermutung nach, dass Partys der Gay Pride auf der Urlauberinsel Gran Canaria ein möglicher Ansteckungsherd für die Infektionen gewesen sein könnten. Das berichtete die Zeitung «El País» unter Berufung auf Quellen im Gesundheitssektor. An der vor allem von Homosexuellen besuchten «Maspalomas Pride» nahmen vom 5. bis 15. Mai etwa 80.000 Menschen aus Spanien und vielen anderen Ländern teil, wie die Zeitung berichtete.

Männer aus Italien, aus Madrid sowie von der Insel Teneriffa, bei denen das Virus nachgewiesen wurde, sollen an den Feierlichkeiten teilgenommen haben. Intimkontakte sind ein möglicher Übertragungsweg für das Virus. Am Freitag hatten Behörden bereits eine Sauna in Madrid geschlossen, weil sich auch dort mehrere Männer angesteckt haben sollen. In Spanien waren bis Freitag 30 Affenpocken-Fälle nachgewiesen. Zudem gebe es weitere 23 Verdachtsfälle.

In Schweden hat die Regierung nach dem ersten bestätigten Fall vom Donnerstag die Affenpocken als für die Allgemeinheit gefährlich eingestuft. «Die Einstufung ermöglicht es, Maßnahmen zum Infektionsschutz zu ergreifen, um die weitere Ausbreitung zu verhindern», erklärte Sozialministerin Lena Hallengren.

Gesundheitsbehörden zufolge verursacht das Virus meist nur milde Symptome, kann aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen. In Einzelfällen sind tödliche Erkrankungen möglich. Übertragen wird das Virus vor allem über direkten Kontakt oder Kontakt zu kontaminierten Materialien.

Mit der zu beobachtenden Häufung handle es sich bereits um eine Epidemie - es sei jedoch «sehr unwahrscheinlich, dass diese Epidemie lange dauern wird», sagte Fabian Leendertz, Gründungsdirektor des Helmholtz Instituts für One Health (HIOH) in Greifswald und Leiter der Projektgruppe Epidemiologie hochpathogener Erreger am RKI. Die Fälle seien über Kontaktverfolgung gut einzugrenzen. Zudem gebe es Medikamente sowie wirksame Impfstoffe, die eingesetzt werden könnten.

Die Krankheit trägt den Namen Affenpocken, nachdem der Erreger 1958 erstmals bei Affen in einem dänischen Labor nachgewiesen wurde. Fachleute vermuten, dass das Virus eigentlich in Hörnchen und Nagetieren zirkuliert, Affen und Menschen gelten als sogenannte Fehlwirte.


Experten befürchten Folgen für sexuelle Gesundheit durch Affenpocken

LONDON: Britische Mediziner haben sich besorgt über mögliche Folgen der Affenpocken auf die ärztliche Versorgung von Geschlechtskrankheiten sowie Kinderwunschbehandlungen geäußert. Ärzte und Pfleger, die mit Infizierten in Kontakt kommen, müssten sich isolieren, sagte Claire Dewsnap, Chefin des Fachverbands British Association for Sexual Health and HIV, am Samstag der BBC.

In London würden Kliniken keine «Walk-in-Behandlung» mehr anbieten, berichtete der Sender: Patienten müssten also vorab anrufen und ihre Symptome schildern, bevor sie einen Termin erhalten. Einige Mitarbeiter hätten bereits eine Pockenimpfung erhalten. Auch wenn der Impfstoff nicht speziell auf das Affenpocken-Virus zugeschnitten ist, soll er einen gewissen Schutz bieten - vor allem gegen schwerere Erkrankungen.

Dewsnap sagte, die Infektionen würden den Druck auf das ohnehin schwer belastete Personal noch erhöhen. «In Hinsicht auf Infektionen und Konsequenzen für Betroffene bin ich nicht besorgt», sagte die Verbandschefin. «Aber ich bin besorgt um unsere Möglichkeit, gute Dienste für sexuelle Gesundheit sowie Zugang für alle aufrechtzuerhalten und gleichzeitig diese neue Infektion zu bewältigen.»

Sie forderte mehr finanzielle Unterstützung. «In den vergangenen zehn Jahren ist die Finanzierung durch das öffentliche Gesundheitsbudget erheblich zurückgegangen.» Dadurch gebe es nun weniger Personal und weniger Möglichkeiten, Patienten zu behandeln.

Der Pandemie-Experte Peter Horby von der Universität Oxford zeigte sich verwundert über die Ausbreitung der Affenpocken. Es handele sich um eine «ungewöhnliche Situation», da das Virus außerhalb von West- und Zentralafrika übertragen werde, sagte Horby der BBC. Es gebe «offenbar ein Element der sexuellen Übertragbarkeit», sagte Horby und verwies darauf, dass das Virus vor allem bei schwulen oder bisexuellen Männern festgestellt worden sei.

In Großbritannien wurden bisher 20 Fälle von Affenpocken bestätigt. Auch in anderen Ländern wie Deutschland, Spanien, Frankreich, Schweden, Australien und den USA wurden Fälle festgestellt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte zu einer rigorosen Nachverfolgung aller Kontakte von Betroffenen aufgerufen. Kliniken und Bevölkerung müssten für die Symptome sensibilisiert werden.

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