Exodus aus Südosteuropa

Länder verlieren Kampf um kluge Köpfe

Foto: Twitter/@andrew_r_gray
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BUKAREST/NÜRNBERG (dpa) - Zu Hunderttausenden haben die Südosteuropäer ihre Heimat in Richtung Westeuropa verlassen. Firmen schrecken nun sogar vor Investitionen zurück, weil Personal fehlt. Deutschland profitiert. Rumänien holt Gastarbeiter sogar aus Vietnam.

«Wir sind eine im Verschwinden begriffene Nation.» So beklagt Marian Hanganu, früherer Verkaufsdirektor der rumänischen Headhunting-Firma Colorful, auf der Homepage der Firma die Massenauswanderung aus einem der ärmsten EU-Länder. «Das Resultat ist, dass viele multinationale Unternehmen entschieden haben, nicht mehr in Rumänien zu investieren, weil es einfach kein Personal gibt.» Ähnlich sieht es im Nachbarland Bulgarien aus: «Die Wirtschaft beginnt, Verträge und neue Aufträge abzusagen, da es an Arbeitskräften fehlt», so Wirtschaftsminister Emil Karanikolow in einem bulgarischen TV-Sender.

Viele Menschen aus Südosteuropa zieht es in Länder wie Deutschland, Italien und Spanien. Die Löhne in ihrer Heimat steigen, aber nur gering. Ganz Südosteuropa ist betroffen. Unternehmer, Experten und Politiker von Budapest bis Athen sorgen sich. Gerade die für den Arbeitsmarkt attraktiven jungen, gut ausgebildeten Menschen wandern ab. Fachkräfte fehlen an allen Ecken und Enden.

Mancherorts führt der Exodus zu verzweifelten Versuchen der Behörden, den Bürgern Normalität vorzugaukeln, wie etwa im ostkroatischen Dorf Rusevo: Dort wurde jüngst das Schulgebäude neu gestrichen, obwohl es in dem Ort nur vier Schüler gibt. Was aber nicht wegzutünchen ist: In dem auf 310 Einwohner geschrumpften Ort in der Nähe von Slavonski Brod steht die Hälfte der Häuser an der Hauptstraße leer, viele davon verfallen.

Mehr als zwei Millionen Rumänen leben nach Schätzung der Regierung in Bukarest im Ausland, die meisten in Spanien und Italien. Der Exodus in der Nachbarschaft war ähnlich: Mehr als 700.000 Bulgaren haben nach offiziellen Angaben im EU-Ausland ein neues Zuhause. Aus Kroatien wanderten laut einer Studie der Nationalbank (NHB) in Zagreb allein von 2013 bis 2016 insgesamt 230.000 Bürger ins EU-Ausland aus. Es entspricht einer Auswanderungsrate von 2 Prozent der Bevölkerung pro Jahr. Serbien haben seit dem Jahr 2000 nach Regierungsangaben 654.000 Menschen verlassen. Sie gesellen sich zu der halben Million Serben, die bereits vorher wegen der von Slobodan Milosevic angezettelten Kriege emigriert sind.

Griechenland kehrten seit Ausbruch der schweren Finanzkrise 2010 nach Schätzungen der Gewerkschaften mindestens 400.000 überwiegend junge Menschen den Rücken. Der neue konservative griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis hat wiederholt erklärt, sein Ziel sei es, das Leben aller Griechen zu verbessern und auch den Auswanderern wieder «Perspektiven zu bieten, damit sie zurückkehren».

Sogar in Ungarn, das bislang als eines der am besten entwickelten Länder der Region galt, setzte nach der globalen Krise 2008 eine Emigrationswelle ein, die sich nach 2010 sprunghaft verstärkte, wie die Budapester Soziologin Agnes Hars in einer Studie feststellte. Allein von 2010 bis 2017 hätten mehr als 200.000 Ungarn zwischen 20 und 65 Jahren das Land verlassen - die Dynamik sei die höchste in allen neuen EU-Beitrittsländern gewesen. Seit 2010 ist der nationalistische Politiker Victor Orbán Ministerpräsident von Ungarn.

Für Cristina Mihu war die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, leicht. Sie hatte in der Schule in Deva in der rumänischen Provinz Transsylvanien Deutsch als zweite Fremdsprache gelernt. Während des anschließenden Medizin-Studiums in Temeswar finanzierten ihre Eltern drei Praktika in Kliniken in Italien, Spanien und in Heidelberg. «Ich wollte international Erfahrungen sammeln», sagt die 32-jährige Fachärztin für Innere Medizin am Klinikum Nürnberg. Seit sechs Jahren ist sie in Franken. Die in Rumänien auch im Gesundheitswesen verbreitete Korruption war neben dem besseren Verdienst ein Grund für ihre Auswanderung. «Das hat mich schon gestört, auch wenn es früher schlimmer war», sagt sie.

Im Vergleich zu Rumänien habe Deutschland nicht nur die besser ausgestatteten Kliniken, sondern auch einen anderen ihr sympathischen Zug. «In Deutschland spricht man deutlich mehr mit den Patienten», sagt Mihu.

Eine Stichprobe unter 217 deutschen Krankenhäusern ergab die klare Tendenz, dass unter den nichtdeutschen Pflegekräften die meisten aus Bosnien-Herzegowina stammten. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft werden die meisten ausländischen Arbeitskräfte über eigene Akquise oder private Vermittler gewonnen.

Allgegenwärtig ist in Südosteuropa der Mangel an Ärzten und Pflegepersonal: In der ungarischen Kleinstadt Szolnok musste die Station für Infektionskrankheiten deswegen vorübergehend geschlossen werden. Das Kreiskrankenhaus der rumänischen Donaudelta-Stadt Tulcea hat seit neuestem keine Anästhesisten mehr, weil von den drei ursprünglich vorhandenen zwei gekündigt haben und einer selbst krank geworden ist.

Rumänische Unternehmer versuchen wegen des Engpasses sogar, Personal aus dem Fernen Osten anzulocken. Die Regierung hat für dieses Jahr ein Kontingent von 20.000 Arbeitskräften aus Nicht-EU-Ländern festgelegt. Jüngst war dies auch Thema bilateraler Verhandlungen mit Pakistan. Das Kontingent ist aber aus Sicht des Headhunters Hanganu nur ein «Tropfen auf den heißen Stein». Mindestens 300.000 Arbeitskräfte fehlten in Rumänien.

Die Zusammenarbeit mit Gastarbeitern aus Fernost scheitere oft, weil etliche von ihnen das Klima und die Kost in Rumänien nicht vertrügen, sagt Andreea Tartacan, Mitarbeiterin von Colorful, der dpa. «Jetzt geht der Trend dahin, zumindest für den Bausektor Arbeiter aus Tadschikistan anzuwerben. Sie sind wahrscheinlich körperlich robuster als die Vietnamesen, weil die Tadschiken aus der Steppe kommen», meint die Expertin. Die Arbeiter aus Fernost stellten für die Arbeitgeber wegen der Anpassungsschwierigkeiten ein hohes Risiko dar. «Es ist wie beim Roulette.» Einen Vorteil hätten diese Gastarbeiter aber auf jeden Fall: «Sie sind fleißig und seriös».

Auch Bulgarien beschäftigt Gastarbeiter, wenn auch nicht aus dem ganz so fernen Osten wie in Rumänien: In den Badeorten am Schwarzen Meer kommen die Kellner und Zimmermädchen auch aus der Ukraine, Weißrussland und Moldau.

Die westliche Politik scheint die Abwanderung anzuheizen: Im bitterarmen Kosovo hat jüngst der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn eine Schule besucht, in der Pflegekräfte aus dem Land für Deutschland ausgebildet werden. Auch die als Vorzeige-Gymnasium geltende Deutsche Schule im kosovarischen Prizren gilt als Brain-Drain-Lokomotive. Bis zu 30 Abiturienten pro Jahrgang wird ein Ausbildungsvertrag in Deutschland angeboten. Kaum einer von ihnen ist nach der Ausbildung je zurückgekehrt.

Aus Sicht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg profitiert Deutschland von den Zuwanderern aus Südosteuropa. «Sie sind meist jung, die Beschäftigungsquote ist annähernd vergleichbar mit der der Deutschen», sagt IAB-Migrationsforscher Herbert Brücker. In diversen Branchen wie Bau, Pflege und Gastronomie würde es ohne diese Kräfte eng, da sich kaum deutsche Bewerber fänden. «Da findet kein Verdrängungswettbewerb statt», meint Brücker. Nach IAB-Erkenntnissen hat die Aussicht auf attraktive Jobs im Westen den Bildungshunger gestärkt. In manchen Ländern Ost- und Südosteuropas habe sich die Akademikerquote deutlich erhöht, so Brücker.

Hart ins Gericht mit Berlin geht Tado Juric, Politologe und Bevölkerungsexperte an der Katholischen Universität in Zagreb. Deutschland solle seine demografischen Probleme nicht durch Zuwanderung aus Südosteuropa zu lösen versuchen. «Ich halte es für unfair, dass sich Deutschland auf unser aller Kosten selbst rettet.» Die EU müsse sich mit dem Problem der «unfairen Migration» befassen, sagte Juric der dpa. «Wenn diese Trends andauern, droht dieses Land Kroatien zu verschwinden.»

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Jürgen Kesselheim 23.08.19 22:48
#Stevens - Goldener Käfig EU
Lesen Sie ihren eigenen Text und, wenn sie ihren Text verstanden haben, fügen sie bitte eine Erklärung hinzu!
Wilfried Stevens 22.08.19 19:55
Goldener Käfig EU
Wer ist schlauer, GB oder die mysteriöse EU... ;). Billige Arbeitskräfte, kommen wie will, ist doch beliebt bei Arbeitgebr-DE-Bananenland...